Der Chef der amerikanischen Börsenaufsicht (SEC) Harvey Pitt gerät immer stärker unter Druck. Die Oppositionsführer der Demokratischen Partei, Tom Daschle und Richard Gephardt, haben Präsident George W. Bush kürzlich aufgefordert, Pitt zum Rücktritt zu bewegen. Der letzte Vorwurf gegen Pitt war aber nur das Tröpfchen, das das Fass zum Überlaufen brachte. Beinahe zumindest: Noch ist der SEC-Chef im Amt. Er steht aber schon seit geraumer Zeit unter Beschuss, weil er als parteiischer Freund der Wirtschaftsprüfer und Investmentbanker gilt.
Der SEC-Chef war jüngst einmal mehr ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, als Diskussionen um die Ernennung des Vorsitzenden der neuen Behörde für Bilanzstandards aufkamen. Diese neue Behörde wird unter anderem dafür zuständig sein, Bilanzfälschungen in Zukunft zu verhindern. Pitt wird vorgeworfen, bei der Nominierung des Behördenvorstehers parteiisch zu sein.
Streit um den Chefsessel
Während der Spekulationen um die Ernennung des Vorsitzenden der neuen Bilanzbehörde war lange Zeit John Biggs, der Chef eines Lehrer-Pensionsfonds, im Gespräch. Demokraten und Verbraucherschützer favorisieren Biggs für den Posten. Nun haben Mitglieder der Demokratischen Partei die Nachricht veröffentlicht, Pitt wolle Biggs den Chefsessel der Behörde nicht anbieten, weil führende Wirtschaftsprüfungsgesellschaften dagegen protestiert haben.
Pitt entgegnete auf die Vorwürfe, es seien lediglich falsche Presseberichte schuld an der ganzen Misere. Es sei aber zu keinem Zeitpunkt eine Entscheidung über den zukünftigen Chef getroffen worden und er sei noch immer dabei, Gespräche mit mehreren Kandidaten zu führen.
Pitt nicht zum ersten Mal in der Kritik
Pitt steht seit einem knappen Jahr an der Spitze der SEC. Er hat schon mehrfach negative Schlagzeilen gemacht. Im Großen und Ganzen ging es immer wieder um den Vorwurf, dass Pitt parteiisch sei. Der ehemalige Anwalt konnte nämlich früher sämtliche großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu seinen Mandanten zählen. Zudem hatte er sich im Juli ungeschickterweise mit dem Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG getroffen, während eine SEC-Untersuchung gegen sie lief.
Nun hat die Kritik aber noch einen schärferen Ton angenommen, nicht zuletzt, weil sich der sonst so reservierte demokratische Senator Paul Sarbanes zur Sache geäußert hat. Die Besetzung der Behörde sei offensichtlich „in Unordnung geraten“, sagte er. Experten beurteilen das als harsches Statement, in Anbetracht der Tatsache, dass der Senator sich normalerweise von jeglicher Form der öffentlichen Kritik fernhält.
Es scheint eng zu werden
Pitt hat inzwischen offenbar auch die Unterstützung durch die Finanzbranche verloren, berichtet die „Washington Post“. Mehrere Chefs von großen Wall-Street-Firmen interpretieren die Ernennung von Anne Womack zur Beraterin Pitts als ein Zeichen, dass Pitts Stunden gezählt sind. Womack arbeitete in der Pressestelle des Weißen Hauses - ihr Wechsel wird als ein Zeichen dafür verstanden, dass die Regierung die Geduld mit Pitts langsam verliert. Ein Lobbyist eines Wall-Street-Unternehmens sagte es so: „Wenn sie beschließt, dass Pitt ein Problem ist, dann hat Pitt ein Problem.“
