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Helikopter-Eltern : Und jetzt sogar Elternabende an der Uni

Beim Elternwochenende an der Uni Mainz herrscht reger Andrang Bild: Sick, Cornelia

Gut behütet durch alle Lebensphasen: Die sogenannten Helikopter-Eltern drängen mittlerweile auch an die Hochschulen. Immer mehr Unis bieten ihnen bereits spezielle Veranstaltungen an.

          Harsche Worte wählt Lehrerpräsident Josef Kraus, wenn er über Eltern und deren Beziehung zu ihren Kindern spricht. Sie überbehüteten ihren Nachwuchs und wollten ihm nichts mehr zumuten. Andererseits seien sie überehrgeizig und packten die Terminkalender ihrer Sprösslinge voller als die eines Managers. Kraus ist als Präsident des Deutschen Lehrerverbands Deutschlands oberster Lehrerlobbyist – was den Verdacht nahelegt, er schimpfe vor allem deshalb so leidenschaftlich über Eltern, um von schlechten Lehrern abzulenken. Das mag ein Grund sein, und doch muss man feststellen: Der Mann hat in weiten Teilen recht: Eltern übertreiben es, wenn es um die Bildung ihres Nachwuchses geht, oft maßlos – zum Schaden ihrer Kinder.

          Seit den achtziger Jahren ist eine starke Emanzipation des Kindes zu beobachten; viele Erwachsene betrachten es inzwischen als Partner auf Augenhöhe – ohne dass es freilich dieselben Pflichten übernehmen kann. Für sein Wohl sind weiterhin die Eltern zuständig. Und die haben oft vor allem einen Wunsch: alles richtig zu machen. Der Perfektionismus beginnt häufig schon früh, zum Beispiel wenn Eltern ihre Babys in den Pekip-Kurs schleppen, damit die Kleinen ja keine Sinnesanregung verpassen.

          Mit dem Beginn der Schulzeit geht der Stress dann richtig los. Denn dort wird bewertet. Und plötzlich erkennt man vielleicht, dass das eigene Kind gar nicht an der Spitze liegt; es bringt womöglich „nur“ durchschnittliche Noten nach Hause. Schon das lässt Eltern zweifeln: Habe ich mein Kind zu wenig gefördert? Die Legitimation der eigenen Erziehung, der man so viel Aufmerksamkeit widmet, wird in Frage gestellt. In der Erziehung oft nur noch eines oder zweier Sprösslinge darf nichts schiefgehen. Fehler, Rückschläge oder gar ein Scheitern sind nicht erlaubt. Dabei ist der Umgang mit Misserfolg eine der wichtigsten Lebenserfahrungen – und birgt die große Chance zur Weiterentwicklung.

          Nicht selten springt aber bei der ersten Niederlage die ganze Maschinerie der außerschulischen Förderung an, in der sich vor allem Eltern, insbesondere Mütter, am Nachmittag betätigen. Groß ist die Gefahr, dass sie ihre Kinder entmündigen: Sie übernehmen die Verantwortung für den schulischen Erfolg. Das ist schlecht: Auch Kinder und vor allem Jugendliche sollten einen Zusammenhang spüren dürfen zwischen dem, was sie leisten, und dem, was dabei herauskommt. So werden sie selbständig und lernen, sich aus eigenem Antrieb anzustrengen. Dazu gehört freilich, dass Eltern realistische Anforderungen stellen und ihre Kinder nicht zu Leistungen drängen, die sie nicht zu erbringen vermögen. Zu viel Stress in der Schule, sagen Therapeuten, kann man kaum vom Verhalten der Eltern trennen.

          Bullerbü und der Weltmarkt

          Vor allem in der Mittelschicht werden Eltern zu ständigen schulischen und außerschulischen Lernbegleitern und -antreibern. Die Oberschicht ist nicht weniger ehrgeizig, kauft sich aber frei und schickt den Nachwuchs auf Privatschulen. In der Mittelschicht herrschen eine diffuse Abstiegsangst und der feste Wille, dass die Kinder am besten noch mehr erreichen sollen als man selbst. Ohne Abitur gehe gar nichts, ist man überzeugt. Das kann nicht stimmen: Die Klagen über zu wenig Bewerber für Lehrstellen sind derzeit noch lauter als die über zu wenig Akademiker und werden in den kommenden Jahren noch lauter werden.

          Immer mehr machen sich aber auf an die Hochschulen – nicht selten in Begleitung von Vater und Mutter. So gibt es seit einigen Jahren Messen extra für Eltern, auf denen sie sich über die Studiermöglichkeiten ihrer Kinder informieren können. Außerdem bieten immer mehr Hochschulen Veranstaltungen für Eltern an. An der Freiburger Universität gibt es einen Erstsemester-Familientag, zu dem auch Geschwister, Tanten, Onkel und Großeltern kommen. Er findet inzwischen im Fußballstadion statt. An immer mehr Unis können Väter und Mütter einen Tag lang an Probevorlesungen teilnehmen, den Campus inspizieren und das Essen in der Mensa probieren. Manche Hochschulen nehmen sich sogar ein ganzes Wochenende Zeit und bieten ein dicht gepacktes Programm „für frischgebackene Studi-Eltern“, wie es zum Beispiel an der Uni Münster heißt. Die Münsteraner listen in ihrer Ankündigung Sorgen von Eltern auf: Die Kneipe schräg gegenüber – ist die nicht ein bisschen laut, stört das nicht beim Einschlafen? Der Hörsaal, in dem mein Kind sitzt – gibt’s da überhaupt genügend Plätze? Und das Kind isst ja jetzt öfter vegetarisch – hat die Mensa da überhaupt was im Angebot?

          Psychologen beklagen, dass es jungen Erwachsenen schwerer als früher gelingt, sich vom Elternhaus zu lösen. So wohnt fast ein Viertel der Studenten zu Hause. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wurden sie von „Helikopter-Eltern“ erzogen: Eltern, die über den Lebens- und vor allem Bildungsweg ihrer Kinder bis ins Erwachsenenalter bestimmen wollen. Eltern, die auch in der Pubertät nicht loslassen können und die für die Entwicklung so wichtigen Konflikte vermeiden. Eltern, die sich für ihre Kinder die heile Welt von Bullerbü wünschen und sie andererseits unbedingt fitmachen wollen für den Weltmarkt.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

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          Quelle: F.A.Z.

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