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Heinrich von Pierer im Interview „Demokratie ist immer ein Vorteil“

14.02.2005 ·  Heinrich von Pierer, scheidender Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses, über die China-Euphorie in der deutschen Wirtschaft und den großen Abstand zu Indien.

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Heinrich von Pierer, Aufsichtsratsvorsitzender des Elektronikkonzerns Siemens und scheidender Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, ist fast zwei Wochen durch Indien gereist, um mit der Regierung zu sprechen und Kontakte aufzufrischen. In der Hauptstadt Neu Delhi, am Ende seiner Reise, wagte er einen Vergleich zwischen China und Indien.

Haben deutsche Manager aufgrund der China-Euphorie Indien zu lange links liegenlassen?

Die Hinwendung nach China ist ja kein deutscher Alleingang. Im Gegenteil: Unsere Vorreiterfunktion ist verlorengegangen, die Amerikaner drängen sehr stark auf den chinesischen Markt. Die Inder haben in der Vergangenheit ihre Chance nicht richtig genutzt. Jetzt aber bewegt sich Indien schnell in eine vernünftige Richtung. Man kann sich nur wünschen, daß die Regierung diesen Kurs durchhält.

Der Abstand zu China ist aber immer noch gegeben...

Natürlich. Die Chinesen bauen im Jahr rund 20 Megawatt Kraftwerksleistung. Die Inder liegen noch bei einem Viertel davon. In China schließen Monat für Monat fünf Millionen Menschen einen Mobilfunk-Vertrag ab. Inzwischen summiert sich die Zahl auf 300 Millionen Chinesen. Die Inder sind dank der Entwicklung der vergangenen zwei Jahre auf nun 50 Millionen gekommen. Dieses Verhältnis zieht sich durch alle Bereiche. Mein Eindruck aber ist, daß die Inder ebendiesen Vorsprung Chinas als große Herausforderung empfinden und versuchen, nun zumindest die gleiche Geschwindigkeit aufzunehmen.

Trotzdem liegt noch vieles im argen.

Natürlich wird das Wachstum gehemmt, wenn die Inder nicht die Infrastruktur im Land verbessern - Energieversorgung, Straßen, Eisenbahnen, Häfen. Zwar sind sie Meister im Improvisieren. Aber sie werden ihre angestrebten Wachstumswerte nicht erreichen, wenn sie die Infrastruktur nicht verbessern.

In Indien erscheint es gerade den Europäern einfacher zu sein, Geschäfte zu machen. Täuscht der Eindruck?

Der Vorteil der Inder ist natürlich, daß sie die richtige Sprache sprechen. Darüber bekommt man einen ganz anderen, persönlicheren Zugang zu ihnen. Dank ihrer Geschichte sind sie viel westlicher orientiert - bis tief in die Verwaltung. Siemens bildet in China jährlich Hunderte von Managern aus und kommt da gut voran. Aber in Indien ist natürlich der ganze Hintergrund der Menschen viel breiter. In Indien leben 200 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze, aber die Mittelschicht ist noch größer als diejenige in China. Sie hat auch ein höheres Ausbildungsniveau. Letztlich haben die Inder die bessere Ausgangslage.

Wo liegen die Vorteile Chinas?

In der schnelleren Bewegung. Die Chinesen planen mit einer Rigorosität, die uns nicht daran zweifeln läßt, daß sie ihre Ziele erreichen werden. Wird in China etwas beschlossen, wird es mit unglaublicher Geschwindigkeit durchgezogen. In Gremien, die wir nicht genau kennen, werden Ziele vereinbart. Diese werden dann umgesetzt. In einer Demokratie oder einer Marktwirtschaft wie in Indien ist das so nicht möglich. Die Chinesen haben ein fanatisches Sendungsbewußtsein: "Eine Generation pflanzt die Bäume, die nächste genießt den Schatten." Den Kindern soll es - vor allem dank einer guten Ausbildung - einmal bessergehen.

Mit China und Indien stehen auch zwei Staatsformen im wirtschaftlichen Wettbewerb...

In Indien entwickelt sich alles freier, pluralistischer, damit aber auch eben nicht so zielorientiert. Indische Unternehmer führen eine sehr offene und selbstkritische Diskussion über ihre Verhältnisse im eigenen Land. In China wäre so etwas unmöglich - es gibt gar nicht die Leute, die eine solche Debatte führen könnten. China ist nach wie vor eine in wichtigen Bereichen zentral gelenkte Wirtschaft. Allerdings muß man dabei sehen, daß die Provinzen in China immer selbständiger werden und auch das Unternehmertum in China wächst. Aber natürlich sind die Unterschiede groß.

Auch deutsche Manager scheinen aufgrund der kurzen Entscheidungswege die chinesische Parteidiktatur der Demokratie in Indien vorzuziehen. Teilen Sie die Sicht?

Nein. Demokratie ist immer ein Vorteil. Wir können und dürfen auch als Geschäftsleute unsere Haltung gegenüber einer Staatsverfassung nicht einfach über Nacht ändern. Aber wir sehen in China eine wachsende Offenheit und riesige Veränderungen. Unter anderem trägt dazu das Internet bei. Die Demokratisierung schreitet voran. Allerdings achten wir in China zu sehr auf die Entwicklung der großen Städte und der Oberschicht. Dabei leben in China 800 Millionen Bauern.

Teilen Sie die Sicht der Analysten, daß Indien 2050 zu den drei führenden Wirtschaftsnationen der Erde zählen wird?

Ich bin immer froh, wenn ich die nächsten zwei bis fünf Jahre überblicken kann.

Die Fragen stellte Christoph Hein.

Quelle: F.A.Z., 15.02.2005, Nr. 38
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