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Großbritannien Der Mindestlohn ist keine Wunderwaffe

 ·  Im wirtschaftsliberalen Großbritannien ist die staatliche Lohnuntergrenze allgemein akzeptiert. Aber Verbesserungen für Geringverdiener hat sie kaum gebracht.

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Ob er auch eine Frage stellen dürfe, fragt Alan Manning: „Warum interessieren sich die Deutschen eigentlich auf einmal so sehr für den britischen Mindestlohn?“ Ständig riefen ihn deutsche Journalisten zu diesem Thema an, sagt der Arbeitmarktexperte an der London School of Economics (LSE). Nachdem am Wochenende die Pläne der CDU für einen allgemeinen Mindestlohn bekannt geworden sind, steht das Thema in Berlin plötzlich weit oben auf der wirtschaftspolitischen Tagesordnung. Das britische Modell gilt als mögliches Vorbild für Deutschland.

So ganz nachvollziehen kann Manning, der Volkswirtschaftsprofessor von der LSE, die Aufregung auf dem Kontinent nicht. Nach mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung mit ihrem eigenen Mindestlohn sehen die Briten das Thema gelassen. Die Bilanz fällt wenig dramatisch aus: „Weder sind, wie damals von manchen befürchtet, Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet worden noch hat der Mindestlohn den Lebensstandard von Geringverdienern transformiert“, sagt Manning. Der Wirksamkeit dieses Instruments seien vergleichsweise enge Grenzen gesetzt: „Man muss den Mindestlohn behutsam einsetzen. Wenn er zu hoch ist, hilft er den Betroffenen nicht, sondern kostet sie ihren Arbeitsplatz.“

Der Aufschrei war groß

Großbritanniens Politiker setzen traditionell stärker auf wirtschaftspolitisches Laissez Faire als ihre deutschen Kollegen. Aber dass der Staat Lohnuntergrenzen festlegt, ist auf der Insel längst kein Aufreger mehr. Der Mindestlohn wird heute von allen drei großen Parteien als Baustein der Arbeitsmarktpolitik akzeptiert. Das war nicht immer so: Als der sozialdemokratische Premierminister Tony Blair ihn im Jahr 1999 einführte, war der Aufschrei groß.

Der konservativen Tory-Partei galt dieser politische Eingriff in den marktwirtschaftlichen Lohnfindungsprozess als Teufelswerk. Die angebliche sozialpolitische Wohltat sei eine Job-Vernichtungsmaschine, warnte damals auch der heutige konservative Regierungschef David Cameron. Wie viele andere hat er seine Meinung längst revidiert.

Niedriglohn-Kommission

Bei der Einführung des Mindestlohns das richtige Niveau zu finden sei schwierig, räumt der Ökonom Manning von der LSE ein. Er rät zur Vorsicht: „Ein Stück weit ist das ein Ratespiel, also ist es besser, niedrig anzufangen und zu beobachten, wie die Beschäftigungseffekte ausfallen.“ Falls der Mindestlohn nicht zu Jobverlusten führe, könne er später schrittweise erhöht werden. Die erste Lohnuntergrenze in Großbritannien betrug vor zwölf Jahren 3,60 Pfund in der Stunde - rund 4,25 Euro nach heutigem Wechselkurs. Dies entsprach rund 46 Prozent des mittleren Einkommens in Großbritanniens.

Seither ist der Mindestlohn deutlich stärker gestiegen als das allgemeine Preisniveau und der durchschnittliche Stundenlohn. Zum ersten Oktober wurde er um 2,5 Prozent auf 6,08 Pfund aufgestockt. Rund eine Million Briten profitieren davon. Der Mindestlohn wird auf Empfehlung einer Niedriglohn-Kommission festgelegt, der unter anderem Vertreter von Arbeitgebern, Gewerkschaften angehören.

Zumindest im teuren London lässt sich vom Mindestlohn allerdings der Lebensunterhalt nur mühsam bestreiten. Nach Berechnungen der Stadtverwaltung liegt jeder zehnte Arbeitnehmer in der Hauptstadt mit seinem Einkommen unter der vom Staat definierten Armutsgrenze. Einmal im Jahr lässt der Londoner Bürgermeister Boris Johnson deshalb errechnen, wie hoch die Bezahlung mindestens sein müsste, um die Betroffenen über die Armutsschwelle zu heben. Derzeit liegt diese unverbindliche „Lebensunterhalts-Lohn“ bei 8,30 Pfund - rund ein Drittel über dem Mindestlohn.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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