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Hartz-Vorschlag „Job-Family-Tarifvertrag“

 ·  Veränderungsvorschläge, die die Komplexität industrieller Arbeitsbedingungen betreffen, erscheinen kompliziert. Deshalb entwickelt Hartz gern plastische Begriffe.

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Die Komplexität industrieller Arbeitsbedingungen hat sich in entsprechenden Tarifwerken niedergeschlagen, deren Feinheiten häufig nur noch Fachleuten zugänglich sind. Veränderungsvorschläge sind deshalb regelmäßig ebenso komplex, weshalb der Personalvorstand von Volkswagen gern plastische Begriffe entwickelt.

Job-Familie ist so einer, der zum ersten Mal bei dem Autohersteller angewandten Modell 5000 mal 5000 angewendet wurde. Dort wurde ohnehin vieles erprobt, was Hartz jetzt auf das ganze Unternehmen übertragen will - und das vielleicht als Modell für Deutschland gelten könnte.

Mit dem Modell 5000 mal 5000 wollte Hartz beweisen, daß Automobile auch in Deutschland zu wettbewerbsfähigen Bedingungen gebaut werden können. Allerdings verdienen die Erbauer des in diesem Modell entstehenden VW Minivans Touran weniger als ihre Kollegen nebenan und sie werden auch nicht nach Anwesenheit bezahlt, sondern erhalten ein sogenanntes Programmentgelt, das für die Erfüllung der Vorgabe eines bestimmten Fahrzeugausstoßes gezahlt wird.

Komplex "Body/Blech außen"

Die Job-Familie ist für Hartz ein so wichtiges Element seines Vertragsentwurfs, daß das ganze die Überschrift "Job-Family-Tarifvertrag" trägt. Eine Job-Familie ist zum Beispiel der Komplex "Body/Blech außen". Darin eingeschlossen sind Berufe wie Lackierer, Schweißer oder Anlagenführer, alles bisher Lohnempfänger sowie von Seiten der Angestellten etwa Konstrukteure, Farbdesigner oder Prozeßingenieure; bis zu zwanzig Berufe kann eine Job-Familie umfassen. Innerhalb der Job-Familie gibt es wegen der unterschiedlichen Qualifikation drei Stufen: Pooljobs, also einfachere Arbeiten, Kernjobs, die höhere Qualifikation erfordern und Topjobs. Die Stufen sind durchlässig. Alle Stufen erhalten ein festes Grundgehalt, in den Topjobs gibt es variable Bestandteile. Alle Beschäftigten erhalten einen vom Unternehmenserfolg abhängigen Bonus sowie einen persönlichen Bonus.

Oberhalb der drei Stufen sind die außertariflichen Mitarbeiter angesiedelt. Die Eintrittsschwelle will Hartz aber absenken. Das motiviere die Beschäftigten und hat, das gesteht Hartz zu, den aus Sicht des Unternehmens angenehmen Nebeneffekt, daß Überzeit nicht mehr bezahlt werden muß.

Demographische Arbeitszeit

Eine fast revolutionäre Komponente im Stil der bisherigen Hartzschen Tarifpolitik ist die sogenannte demographische Arbeitszeit, mit der er auf den demographischen Faktor in den Rentendiskussion verweist. Ausgangspunkt ist die Überlegung, daß die Menschen zwar länger arbeiten müssen als bisher, daß aber ältere Beschäftigte weniger leistungsfähig sind als in ihrer Jugend. Folglich muß in der Jungend länger gearbeitet werden als im Alter. Bei Hartz gibt es drei Phasen. Die erste reicht bis zum 45. Lebensjahr. In dieser Zeit beträgt die wöchentliche Arbeitszeit beispielsweise 40 Stunden. Für fünf davon wird ein Zeitguthaben angelegt. Vom 45. bis zum 55. Lebensjahr beträgt die Arbeitszeit 35 Stunden, danach 30 Stunden wöchentlich. In der Schlußphase wird das Zeitguthaben verwertet. So kommt eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 35 Stunden während der Lebensarbeitszeit zustande.

Zusätzlich will Hartz die Arbeitszeit durch eine Anwesenheitszeit von drei bis fünf Stunden ergänzen; auch dies wird grundsätzlich schon im Modell 5000 mal 5000 praktiziert. Diese Zeit ist für die obligatorische Qualifikation und das Training neuer Techniken vorgesehen, zur Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit. Hinzu kommt der sogenannte Gesundheitsbaustein, mit dem durch den wirtschaftlichen Anreiz eine Senkung der Krankenquote angestrebt wird.

"Kein Frondienst"

Der Vorstandsvorsitzende des Elektronikkonzerns Siemens, Heinrich von Pierer, hat sich für die Wiedereinführung des Samstages als zuschlagfreien Werktag ausgesprochen. "Die Leute gehen doch eigentlich gern zur Arbeit, das ist doch kein Frondienst", begründete von Pierer den Vorstoß in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung. Er warf den Gewerkschaften vor, bei der Arbeitszeitregelung eine zu starre Haltung einzunehmen. (AP)

Quelle: Hmr., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2003, Nr. 217 / Seite 14
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