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Hess : Straßenlaternenhersteller unter Betrugsverdacht

  • Aktualisiert am

Als man ihnen noch glaubte: Christoph Hess (rechts) und Peter Ziegler beim Börsengang. Bild: DGAP

Der Schwarzwälder Hersteller von Straßenlaternen Hess ist erst im Herbst an die Börse gegangen. Jetzt hat das Unternehmen seine beiden Vorstände fristlos entlassen - sie sollen durch fingierte Umsätze vor dem Börsengang die Finanz-, Vermögens- und Ertragslage zu positiv ausgewiesen haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

          Nach Bekanntwerden des Verdachts der Bilanzmanipulation beim Leuchtenhersteller Hess AG sorgen sich Aktionärsschützer um das erst mühsam wieder aufgebaute Vertrauen für Börsengänge. Der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Thomas Hechtfischer, sagte, wenn die Vorwürfe stimmten, wäre dies ein Schlag gegen die Aktienkultur. Die Anleger seien verunsichert. Das im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen ansässige mittelständische Unternehmen war erst im vergangenen Oktober an die Börse gegangen. „Das wäre ein ganz dicker Hund, wenn falsche Angaben auch im Zulassungsprospekt Einlass gefunden hätten und den Anlegern etwas vorgegaukelt worden wäre“, erklärte Hechtfischer weiter.

          Betroffene Aktionäre müssten zunächst prüfen, ob sie Hess-Anteile nach der Veröffentlichung des Prospekts gezeichnet haben oder schon davor. „Dann greift die Prospekthaftung nämlich nicht.“ Sollte sich der Vorwurf der Bilanzmanipulation erhärten, dürften viele Kleinanleger betroffen sein. Denn das Unternehmen hatte Sparkassen-Kunden im Schwarzwald und in Sachsen, wo die Firma einen weiteren Standort hat, bei der Zuteilung bevorzugt behandelt, wie Reuters berichtete.

          Fingierte Umsätze

          Eine Unternehmenssprecherin sagte, der Börsengang sei entsprechend den Regeln durchgeführt worden. Aber: Die Zahlen, die dazu verwendet worden seien, würden nun überprüft. Hintergrund ist folgender: Der Aufsichtsrat hatte am Montag seine beiden Vorstände fristlos entlassen. Beiden sei aus wichtigem Grund mit sofortiger Wirkung gekündigt worden, heißt es in der Mitteilung. Vorstandsvorsitzender war Christoph Hess, ein Mitglied der Gründerfamilie. Finanzvorstand war bisher Peter Ziegler.

          Interne Prüfungen hätten ergeben, dass es „wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum mit Kenntnis des Vorstands zu Verstößen gegen Bilanzierungsregelungen gekommen“ sei. Es bestehe der Verdacht, dass mindestens seit 2011 fingierte Umsätze ausgewiesen worden seien. Die Finanz-, Vermögens- und Ertragslage sei dadurch zu positiv dargestellt worden. Für die ersten neun Monate 2012 wurde ein Umsatzzuwachs um ein Drittel auf 58 Millionen Euro ausgewiesen.

          Aufsichtsrat will Sonderuntersuchung

          Bei seiner Sondersitzung beschloss der Aufsichtsrat eine Sonderuntersuchung durch unabhängige Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte, um das Ausmaß eines möglichen Schadens sowie bestehende Ansprüche festzustellen. „Da muss alles aufgearbeitet werden“, sagte die Unternehmenssprecherin.

          Mit dem Gang auf das Börsenparkett hatte Hess 35,65 Millionen Euro eingenommen. Die Familie des am Montag entlassenen Vorstandsvorsitzenden Hess hält seit dem Gang an die Börse ein Drittel der Anteile. Er wurde von den Banken LBBW und M. M. Warburg & Co. sowie Kempen & Co. NV begleitet. Ein LBBW-Sprecher wollte sich zu den Vorgängen nicht äußern. „Wir tätigen dazu heute keine Aussage.“ Die Hess-Aktien waren für je 15,50 Euro verkauft worden. Eine LBBW-Studie empfiehlt das Papier mit einem Kursziel von 19 Euro zum Kauf, wie die Nachrichtenagentur Reuters ergänzend berichtete.

          Aktienkurs fällt

          Nach der Mitteilung über den Verdacht der Bilanzfälschung waren die im Prime Standard notierten Hess-Papiere am Montag bis auf 5,80 Euro abgesackt, am Dienstag lagen sie wieder rund 20 Prozent im Plus bei 6,80 Euro.

          Hess hat von sich aus offenbar nicht die zunächst zuständige Staatsanwaltschaft Konstanz eingeschaltet. Die wurde unter anderem durch Medienberichte auf den Fall aufmerksam. Die Vorwürfe werden überprüft, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Dies geschehe in Abstimmung mit der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim. Über die Einleitung eines formellen Ermittlungsverfahrens solle in den kommenden Tagen entschieden werden.

          Neuer Vorstand bei dem Unternehmen mit 360 Mitarbeitern ist Till Becker. Der Jurist war früher unter anderem für den Autobauer Daimler tätig. Der bisherige Vorstandsvorsitzende Christoph Hess war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Sein Vater Jürgen, der im Aufsichtsrat sitzt, sagte laut „Südkurier“, er sei von den Vorgängen „völlig überrascht“ worden. „Wir haben uns vor dem Börsengang mehrfach einem so genannten Due-Diligence-Verfahren unterziehen müssen. Diese Prüfung untersucht und bewertet genau die nun kritisierten Bereiche“, sagte er der Zeitung zufolge weiter. Durchgegriffen hat wohl nun der Aufsichtsrats-Vorsitzende Tim van Delden zusammen mit dem dritten Mitglied Wolfgang Rombach. Beide waren nicht für weitere Auskünfte zu erreichen.

          Quelle: ols./F.A.Z.

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