16.06.2004 · Vorübergehende Arbeitslosigkeit muß kein Hindernis für Karriere sein. Motivation und Engagement sind wichtiger, hat eine Studie über „High Potentials“ ergeben. Unternehmen suchen jetzt häufiger nach solchen Mitarbeitern.
Von Bernd MikoschDas Betriebswirtschaftsstudium in der Regelstudienzeit absolviert, Auslandssemester in Amerika, Diplomarbeit bei einem großen Automobilbauer - ein Lebenslauf wie dieser garantierte vor wenigen Jahren noch den problemlosen Einstieg beim Traumarbeitgeber. Heute müssen selbst sogenannte High Potentials, besonders qualifizierte und talentierte Absolventen, mehr als eine oder zwei Bewerbungen schreiben.
Die Personalverantwortlichen wissen, daß der Arbeitsmarkt auch für hochqualifizierte Absolventen eng geworden ist. "Eine vorübergehende Arbeitslosigkeit muß jedoch kein Hindernis für eine angestrebte Karriere sein", sagt Jochen Kienbaum, Vorsitzender der Geschäftsführung der gleichnamigen Unternehmensberatung. Für die jüngste High-Potentials-Studie haben die Kienbaum-Berater Angaben von über 250 Unternehmen aller Größen und Branchen ausgewertet.
Nicht länger als ein Jahr
Danach akzeptiert jede zweite Firma ein halbes Jahr Stellensuche. Jede zehnte meint, daß ein Absolvent spätestens nach drei Monaten eine Stelle gefunden haben sollte. Länger als ein Jahr darf die Suche jedoch für die wenigsten Unternehmen dauern (siehe Grafik).
"Wichtiger als kleinere ,Auszeiten' sind den Unternehmen eine überdurchschnittliche, glaubhaft präsentierte Motivation und Engagement", sagt Kienbaum. Fast jede dritte Firma würde bei gleicher Qualifikation jedoch den Bewerber bevorzugen, der nicht arbeitslos war.
Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Einstellungen, außer in der Finanzdienstleistungsbranche, nicht weiter zurück. Vor allem das produzierende Gewerbe rekrutierte wieder verstärkt neue Mitarbeiter. Allerdings wurden nicht mehr High Potentials eingestellt als 2002. "Eine mögliche Erklärung ist, daß viele Unternehmen sparen mußten und sich keine High-Potential-Gehälter mehr leisten wollten", sagt Kienbaum, denn die Top-Nachwuchskräfte verdienen im ersten Jahr durchschnittlich rund 43.400 Euro und damit etwa 5000 Euro mehr als andere Absolventen.
Bedarf bei Beratern
Im Vergleich zur Zahl der geplanten Einstellungen melden die Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen den höchsten Bedarf an High Potentials: 2004 und 2005 wollen die Unternehmen dieser Branche so gut wie alle freien Stellen mit Top-Nachwuchskräften besetzen, andere Absolventen haben kaum eine Chance. Im Durchschnitt sehen die Personalmanager allerdings für keine Studienrichtung einen "sehr großen Bedarf" (siehe Grafik). "Das hängt mit der wirtschaftlichen Situation und dem Bewerberüberhang zusammen", sagt Kienbaum. Geistes- und Sozialwissenschaftler haben es derzeit besonders schwer: Fast zwei Drittel der Unternehmen geben an, künftig keine Geisteswissenschaftler einstellen zu wollen; mehr als die Hälfte fragen keine Sozialwissenschaftler nach. Im Gegensatz dazu gibt es nicht einen Personaler, der keinen Bedarf an Wirtschaftswissenschaftlern meldet.
Die Unternehmen rekrutieren ihre High Potentials vermehrt international: Vor zwei Jahren suchten noch 22 Prozent europaweit nach Top-Nachwuchskräften, heute sind es bereits 29 Prozent. Jedes vierte Unternehmen rekrutiert Informatiker und Ingenieure sogar weltweit, denn auf dem Heimatmarkt fehle es an qualifizierten Bewerbern. Schwer zu finden sind der Studie zufolge vor allem Elektroingenieure, Maschinenbauer und Verfahrenstechniker. Gut ausgebildete Juristen sowie Geistes- und Sozialwissenschaftler sind dagegen keine Seltenheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt, eine europa- oder weltweite Rekrutierung sehen viele Unternehmen deshalb als überflüssig an.
Fragen nach dem Bewerbungsverhalten
57 Prozent der Unternehmen wollen sich in diesem Jahr verstärkt um Kontakte zu High Potentials bemühen. Die Gründe liegen auf der Hand: High Potentials seien in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten verfügbarer und auch bereit, für ihren Betrieb zu arbeiten und nicht nur für den Branchenprimus. Außerdem gehen viele Unternehmen davon aus, daß die High Potentials derzeit Zugeständnisse beim Gehalt machen. Die Kienbaum-Berater fragten auch nach dem Bewerbungsverhalten: Einig sind sich die Personaler, daß die Zahl der Bewerbungen gestiegen ist - insbesondere auch die der Initiativbewerbungen, denen also keine Stellenausschreibung vorausgegangen war.
Ob sich der Anteil qualifizierter Bewerber erhöht hat, bleibt unklar: 41 Prozent stimmen zu, 48 Prozent verneinen die Frage. Fast zwei Drittel sagen, daß die Bewerber ihre Mappen trotz der erhöhten Konkurrenz nicht mit größerer Sorgfalt erstellen. Außerdem beobachten die Personaler, daß viele Kandidaten ihre Unterlagen gleich mehrmals schicken, weil sie so vermeintlich ihre Chancen erhöhen. "Die Flut an Bewerbungen sorgt für einen erheblichen Mehraufwand", sagt Kienbaum. "Deshalb werden die Stellen auch nicht schneller besetzt." Zwei Monate dauert es im Schnitt von der Bewerbung bis zur Unterzeichnung des Arbeitsvertrages.
MBA interessanter als Promotion
Ein Diplom von der Universität sehen Unternehmen aller Branchen immer noch am liebsten. Nur in der Energie- und Konsumgüterbranche gilt ein Fachhochschulabschluß als gleichwertig. Der im Aufbaustudium erworbene Titel "Master of Business Administration" (MBA) zählt für Unternehmen aller Branchen mindestens so viel wie eine Promotion, von den meisten wird der MBA sogar bevorzugt. Der Bachelor gilt nur in jedem dritten Unternehmen als gleichwertig zum Diplom. Dem Master dagegen geben 6 Prozent der Personalmanager den Vorzug vor dem Diplom. 10 Prozent sehen den Master als schlechter an, die meisten stufen Master und Diplom als gleichwertig ein. Positiv beurteilt werden die kürzere Studiendauer, die Praxisorientierung und die zunehmende Internationalität, die mit der Umstellung der Studiengänge einhergehen soll.
Der akademische Titel allein reicht allerdings nicht: Praktika sind für mehr als die Hälfte der Unternehmen eine unabdingbare Voraussetzung für die Einladung zum Vorstellungsgespräch, an zweiter Stelle folgen Sprachkenntnisse. Zunehmend wichtiger wird die Auslandserfahrung der Bewerber. "Etwas an Bedeutung gewonnen haben auch Examens- und Abiturnoten, was wohl mit der zunehmenden Zahl der Bewerber zusammenhängt", sagt Kienbaum. Praktika können nicht nur das entscheidende Plus im Lebenslauf sein, sie dienen vielen Unternehmen auch als Rekrutierungsinstrument, ähnlich wie die Vergabe von Diplomarbeiten. Kienbaum: "Die Unternehmen haben so die Möglichkeit, den Kandidaten über einen längeren Zeitraum hinweg kennenzulernen und danach zu beurteilen, ob er zum Unternehmen paßt."
Unerläßlich: Fähigkeit zur Eigenmotivation
Die wichtigste persönliche Eigenschaft eines High Potentials ist seine Fähigkeit zur Eigenmotivation. Auf der Wunschliste der Personaler folgen analytische Fähigkeiten, Kommunikationsstärke, Belastbarkeit und Lernbereitschaft. Karriereorientierung und Risikobereitschaft sind dagegen nicht so wichtig. "Einige Unternehmen befürchten wohl, daß die High Potentials sie bald wieder verlassen könnten, wenn sie nur auf ihre Karriere achten", erläutert Kienbaum.
Trotz der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt sind die Unternehmen nämlich nicht immer in der starken Position: Immerhin fast 18 Prozent der High Potentials lehnen ein Angebot ab und entscheiden sich für ein anderes Unternehmen - meist wegen fehlender Karriereperspektiven oder eines zu niedrigen Gehalts. Bei der vorangegangenen High-Potentials-Studie aus dem Jahr 2002 war der Anteil der gescheiterten Rekrutierungen nur unwesentlich höher. Kienbaum: "Daraus läßt sich ableiten, daß sich die Situation für High Potentials in den vergangenen zwei Jahren nicht merklich verschlechtert hat."
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.382,94 | +0,45% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2536 | −0,04% |
| Rohöl Brent Crude | 106,85 $ | −0,38% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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