Deutschlands größter Arzneimittelhersteller Bayer erwägt Teile seiner Entwicklung auszulagern, von Wettbewerbern werden ähnliche Schritte erwartet. Werden die großen Pharmakonzerne bald sogar ganz aus der Forschung aussteigen und sich Neuentwicklungen nur noch von kleinen Anbietern zukaufen?
Die Dinosaurier-Forschungsabteilungen stelle ich in Frage. Die Entwicklungsprojekte werden immer komplexer. Dazu bedarf es innovativer, schlagkräftiger kleiner Forschungseinheiten. Auch die großen Marketing- und Vertriebsapparate braucht man für bestimmte Arzneimittel künftig nicht mehr in der heutigen Form. Aber die Konsequenz daraus setzt sich in den Konzernen erst sehr langsam durch.
Aufwändig ist Arzneimittelentwicklung aber auch in kleinen Unternehmen, sie wird immer teurer. Wer soll das zahlen?
Die Forschung muss effizienter werden. Kleinere Unternehmen haben kürzere Entscheidungswege, sie können sich dadurch viel schneller den Markterfordernissen anpassen und haben geringere Kosten. Viele Hersteller gehen jetzt Kooperationen ein, um Kosten und Risiken zu teilen. Davon werden noch viel mehr kommen. Künftig werden die Entwickler auch vermehrt schon in der zweiten der drei vorgeschriebenen Studienphasen entscheiden, ob ein Projekt den nötigen therapeutischen Mehrwert für bestimmte Patienten hat. Die Branche muss neue Geschäftsmodelle entwickeln, sonst wird sie noch durch ein tiefes Tal gehen.
Womit rechnen Sie?
Mit vier großen Paradigmenwechseln. Der erste ist, dass zukünftig nicht mehr die Krankheit im Vordergrund steht, sondern der Patient. Das heißt, dass Innovationen kleinteiliger und auf Patientengruppen zugeschnitten sein werden. Die Zeit der klassischen Blockbuster-Präparate mit mehr als einer Milliarde Dollar Umsatz im Jahr ist vorbei. Stattdessen liegt die Zukunft in der molekularen Diagnostik und in der auf bestimmte Gruppen oder sogar einzelne Patienten zugeschnittenen Medizin. Die zweite Veränderung zeigt sich in der Verschiebung von chemischen Produkten zur Biotechnologie. Der dritte Wandel ist, dass sich künftig der Wert eines neuen Produkts nicht mehr allein durch das Patent definiert, sondern auch durch den therapeutischen Mehrwert. Schließlich werden den Preis nicht mehr die Anbieter alleine bestimmen, sondern auch die Krankenkassen und großen Organisationen der Patientenversorgung. Deshalb wird sich die Branche in den kommenden zehn Jahren stärker verändern als in den fünfzig vergangenen.
Warum sollten sich Patente in Zukunft nicht mehr durchsetzen lassen?
Darum geht es gar nicht. Der Patentschutz wird für die Verwertung der Produkte aber keine so dominierende Rolle mehr spielen. Früher war der Zeitraum mit dem höchsten Umsatz derjenige vor dem Patentablauf eines Produkts. Heute entscheiden Kosten-Nutzen-Überlegungen schon viel früher, welches Medikament erstattet wird und welches nicht.
Das indische Patentgericht hat Bayer vor kurzem dazu verpflichtet, ein Krebsmittel quasi zur Kopie freizugeben. Wenn das Beispiel Schule macht...
Das Urteil ist eine Katastrophe, um das Wohl der Patienten ging es dabei nicht. Es ist eine reine Interessenentscheidung zugunsten der indischen Generikabranche - und ein Missbrauch des internationalen Handelsabkommens, das diese Form der Zwangslizenz etwa zur Bekämpfung einer Pandemie vorsieht. Wäre davon statt Bayer ein amerikanischer oder französischer Hersteller betroffen, hätten die Regierungen heftig protestiert. Aber die deutsche Politik ist da eben weich.
In Deutschland gibt es seit kurzem Preisverhandlungen für Medikamente, über die sich die Arzneimittelhersteller auch bitter beklagen.
Ich halte dieses Gesetz grundsätzlich für richtig, weil wir viel stärker zwischen sogenannten Scheininnovationen auf der einen Seite und Schritt- und Sprunginnovationen auf der anderen Seite unterscheiden müssen. Sollen wir wirklich auch noch die zehnte Variante eines ACE-Hemmers mit einem Mehrpreis erstatten? Die Frage ist aber, wie das Gesetz ausgelegt und angewandt wird. Ein Rechenbeispiel: Wenn für ein Medikament bis zum Patentablauf bisher 100 Euro erstattet wurden, kalkulierte der Hersteller für den verbesserten Nachfolger vielleicht mit 150 Euro. Jetzt aber soll nicht mehr das Original, sondern ein Nachahmerprodukt, für das vielleicht nur 30 Euro gezahlt werden, die Basis für die Preisfindung sein - mit der Folge, dass die Neuentwicklung statt 150 nur 45 Euro kosten darf. Das ist der Tod, das ist das Ende der Forschung.
Warum investieren Sie selbst dann immer noch unverdrossen in die medizinische Biotechnologie, die den Anlegern in Deutschland bislang vor allem Enttäuschung gebracht hat?
Bis jetzt mögen die Ergebnisse mager gewesen sein. Am Anfang wurden zu große Hoffnungen geweckt; alle glaubten, ganz schnell einen Gewinn einzustecken. Wir investieren dagegen mit langfristigem Horizont. Ich bin sehr optimistisch, dass wir zum Beispiel von der Antikörperentwicklung in zwei Beteiligungsfirmen 2014 die ersten Erfolge sehen werden. Und die Leitsubstanz unserer gemeinsam mit Dietmar Hopp finanzierten Beteiligung Immatics, ein Impfstofff gegen Krebs, befindet sich in der entscheidenden klinischen Testphase vor ihrer Zulassung. So wird die Biotechnologie zur Innovationsquelle für die Pharmabranche. Natürlich werden wir Rückschläge sehen; das ist Teil des Geschäftsmodells. Mindestens eines der zehn Biotech-Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, wollen wir aber bis zur Marktreife begleiten.
Welchen Einfluss nehmen Sie und Ihr Bruder selbst auf die Entwicklung Ihrer Beteiligungen?
Wir sehen uns als einen sehr aktiven Aufsichtsrat. Wir haben aber gelernt, dass wir die Forscher für sich arbeiten lassen müssen, dann kommen sie am besten voran. Deshalb wollen wir auch unsere Beteiligungen nicht zusammenschließen, um Gottes willen! Dafür sind die Ansätze und Charaktere zu verschieden.
Wie wählen Sie aus, woran Sie sich beteiligen?
Vor allem müssen uns die Forscher mit ihrer Leidenschaft begeistern. Und wir fragen die Fachleute aus unseren anderen Beteiligungen und Netzwerken, wie sie die jeweiligen Unternehmen beurteilen. Jetzt werden wir uns aber auf das Bestehende konzentrieren. Für unsere erste Beteiligung Aicuris zum Beispiel sehen wir gerade phantastische Studiendaten für neue Antiinfektiva. Das ist ungeheuer ermutigend, weil die Resistenzbildung in Krankenhäusern heute ein größeres Problem als Aids ist. Und mich wundert, wie wenig die Öffentlichkeit in Deutschland über die Fortschritte der deutschen Biotechnologie Bescheid weiß.
Einer der Gründe dafür könnte sein, dass die deutschen Entwickler nach Subventionen für ihre Forschung rufen, während die amerikanischen Anbieter Milliardenumsätze und Gewinnen verbuchen.
Das sehe ich nicht so. Deutschland hat wegen falscher politischer Weichenstellung in den achtziger Jahren den Anschluss an die internationale Spitzenforschung verloren. Joschka Fischer hat damals als hessischer Umweltminister eine Versuchsanlage für die gentechnologische Herstellung von Insulin in Frankfurt verweigert. Dies hat dafür gesorgt, dass viele Pioniere ihre Forschung in Amerika statt in Deutschland aufgebaut haben. Das hat der deutschen Biotechnologie sehr geschadet - ähnlich wie der Abzug der Forschungsabteilung von BASF jetzt der grünen Gentechnik schaden wird. Hinzu kommt, dass die deutsche Pharmakonzerne traditionell chemielastig und an Biotech weniger interessiert waren.
Aber warum soll es Staatsaufgabe sein, das zu ändern?
Die Branche benötigt jetzt Unterstützung, um wieder Anschluss zu finden. Die High-Tech-Strategie der Bundesregierung und die Cluster-Förderung gehen in die richtige Richtung. Darüber hinaus ist aber auch die heutige Steuergesetzgebung forschungsfeindlich. Wie wollen Sie Risikokapitalgeber finden, wenn die aufgelaufenen Verluste aus der Forschung beim Gesellschafterwechsel ganz oder teilweise verloren gehen?
Die günstigen Nachahmermedikamente von Hexal waren auch ohne Staatshilfe profitabel. Ist die Generikabranche nicht viel attraktiver als das riskante Geschäft mit der Biotechnologie?
Für die biotechnologischen Generika, stimme ich Ihnen zu. Für die chemischen Substanzen dagegen sind zumindest in Deutschland die goldenen Zeiten vorbei. Für die über Rabattverträge von den Kassen eingekauften Generika haben wir in Deutschland das mit Abstand niedrigste Preisniveau in Europa, die Preise liegen oft unter den Herstellungskosten. Für die Anbieter macht das Geschäft nur mit einer Mischkalkulation Sinn: Wenn sie den Zuschlag in Deutschland bekommen, sinken ihre Fixkosten. Sie können das Produkt dann wenigstens in anderen Ländern konkurrenzfähig verkaufen. Ich frage mich, wie lange das noch so gehen wird.
Woher soll dann das Geld für die teuren Neuentwicklungen aus Ihren Biotechfirmen kommen - selbst wenn es sich dabei um echte Innovationen handelt?
Ich kann mir gut vorstellen, dass für bedeutende Innovationen künftig der Druck der Patienten die Entscheidung über ihren Preis beeinflussen wird. Unsere Gesundheitssysteme können nicht mehr so viele Medikamente erstatten wie bisher. Im Gegenzug müssten aber beispielsweise lebensnotwendige Krebsmittel jedem ohne Einschränkung zur Verfügung gestellt werden. Vielleicht kann es Modelle für eine Erstattung im Verhältnis zum Einkommen geben, für die Stammzelltherapie etwa. Wer sich nicht mehr leisten kann, zahlt dafür nur einen Euro; wer sehr vermögend ist, einen siebenstelligen Betrag - wenn die Behandlung wirklich Leben rettet. Die Lösung des Problems kann jedenfalls nur sein, dass die Politik, Kassen, Ärzte und Industrie aufeinander zugehen und gemeinsam im Interesse des Patienten handeln.
Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Andreas hat Thomas Strüngmann 1986 den Arzneimittelhersteller Hexal AG gegründet und 2005 für rund 5,6 Milliarden Euro an den Schweizer Pharmakonzern Novartis verkauft. Neben dem SAP-Gründer Dietmar Hopp sind die 1950 geborenen Brüder seither die wichtigsten Investoren in der deutschen Biotechnologiebranche, ihr Engagement beläuft sich auf rund 700 Millionen Euro. Thomas Strüngmann hat Betriebswirtschaftslehre studiert, ist vierfacher Vater und lebt am Tegernsee.
zum totlachen
Hans-Joachim Schult (systemrelevant)
- 11.04.2012, 17:03 Uhr
Andreas und Thomas Strüngmann, je 3,75 Milliarden Dollar, Platz 185
auf der Forbes-Liste,
Matthias OlavHakon (UlmerKritiker)
- 11.04.2012, 16:17 Uhr
Die Zeiten des Herrn Gerd Schröder, der die Plünderung ....
Heinz Fromm (gast007)
- 11.04.2012, 15:38 Uhr