27.04.2008 · Trübe Stimmung in London: Mit Kummer blicken die Briten auf schwache Wachstumsraten. Jetzt rächt sich, dass die verarbeitende Industrie vernachlässigt wurde.
Von Bettina Schulz, LondonDie Konjunktur in Großbritannien schwächelt. Im ersten Quartal dieses Jahres fiel die Jahresrate des Wirtschaftswachstums von mehr als 3 Prozent auf nur noch 2,5 Prozent zurück. Das Quartalswachstum beträgt nur noch 0,4 Prozent. Zwar hat sich die verarbeitende Industrie etwas erholt, weil der Export durch den schwachen Wechselkurs des Pfunds angespornt wird. Aber die verarbeitende Industrie kann weder die deutlich sinkende Energieproduktion Großbritanniens auffangen noch die Flaute im Dienstleistungsgewerbe, vor allem im Finanzgewerbe, abfedern.
In London und im Südwesten Großbritanniens macht sich die Kreditkrise bemerkbar: plötzlich werden immer mehr Verkaufsschilder an die Reihenhäuser in London genagelt. Im Garten gegenüber übt sich der Investmentbanker plötzlich um 11 Uhr morgens auf einem neuen Sportfahrrad. Wer vormittags bei Nachbarn anruft, hat ebenfalls den sonst so beschäftigen Banker am Telefon. Das mag Zufall sein, aber die Stimmung ist nicht gut. Niemand weiß, wann und wie viele ihrer rund 300.000 Stellen die Banken in der Londoner City streichen werden. Nach Schätzungen werden es 18.000 bis 40.000 Entlassungen.
Eine politische Krise
Aber die Investmentbanker leiden auf hohem Niveau. Viel härter trifft die Kreditkrise die untere Mittelklasse und vor allem die „Working Class“. An ihrem Schicksal entzündet sich im Moment eine politische Krise, die von der Opposition, aber auch aus Reihen widerspenstiger Labour-Parteimitglieder kräftig geschürt wird. Die Bevölkerung stöhnt unter der Last stetig steigender Energie- und Nahrungsmittelpreise. Gleichzeitig drehen die Banken den Geldhahn zu, verteuern Hypothekenkredite und nehmen günstige Kreditprodukte aus dem Sortiment.
Umso gefährlicher entpuppt sich da die Entscheidung des Premierministers Gordon Brown und des Schatzkanzlers Alistair Darling, den untersten Steuersatz von 10 Prozent für die niedrigsten Einkommen zu streichen. Zwar wurde der nächsthöhere Steuersatz von 22 auf 20 Prozent gesenkt. Aber Brown wurde zu einer demütigenden politischen Kehrtwende gezwungen, als seine Regierung versprechen musste, dass die Verluste der betroffenen Arbeitnehmer schnellstmöglich ausgeglichen würden.
Dies betrifft vor allem 5 Millionen kinderlose junge Arbeiter und Ehepaare, denen keine sonstigen Steuervergünstigungen zustehen, sowie Alleinstehende, die noch nicht in die Kategorie der Rentner fallen. Sie müssen schlagartig den doppelten Steuersatz zahlen - ein Steuergeschenk für den Schatzkanzler in Milliardenhöhe. Politisch unterminierte es das Gespann Brown und Darling, dass in der jetzigen Krisensituation gerade mit steuerlichen Handgriffen gespart werden soll, die die ärmeren Einkommensschichten treffen. Gerade sie haben nämlich vom Aufschwung der vergangenen zehn Jahre wenig profitiert. Sowohl der Mindestlohn wie auch der massive Zustrom osteuropäischer Arbeitnehmer haben ihren Lohn auf niedrigem Niveau gehalten.
Anstieg der Einzelhandelspreise
Der Druck auf Brown, mit Blick auf die Haushaltslage sparen zu müssen, rächt sich jetzt bitter: nach Jahren freizügiger Ausgaben verfügte Brown, dass sich die Vergütung der Beschäftigten im öffentlichen Dienst an der Zielgeraden der Inflationsrate von 2 Prozent orientieren sollte. Der Anstieg der Einzelhandelspreise beläuft sich aber mittlerweile auf knapp 4 Prozent. Dabei ist der Warenkorb bedürftiger Haushalte mehr auf teure Nahrungsmittel und Energie ausgerichtet als bei wohlhabenden Briten, die von Preissenkungen bei Bekleidung und elektronischen Gütern profitieren.
So drängen sich das erste Mal seit 20 Jahren Tausende von demonstrierenden Lehrern in London. Am Donnerstag waren 8000 der 24.000 Schulen im Lande teils oder ganz geschlossen, weil das kärglich bezahlte Lehrpersonal der staatlichen Schulen streikte. Sie protestierten, weil sie mit Gehaltssteigerungen von 2,45 Prozent in diesem Jahr mit Blick auf die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise und Hypothekenzahlungen nicht mehr zurechtkämen, kritisiert die Gewerkschaft National Union of Teachers (NUT).
Rose: Die Kraft der Industrie fehlt jetzt
Unterdessen trübt sich die Stimmung in der Industrie ein, die mit hohen Produktionskosten, aber einer schwächeren In- und Auslandsnachfrage kämpft. Großbritannien profitiert nicht von einer hochkarätigen verarbeitenden Industrie wie Deutschland, wo große Industriekonzerne, aber auch der deutsche Mittelstand mit seinem Export nach Asien die Konjunktur derzeit stützen.
Dies stößt manchem britischen Industrievorstand bitter auf: „Was passiert heute, wenn sich Indien oder China nach neuer Infrastruktur umsehen? Sie reden mit Siemens, Alstom oder Bombardier über Züge. Sie reden mit Siemens, Alstom und General Electric über Kraftwerke. Sie reden mit GE, Areva und Westinghouse über Kernenergie; mit Airbus und Boeing über Flugzeuge und mit Dubai und Singapur über Häfen“, warnt John Rose, Vorstandsvorsitzender von Rolls-Royce. Großbritannien habe einen Fehler begangen, die Wirtschaftsstruktur so einseitig auf Dienstleistung und die Finanzwirtschaft auszurichten. In den vergangenen zehn Jahren habe Großbritannien 1 Million Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie verloren. Die Kraft der Industrie fehle jetzt, um das Land mit seinem Export vor einem scharfen Konjunktureinbruch zu bewahren.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.728,19 | −0,15% |
| FAZ-INDEX | 1.500,83 | −0,21% |
| TecDAX | 773,85 | −0,19% |
| MDAX | 10.253,60 | −0,35% |
| SDAX | 5.023,80 | +0,24% |
| REX | 421,66 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.488,29 | −0,13% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,26 | −0,27% |
| Dow Jones | 12.878,30 | +0,03% |
| Nasdaq 100 | 2.575,24 | +0,22% |
| S&P500 | 1.350,50 | −0,09% |
| Nikkei225 | 9.052,07 | +0,59% |
| EUR/USD | 1,3113 | −0,10% |
| Rohöl Brent Crude | 118,17 $ | +0,32% |
| Gold | 1.722,00 $ | +0,61% |
| Bund Future | 138,53 € | +0,15% |