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Handel Lockruf der großen Rabatte

03.01.2005 ·  Der Deutsche gibt sein Geld lieber für Haus, Auto und Urlaub aus. Nun lockt ihn der Einzelhandel mit großangelegten Kampagnen. Doch oft werden in den Geschäften nur Einkaufsvorteile weitergegeben.

Von Brigitte Koch und Georg Giersberg
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Mit großangelegten Anzeigenkampagnen lockt der Einzelhandel die Kunden in die Geschäfte. Rabatte von bis zu 50 Prozent (Quelle), ein Verzicht auf die 16 Prozent Mehrwertsteuer (Media-Markt) oder Waren zum Einkaufspreis (Saturn) sollen gleich zum Jahresanfang zu hohen Verkaufszahlen führen. Mit diesen Aktionen sollen die nach dem Fest verbliebenen Warenbestände abgebaut und die von den Weihnachtseinkäufen möglicherweise ermatteten Kunden nochmals zum Konsum animiert werden.

Die Karstadt Warenhaus AG wirbt in 24 Seiten starken Prospekten für verbilligte Haushaltsutensilien vom Maßband über Bestecke und Geschirr bis hin zur Waschmaschine. Auch der zum angeschlagenen Essener Handelskonzern gehörende Versender Quelle wirbt mit hohen Rabatten für diverse Haushaltsartikel und Einrichtungsgegenstände. Die Kaufhof-Warenhäuser, die seit dem Spätsommer mit Sonderverkäufen 125jähriges Jubiläum feiern, stellen in ihren Prospekten indessen Wäsche, Ober- und Wintersportbekleidung in den Vordergrund.

Keine Mehrwertsteuer? Unsinn

Die für besonders aggressive und marktschreierische Werbung bekannten Elektronikfachmärkte des Düsseldorfer Metro-Konzerns, Media Markt und Saturn, haben sich neue medienwirksame Sonderaktionen für einen beziehungsweise zwei Einkaufstage einfallen lassen. "Heute zahlt Deutschland keine Mehrwertsteuer", behauptet Media-Markt, was natürlich Unsinn ist. Die Mehrwertsteuer führt das Unternehmen zweifelsfrei ab. Angekündigt wurde lediglich ein Rabatt von 16 Prozent auf sämtliche Produkte. Die Schwestergesellschaft Saturn geht noch weiter. Sie bietet den Kunden hundert verschiedene Produkte sowie CDs, DVDs oder Spiele zum Einkaufspreis an. Solche Aktionen lockten in der Regel viele Kunden in die Geschäfte, bestätigt Hubertus Pellengahr, Pressesprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels HDE. Der Metro-Konzern nennt für derartige Aktionen keine gesonderten Umsatzergebnisse. Wie zu hören ist, werden an solchen Tagen aber durchaus deutlich zweistellige Zuwachsraten erzielt.

Der Düsseldorfer Textilfilialist Peek & Cloppenburg und die zur selben Gruppe gehörende Herrenbekleidungskette Anson's geben sich international und sprechen bereits von "Sale". Die Bekleidungsgruppe C & A hat einen Teil der Ware bis zu 50 Prozent reduziert und zudem ihre D-Mark-Aktion bis Ende Januar verlängert. Dort können Kunden bereits seit Anfang Dezember mit der alten Währung bezahlen. Vom Erfolg dieser Aktion war die Geschäftsleitung sogar selbst überrascht.

Mit Mark und Pfennig zu Norma

Ähnliches berichtet auch die Discounterkette Norma aus Nürnberg. Unter dem Motto "Mit Mark und Pfennig noch billiger einkaufen als vor 40 Jahren" dürfen die Kunden vierzehn Tage lang preiswerte Lebensmittel auch für die alte deutsche Währung erstehen. "Der Erfolg gerade der D-Mark-Aktion ist so groß, daß wir überlegen, sie zu verlängern", sagt Unternehmenssprecher Gerd Bernecker. Zu den besonders preiswerten Artikeln gehören Weizenmehl, das heute um 37 Prozent billiger angeboten werde als 1964, Kaffee (42 Prozent billiger) oder Trumpf-Schokolade, die mit 29 Cent heute um 18 Prozent billiger ist als 1964. Sie kostete damals 70 Pfennig je 100 Gramm.

Für Ulrich Eggert, Geschäftsführer der Kölner Einzelhandelsberatung BBE, ist der deutsche Preiskampf international einmalig. Das liege an dem Sparwillen der Deutschen. Während hierzulande mehr als 10 Prozent des zur freien Verfügung stehenden Nettoeinkommens gespart werden, sind es in den Vereinigten Staaten lediglich 2 bis 3 Prozent. Es liege zum zweiten aber auch an den Ausgabegewohnheiten. Weil deutsche Verbraucher mehr Geld für das Haus, ihr Auto und den Urlaub ausgeben, steht hierzulande für den Handel weniger Geld zur Verfügung als in anderen Ländern. Das für den Einkauf bereitstehende Einkommen wird weiter sinken, je mehr die Menschen privat für ihr Alter vorsorgen müssen. Gleichzeitig gibt es aber nirgends auf der Welt soviel Handelsfläche je Kunde wie hierzulande. Der Verbraucher kann sich zumindest über ein niedriges Preisniveau freuen.

Nur bei Lebensmitteln reduzierte Gewinnspanne

"Bei Lebensmitteln ist Deutschland das preiswerteste Land Europas", sagt Eggert. Im Durchschnitt lägen die Lebensmittelpreise zwischen Rhein und Oder um 12 Prozent unter dem europäischen Mittel. Bei Textilien sei es ähnlich. Gerade für Bekleidung wird nach der vollständigen Öffnung der europäischen Märkte für Ware aus China mit weiteren Preisrückgängen gerechnet. Auch bei anderen Produkten steckt hinter spektakulären Rabattaktionen oft "nur" die Weitergabe von solchen Einkaufsvorteilen. "Ware aus Deutschland wird durch solche aus der Türkei und schließlich durch solche aus China ersetzt", sagt ein Beobachter. Nur bei Lebensmitteln kommt es nach Eggerts Worten wegen der starken Konkurrenz der Discounter auch zu einer Reduzierung der Gewinnspanne. "In den anderen Bereichen geht der aggressive Preiswettbewerb im deutschen Einzelhandel eindeutig zu Lasten der deutschen Konsumgüterhersteller", stellt er fest.

Die Verbraucherverbände sehen die Preisreduzierungen mit Skepsis. Die Preisaktionen seien gesetzlich zulässig, dem Verbraucher fehle aber die Transparenz, um die Preiswürdigkeit eines Angebots beurteilen zu können, beklagt ein Sprecher des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV).

Irreführende Preiswerbung?

Vor allem gegen den Media-Markt seien inzwischen Kundenbeschwerden eingegangen. Ein Verbraucher will einen Camcorder, der jetzt für 349 Euro abzüglich der 16 Prozent als sehr preiswert angeboten werde, noch am 28. Dezember für 299 Euro erstanden haben. In einem anderen Fall soll ein DVD-Brenner am 29. Dezember für 111 Euro verkauft worden sein. In der jetzigen Werbung werden als Vergleichspreis aber 129 Euro genannt, die, um 16 Prozent reduziert, dann auf 108 Euro Verkaufspreis sinken. Der VZBV prüfe, ob eine irreführende Preiswerbung vorliege, und werde gegebenenfalls rechtliche Schritte einleiten.

Viele Niedrigangebote seien qualitativ auch nicht erste Wahl, beklagen die Verbraucherschützer. Von den meisten Verbrauchern kaum wahrgenommen, nehme daher auch die Garantiezeit ab, innerhalb derer der Händler oder Hersteller das Produkt umtauscht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2005, Nr. 2 / Seite 16
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