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Veröffentlicht: 03.03.2012, 19:22 Uhr

Hans-Werner Sinn Der Dickschädel unter den Wirtschaftsprofessoren

Er ist der ökonomische Stichwortgeber der Nation. Hartnäckig kämpft der Chef des Münchener Ifo-Instituts für seine Überzeugung: So lange, bis jeder weiß, was Target 2 heißt.

von
© Röth, Frank Werner Sinn: Der ungewöhnliche Bart ist das Markenzeichen von Deutschlands umtriebigstem Wirtschaftsprofessor

Ein dunkler Anzug mit Weste, den Kopf mit dem markanten Bart ein wenig zurückgeneigt, die Augen kampflustig blitzend: So kennt Fernseh-Deutschland Hans-Werner Sinn. Der 63 Jahre alte Ökonom und Chef des Münchener Ifo-Instituts ist Stammgast in den Talkshows von Günther Jauch bis Sigmund Gottlieb. Alle laden ihn ein - weil Sinn selbst die frechste Frage vollkommen ironiefrei aus der Perspektive von Angebot und Nachfrage beantwortet.

Christian Siedenbiedel Folgen:

Seit einem Jahr allerdings kämpft Sinn für ein Thema, das zu sperrig ist für Talkshows - und das selbst viele seiner Professoren-Kollegen nur nach eingehender akademischer Analyse verdaulich finden. Der Ökonom warnt vor Milliarden-Risiken in der Bilanz der Deutschen Bundesbank. „Target 2“ ist der sperrige Name eines Verrechnungssystems für grenzüberschreitende Zahlungen in Europa, das bis vor kurzem selbst im engeren Zirkel der Notenbankexperten allenfalls in Grundzügen bekannt war.

Der Ökonom liebt die Rolle des öffentlichen Intellektuellen. Einen guten Streit genießt er

Sinn denkt, sagt, schreibt, dass durch die Schuldenkrise in Europa in diesem Target-System für Deutschland Risiken in einer Größenordnung von mehr als einer halben Billion Euro entstanden seien. Wenn in absehbarer Zeit ein Land aus dem Euro austreten sollte oder der Euro zerbreche, werde Deutschland Unsummen verlieren.

Die Unermüdlichkeit, mit der Sinn seine Warnung vorträgt, ist typisch für den gebürtigen Westfalen. Menschen aus dieser Region sagt man Sturheit nach. Sinn ist der Dickschädel unter den deutschen Wirtschaftsprofessoren. „Er kann nerven und ausgesprochen penetrant sein, wenn er ein Thema ins öffentliche Bewusstsein bringen will“, sagt ein Wegbegleiter von der Universität. Es ist nicht das schlechteste Vorgehen, wenn man etwas durchzusetzen will - schon in der Bibel wird bekanntlich von einer Witwe berichtet, die allein durch Hartnäckigkeit bei einem Richter zu ihrem Recht kam.

Bundesbank / Helmut Schlesinger © Bundesbank Vergrößern Hinweisgeber: Helmut Schlesinger stand von 1991 bis 1993 an der Spitze der Bundesbank. Der Pensionär hat Hans-Werner Sinn auf die Target-Salden aufmerksam gemacht.

Den entscheidenden Hinweis auf „Target 2“ bekam Sinn ausgerechnet von einem früheren Präsidenten der Deutschen Bundesbank. „Im Spätsommer 2010 hat mich Helmut Schlesinger auf die Salden hingewiesen“, erinnert Sinn sich. Dem 87-jährigen Pensionär war in der Bilanz seiner früheren Institution ein geheimnisvoller Posten aufgefallen: Forderungen der Bundesbank im dreistelligen Milliardenbereich gegen das System der europäischen Notenbanken. Schlesinger konnte sich nicht erklären, was dahintersteckt. Sinn auch nicht - aber genau das reizte den Jagdinstinkt des Wissenschaftlers. „Seitdem hat mich das Thema verfolgt“, sagt Sinn. Man könnte auch sagen: Seitdem hat Sinn alle mit dem Thema verfolgt.

„Deutschland könnte durch Target 2 eine halbe Billion Euro verlieren“

Die Bundesbank selbst wiegelte zunächst ab und wollte in „Target 2“ keinen Grund zur Besorgnis sehen. Es handele sich um „irrelevante Salden“, ließ sie damals verlauten, allenfalls von statistischer Bedeutung. Doch ein Hans-Werner Sinn lässt sich nicht abspeisen. Im Gegenteil: Wenn er auf Widerstände stößt, nimmt seine Energie noch zu. Innerhalb seines Forschungsinstituts stellte Sinn vier Hypothesen auf, was hinter den geheimnisvollen Salden stecken könnte. Seine Kollegen bat er, alle Argumente vorzutragen, die eine dieser Thesen falsifizieren könnten.

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