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Landwirtschaft : Grüne fordern den „Pestizidausstieg“

Ein Landwirt in Baden-Württemberg bringt Pflanzenschutzmittel auf seinen Feldern aus. Bild: dpa

Die Debatte um den chemischen Pflanzenschutz wird grundsätzlich. Gegen das Herbizid Glyphosat kommen neue Bedenken auf. Der Handel hingegen hat längst Fakten geschaffen.

          Die Grünen verschärfen den Tonfall in der Diskussion über Pestizide. Vorrangig geht es um die Neuzulassung des weit verbreiteten Herbizids Glyphosat. Der gentechnikpolitische Sprecher der Partei Harald Ebner forderte am Donnerstag aber sogar einen Total-Ausstieg aus chemischen Pflanzenschutzmitteln. Er forderte: „Minister Schmidt muss endlich ein echtes Pestizid-Ausstiegsprogramm auf den Weg bringen.“ Mit Pestiziden zerstörten die Menschen „nach und nach unsere Lebensgrundlagen“. Er behauptete, „dass es sehr gut auch ohne Gift geht“, das zeigten „die Öko-Bauern seit Jahrzehnten“.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Von einem generellen Pestizidausstieg ist in der Ökopartei, die nach dem Atomausstieg derzeit den Kohleausstieg fordert, kaum die Rede. Jedenfalls nicht auf Bundesebene. Die Grünen in Sachsen-Anhalt beschlossen auf ihrem Parteitag 2012, für ein EU-weites Verbot „aller Pestizide“, einschließlich des im Ökolandbau gebräuchlichen Kupfers, ab 2024 einzutreten. Die anderen im Bundestag vertretenen Parteien fordern kein Totalverbot von Pestiziden. Der bundespolitisch ambitionierte Agrarminister aus Schleswig-Holstein Robert Habeck von den Grünen setzt sich statt für Verbote für eine Pestizidsteuer ein, „um so eine Lenkungswirkung zu erzielen“, wie er der F.A.Z. sagte.

          Im Sommer hatte die Umweltorganisation Greenpeace diese Tonlage allerdings in einem umfassenden Report schon angestimmt. Sie enthielt die Forderung nach einem „Ausstieg aus der Verwendung chemisch synthetischer Pestizide in der Landwirtschaft“. Als Gründe wurden Krankheitsrisiken und der Verlust an Artenvielfalt genannt, der ohne Zweifel auf die Intensivlandwirtschaft und auch Pestizideinsatz zurückgeht.

          Aber auch Greenpeace verwies darauf, dass die Chemikalien die Menschheit seit ihrem großflächigen Einsatz in den frühen 1960er Jahren zunehmend satt gemacht haben: Die Weltbevölkerung habe sich seither auf nun mehr als 7 Milliarden Menschen verdoppelt, die Ackerflächen nahmen um nur 10 Prozent zu. Das deutet darauf hin, dass ein Ausstieg problematische Ernteeinbußen erwarten ließe. Die Umwelt- und Ökolandbauverbände wie Greenpeace oder Bioland kämpfen nun erst einmal für ein Verbot der Wirkstoffe Glyphosat und der Neonikotinoide, die in hohen Konzentrationen Wildbienen schaden können. Einige davon sind EU-weit schon verboten.

          Grüne erhöhen moralischen Druck

          Von einem generellen „Ausstieg“ aus allen rund 1500 in Deutschland zugelassenen Pflanzen- und Insektengiften war bisher aber nicht die Rede. Im Bundestagswahlprogramm der Grünen hieß es, der Pestizideinsatz müsse „drastisch reduziert werden“. In der landwirtschaftlichen Wirklichkeit geschieht das Gegenteil vom Ausstieg. Immer mehr chemische Pflanzenschutzmittel kommen auf die Felder. Die agrarchemische Industrie berichtete erst in diesem Sommer von einem neuen Rekordumsatz von 1,6 Milliarden Euro in Deutschland, was 6 Prozent mehr als im Vorjahr waren.

          Deutsche Ackerbauern erhöhten ihren Chemikalieneinsatz stärker, als andere, und auch der Weltpestizidmarkt wuchs um nur 4,5 Prozent. Gründe sind steigende Resistenzhäufigkeit von Insekten und Pflanzen, aber auch der hohe Schädlingsbefall. Auch der Umsatz mit Düngemitteln stieg 2014 insgesamt um 3 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro, berichtete der Industrieverband Agrar, hinter dem Unternehmen wie Bayer Crop Science, BASF, Dow Agro, K+S, Monsanto und Syngenta stehen. Weil die Agrarindustrie ihre Versprechungen, mittels neuer, vernetzter Landtechnik  („Smart Farming“ oder „Precision Farming“) auch den Pestizid- oder Düngerverbrauch zu reduzieren, bisher nicht wahrmachen konnte, erhöhen die Grünen und nahe stehende Verbände den moralischen Druck.

          Pestizidbasierte Produktion sei „eine Sackgasse“, meinte Harald Ebner. Der Grundsatzstreit wird mit steigender Vehemenz stellvertretend über die Neuzulassung des Glyphosat geführt. Dieses wird auf angeblich rund 40 Prozent der deutschen Äcker meist vor der Aussaat verspritzt und tötet alle Pflanzen ab. Glyphosat – erfunden von Monsanto, heute längst patentfrei von vielen Chemiekonzernen hergestellt – ist seit rund 40 Jahren im Gebrauch. In Deutschland werden jährlich rund 5900 Tonnen in der Landwirtschaft versprüht. Bauern argumentieren, das Mittel sei billig, müsste sonst durch mehrere Pestizide ersetzt werden und es ermögliche eine  „bodenschonende“ Aussaat ohne vorherigen Pflug. Im kommenden Jahr entscheidet die EU-Kommission über eine Neuzulassung für weitere zehn Jahre. Übergangsweise verlängerte sie die Genehmigung bis 2016.

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