03.03.2010 · Die Spekulanten an den Finanzmärkten trommeln zum nächsten Feldzug: Dieses Mal haben sie das britische Pfund aufs Korn genommen. Aber warum? Und warum lösen Erinnerungen der Briten an die dramatische Abwertung ihrer Währung im Jahr 1992 neue Ängste aus?
Von Bettina SchulzDie Spekulanten an den Finanzmärkten trommeln zum nächsten Feldzug: Dieses Mal haben sie das britische Pfund aufs Korn genommen. Diese Woche beschleunigte sich die Abwertung der britischen Währung. Doch warum positionieren sich Investoren an den Finanzmärkten gegen das Pfund, und warum lösen Erinnerungen der Briten an die dramatische Abwertung ihrer Währung im Jahr 1992 neue Ängste aus?
Großbritannien ist nicht Griechenland. Die Briten sind nicht Mitglied der Währungsunion, sie müssen sich daher nicht den fiskalpolitischen Vorgaben der Währungsunion beugen. Großbritannien ist nicht von der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank abhängig. Die Bank von England kann auf die Wirtschaftsschwäche des Landes gezielt reagieren und hat dies auch seit Beginn der Finanzkrise getan. Großbritanniens Wirtschaft profitierte in dieser Finanzkrise gar von der Abwertung des Pfund. Dies ist ein Vorteil, der Griechenland verwehrt ist.
Segen oder Fluch
Die Abwertung einer Währung kann aber Segen oder Fluch für ein Land bedeuten. Segensreich mag eine zeitweilige Abwertung inmitten einer Rezession sein, denn sie verbessert die Wettbewerbsposition der Exportindustrie. Gleichzeitig lockt eine Wechselkursschwäche ausländische Investoren an, die mit ihrem Kapital im Inland für Arbeitsplätze sorgen. Kein Wunder daher, dass die bisherige Abwertung des Pfund von der britischen Industrie, den Politikern und der Bank von England wohlwollend beobachtet wurden.
Doch jetzt ist Schluss mit der Gelassenheit. Die Abwertung des Pfund hat sich beschleunigt, und diese Eigendynamik wird nun gefährlich. Die Abwertung einer Währung entwickelt sich zum Fluch für ein Land, wenn sie den Vertrauensverlust ausländischer Kapitalgeber widerspiegelt. Genau dies droht jetzt dem britischen Pfund Sterling. In Großbritannien werden Erinnerungen an den Herbst 1992 wach. Damals weigerte sich die konservative Regierung, eine Abwertung des Pfund im Europäischen Wechselkurssystem (EWS) zuzulassen. Der Großspekulant George Soros erkannte die Unhaltbarkeit der Situation und kassierte mehr als eine Milliarde Dollar Gewinn, als das Pfund das EWS am Mittwoch, den 16. September 1992, verlassen musste und drastisch abwertete.
Der Dreh- und Angelpunkt sind die hohen Staatsschulden
Investoren spekulieren gegen Unternehmen, Länder oder Währungen, wenn sie eine Misere erkennen und darauf setzen, dass die Finanzmärkte irgendwann auf das Übel reagieren, die Risikoprämien steigen und sich dann die Spekulation auszahlt. Großbritanniens Übel ist nicht die schlappe Konjunktur, auch nicht die Ankündigung der Bank von England, möglicherweise die Notpolitik des Anleihekaufs an den Kapitalmärkten fortzusetzen. Beides lastet zwar auf dem Wechselkurs, ist aber kein Grund zur Panik. Der Dreh- und Angelpunkt sind die hohen Staatsschulden und das ausufernde Haushaltsdefizit. Mittlerweile borgt sich der britische Staat für jede vier Pfund, die er ausgibt, ein Pfund. Dies lässt den Schuldenberg immer stärker wachsen. Auch andere Länder stecken in der Schuldenmisere. Aber Investoren an den Kapitalmärkten sorgen sich mittlerweile darüber, dass Großbritannien seine Schulden nicht in den Griff bekommen könnte und dies irgendwann auf dem Rücken der Investoren über eine höhere Inflation und eine weitere Abwertung des Pfund ausgetragen wird.
Eigentlich müsste die Regierung Sparmaßnahmen verkünden, mit denen sie das Etatdefizit einschränkt, und ein Konzept für den Abbau der Schulden vorstellen. Die Fähigkeit einer Regierung, fiskalpolitische Sparmaßnahmen umzusetzen, ist für Ratingagenturen entscheidend, die die Bonität eines Staates an den Kapitalmärkten bewerten. Investoren müssen sich auf dieses Urteil verlassen.
Keine Angst - aber auch keine Lust
Jüngste Wählerumfragen zeigen nun, dass weder die konservative Partei noch Labour aus der bevorstehenden Parlamentswahl im Frühjahr mit einer klaren Mehrheit hervorgehen dürfte. Die Gefahr besteht, dass in einer politischen Pattsituation, mit der Großbritannien schlechter umgehen kann als Deutschland mit einer großen Koalition, keine Forschritte in der Bekämpfung des Haushaltsdefizits gemacht werden. Die Kapitalmärkte fürchten, dass sich die Politik im Streit darüber verliert, welche Sparmaßnahmen der geschwächten Wirtschaft zuzumuten sind. Eine Abstufung durch die Rating-Agenturen und höhere Risikoprämien an den Kapitalmärkten für britische Anleihen wären dann die Folge. Dies würde die Refinanzierung von Unternehmen verteuern, die Wirtschaft belasten und die Abwertung des Pfund beschleunigen.
Die Investoren an den Kapitalmärkten haben keine Angst, dass Großbritannien seine Schulden eines Tages nicht mehr bedienen könnte. Ein Land, das über eine unabhängige Notenbank, eine eigene Währung und eine eigene Fiskalpolitik verfügt, kann seine Schulden eigentlich immer bedienen, selbst wenn es Geld drucken müsste. Großbritannien hat mit seiner starken Einbindung in die internationalen Kapitalmärkte sogar ein Eigeninteresse, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Aber die Kapitalgeber haben keine Lust zuzusehen, wie ihre Forderungen gegenüber Großbritannien auf Dauer über Inflation und Pfundschwäche entwertet werden. Das sehen auch die Spekulanten.