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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Griechenland Nicht zu retten

 ·  IWF-Chefin Lagarde will Griechenland mehr Zeit geben. Dass dafür ein drittes griechisches Milliardenpaket nötig wird, sagt sie nicht. Wenn es wenigstens hülfe!

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© AFP Christine Lagarde

Zeit ist Geld. Selten war dieses Diktum so wahr wie im Munde von Christine Lagarde. „Es ist besser, etwas mehr Zeit zu geben“, sagte die IWF-Chefin am vergangenen Donnerstag in Tokio und meinte dabei die Griechen und deren Spar- und Reformanstrengungen, die zeitlich gestreckt werden sollten.

Was Frau Lagarde zu erwähnen vergaß: Zeit kostet. Mit ungefähr 20 Milliarden Euro zusätzlich, so schätzt die EU, wird der Aufschub bei den Rettern zu Buche schlagen. Hinzu kommen weitere zehn Milliarden, mit denen ein aktuelles griechisches Haushaltsloch gestopft werden muss. Summa summarum ergibt das ein drittes griechisches Milliardenpaket, das zu den schon bewilligten rund 240 Milliarden Euro addiert werden muss.

Sage niemand, dazu werde es nicht kommen. Vor allem Finanzminister Wolfgang Schäuble sollte seiner Freundin Christine nicht so vollmundig Kontra geben. Denn Schäuble hat früher schon mehrfach - auch in Interviews mit der F.A.Z. - gewettet, die Kredite würden definitiv auslaufen. Die Wette hat er verloren und nun, zurückhaltend gesprochen, ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem. Zumal Kanzlerin Angela Merkel längst diplomatisch das Feld dafür vorbereitet, das Austeritätsregime zu strecken und, damit zwingend verbunden, die Hilfen aufzustocken.

Griechenland zeigt: Wir vergeben Kredite, obwohl wir wissen, dass sie nicht zurückgezahlt werden

Was sollen die Politiker auch anderes tun, als Zeit und Geld nachzuschießen, nachdem sie einander versprochen haben, Griechenland im Euroraum zu halten. Koste es, was es wolle, heißt dann die Konsequenz: Es ist eine Art Blankoscheck für die Nehmer, sich ihre Unterstützungsleistungen wahlweise bei den Hilfsfonds oder der Europäischen Zentralbank zu besorgen. Noch nicht einmal die bislang üblichen Erpresserbriefe an die Gläubiger sind künftig nötig.

Wenn es wenigstens hülfe! Doch die Fachleute glauben nichts davon. An dieser Skepsis ändert sich auch dann nichts, wenn kommende Woche die Troika den Griechen viel guten Willen und etliche Fortschritte attestieren sollte. „Wir vermuten, dass Griechenland nicht zu retten ist“, taten die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute vergangene Woche in ihrem Herbstgutachten unisono kund. Das heißt: Griechenland wird seine Schulden nimmer zurückzahlen können. Das Ziel, bis zum Jahr 2020 die Last auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken (Maastricht erlaubt 60 Prozent!), rückt - trotz Schuldenschnitt - zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Schon ist von einem zweiten „Haircut“ die Rede, bei dem nun auch die öffentlichen Gläubiger (vulgo: die Steuerzahler) herangezogen werden sollen. Darauf läuft auch der Vorschlag von EZB-Mann Jörg Asmussen hinaus, der den Griechen Geld leihen will, damit sie ihre eigenen Anleihen zum Ramschkurs zurückkaufen können. Stets vergeben wir Kredite, von denen wir von Anfang an wissen, dass sie nicht zurückgezahlt werden können, weswegen ständig neu umgeschuldet werden muss. Ein Perpetuum mobile der Insolvenzverschleppung.

„Heute ist Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar“, schreibt das Nobel-Komitee in der Begründung für den Friedensnobelpreis an Europa. Genau das ist der Grund, warum Europa heute sich die fiskalische Insolvenz eines Mitgliedslandes leisten kann. Stattdessen „alternativlos“ an der Währungsunion mit allen festzuhalten und, schlimmer noch, aus der Krise des Euro die Notwendigkeit weiterer Vergemeinschaftung abzuleiten befördert die Kräfte der Desintegration. Aufruhr und Tendenzen der Separation (von Griechenland über Katalonien bis Südtirol) sind nicht zu überhören. Wer das friedliche Europa erhalten will, wird die Staatsinsolvenz (mit oder ohne Austritt aus dem Euro) nicht verteufeln dürfen. Der Eurogipfel kommende Woche in Brüssel gäbe Gelegenheit, darüber zu reden.

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Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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