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Umbau im Gesundheitswesen : Jeder soll einen Hausarzt in 15 Minuten erreichen

Anlaufstelle: Ein Hausarzt in Laufweite ist für kranke Menschen nur in Großstädten Realität. Bild: Picture-Alliance

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Gesundheitsrisiko von Patienten und ihrer Entfernung zum Arzt. Jetzt macht ein Gutachten Vorschläge für eine bessere ambulante Versorgung. Eine spezielle Regelung soll es für Kinder- und Frauenärzte geben.

          Lange Wartezeiten oder eine schwere Erreichbarkeit von Arztpraxen sind für viele Patienten ein Ärgernis. Die Politik will den Zugang zu den Ärzten deshalb verbessern. Sie hat die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen damit beauftragt, die Grundlagen für die künftige Planung der ambulanten Versorgung zu überarbeiten. Die hat dazu eine Untersuchung an mehrere Universitäten vergeben, deren Ergebnisse der F.A.Z. auf 722 Seiten als „Gutachten zur Weiterentwicklung der Bedarfsplanung zur Sicherung der vertragsärztlichen Versorgung“ vorliegen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Als wesentliches Kriterium der Planung von Kassensitzen schlagen die Gutachter darin die Erreichbarkeit der Mediziner vor. Denn nachweislich bestehe ein Zusammenhang zwischen der Entfernung zum Arzt und dem Gesundheitsrisiko des Patienten. Deshalb sollten 99 Prozent der Bevölkerung den nächstgelegenen Hausarzt mit dem Auto binnen 15 Minuten erreichen können, der Richtwert für einen Facharzt solle eine halbe Stunde betragen. Das soll gelten für niedergelassene Urologen, Augenärzte, HNO-Ärzte, Chirurgen, Hautärzte, Orthopäden, Nervenärzte und Psychotherapeuten.

          Praxen von Kinder- und Frauenärzten müssten für 99 Prozent der Bevölkerung innerhalb von 20 Minuten erreicht werden, heißt es. Beide Arztgruppen hätten eine große wohnortnahe Bedeutung, auch seien Kinder und Schwangere oft weniger mobil als andere Patienten. Bei einer Vorgabe von 99 Prozent sind nur einige Bewohner von Inseln und sehr ländlichen Randregionen vom schnellen Gang zum Arzt ausgenommen.

          Die von den Gutachtern empfohlenen Richtwerte zur Erreichbarkeit sind kürzer und damit anspruchsvoller als heutige Wegezeiten. Im Jahr 2015 konnten laut Studie nur acht von zehn Patienten einen Hausarzt binnen 15 Minuten erreichen, neun von zehn Kunden brauchten eine halbe Stunde. Zudem hätten 90 Prozent der Patienten Ärzte fast aller Facharztrichtungen binnen 30 Minuten erreicht. Ausnahme waren Frauenärzte, wo nur 87 Prozent der Patientinnen in der Zeitspanne in eine Praxis gelangten.

          Keine Dopplung bei Arztgruppen, weniger schnelle Überweisungen zum Facharzt

          Um diese ambitionierten Ziele für eine bessere Versorgung in der Zukunft zu erreichen, präsentieren die Gutachter einen Mix aus unterschiedlichen Vorschlägen. So müsse künftig konkreter beschrieben werden, welche Versorgung von welcher Arztgruppe angeboten werde, um eine Doppelplanung zu vermeiden, schreiben die Autoren des Gutachtens. Insbesondere bei den Internisten raten sie zu einer „differenzierteren Planung“ der Unterspezialisierungen. Auch müsse man verlässlicher wissen, wie viele Stunden ein Kassenarzt für seine Patienten da sei. Allein die heutige Untergrenze von 20 Stunden (Praxisöffnungszeit) pro Woche reiche da nicht aus.

          Wartezeiten seien nicht immer und allein auf einen Ärztemangel zurückzuführen, heißt es in dem Papier. Dort wird Politik und Selbstverwaltung dazu geraten, besser zwischen der Notwendigkeit einer schnellen oder nicht so eiligen Überweisung zum Facharzt zu unterscheiden – und den Patienten, auch einmal Wartezeiten zu akzeptieren. Im Gutachterdeutsch heißt das dann, es „sollten Korridore zumutbarer Wartezeiten in Abhängigkeit von der Dringlichkeit des medizinischen Problems definiert werden“. Grundsätzlich funktioniere eine gute Bedarfsplanung, die die Kassenärzte und die Kassen gemeinsam mit den Ländern betreiben, „nur mit effektiven Instrumenten zum Abbau von Über- und Unterversorgung“. Entsprechend müsse es bessere Anreize für die Niederlassung oder Arbeit als angestellter Arzt geben.

          Exemplarisch nennen die Autoren die von der Ärzteschaft bekämpfte Delegation ärztlicher Leistungen an andere Medizinberufe sowie telemedizinische Angebote. „Gerade in Planungsbereichen, die in Folge von Bevölkerungsrückgang keine stabile Planung von Vertragsarztsitzen ermöglichen, müssen alternative Modelle flankierend eingesetzt oder zeitlich befristete Versorgungsaufträge erteilt werden.“ So könnte ein Hausarzt die Möglichkeit bekommen, in einer unterversorgten Region seinen „Sitz“ zu vergrößern und so mehr Patienten zu behandeln, wenn er mindestens eine halbe nichtärztliche Praxisassistenz einstelle.

          Medizinstudenten sollen sich früher für Fachrichtung entscheiden

          Bundesweit müssten verbindliche Vorgaben zur Berechnung künftiger Versorgungsnotwendigkeiten ermittelt und die Folgen von Demographie, Alterung und des wachsenden Anteils vielfach erkrankter Patienten berücksichtigt werden. Um die Datengrundlage zu verbessern, sollten die Ärzte veranlasst werden, die Krankheitsbilder besser mit Hilfe von Codes zu erfassen, schreiben die Autoren. Sie rechnen bei sinkender Bevölkerung mit einem steigenden Versorgungsaufwand je Einwohner.

          Während die Bevölkerungsentwicklung in schrumpfenden und wachsenden Regionen absehbar sei, sei unklar, ob es die benötigten Ärzte in ausreichender Zahl geben werde. Hier machen die Autoren einen weitgehenden Vorschlag. „Um eine ausreichende Anzahl an qualifizierten Haus- und Fachärzten in den benötigten Fachrichtungen sicherzustellen, müsste eine Kapazitätsplanung bereits an der Zulassung zu Medizinstudienplätzen sowie der Sicherstellung von Weiterbildungsplätzen in benötigten Fachrichtungen ansetzen und auch den absehbaren Ruhestand von Ärzten antizipieren.“

          Konkret bedeutet das dann wohl, dass Medizinstudenten sich schon früh im Studium entscheiden müssten, welche Fachrichtung sie später einschlagen wollen. Rudimentär werden solche Ansätze schon als „Landarztquote“ verfolgt. Damit sollen jene Bewerber bevorzugt einen Studienplatz bekommen, die sich verpflichten, später als Landarzt tätig zu sein. Das Konzept krankt daran, dass 10 bis 15 Jahre vergehen, bis ein Arzt als Facharzt fertig ausgebildet ist, und sich die Prioritäten in der Zeit durchaus verschieben. Wichtig ist es nach Auffassung der Gutachter, die Bedarfsplanung sektorübergreifend zu organisieren, also die ambulante Versorgung durch Krankenhäuser einzubeziehen.

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