Home
http://www.faz.net/-gqe-717s2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Griechenland Auf Rettungsreise zum überdüngten See

 ·  Auch der Kastoria-See in Griechenland ist ein Rettungsfall. Millionen Euro haben ihm nicht geholfen. Jetzt helfen Deutsche. Sie wollen ihn zu einer Art Bodensee machen. Doch es gibt Zweifel, ob dies gelingen kann.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (30)

„Und nun noch ein kleiner Muntermacher“, sagt Hans-Joachim Fuchtel. Er hält einen Prospekt von Lidl aus seiner Heimatzeitung hoch. Darin werden „griechische Spezialitäten“ beworben. Der deutsche Staatssekretär Fuchtel will seinen griechischen Zuhörern zeigen, dass es langsam aufwärts geht, dass die Deutschen Griechenland noch lieben, zumindest in Gestalt von Oliven und Fetakäse. Es ist jedoch gut, dass niemandem die Details auffallen. Das beworbene Gyros wird von einem Unternehmen mit dem Namen Oldenländer hergestellt, und der „Patros“-Fetakäse kommt von der „Hochland Deutschland GmbH“ aus dem Allgäu.

Die Stadt Kastoria frisst sich auf einer Halbinsel in den See, die Landschaft ist idyllisch, aber aus der Nähe betrachtet wirkt vieles, als sei der Ort im Abstieg begriffen. Es gibt Bauruinen, bröckelnde Fassaden, die meisten Häuser sind Zweckbauten aus den Siebziger Jahren. Und auch der See krankt. Das soll besser werden. Deshalb ist Fuchtel hier. Der Staatssekretär und Bundestagsabgeordnete für die CDU aus dem Schwarzwald koordiniert im Auftrag der Bundesregierung die Deutsch-Griechische Versammlung. Sie soll Bürger, Vereine und Kommunen vernetzen, damit sich diese selbst helfen, nachdem Subventionen und Fördermillionen die Probleme nicht gelöst haben - weder die Griechenlands, noch die des Sees.

Was kann bürgerschaftliche Hilfe bringen in einem Land, das politisch und wirtschaftlich am Rand des Abgrunds steht? Kann sie wenigstens einen See retten?

Das Wasser des Sees ist grün vor Algen, Schaumbläschen schwimmen darauf. Niemand badet darin, die Touristen bleiben weg - 80 Prozent weniger Gäste als im Vorjahr kamen in diesem Frühling angeblich. Das lag nicht nur an der schlechten Wasserqualität, sondern vor allem an der Krise. Die meisten Gäste waren aus Thessaloniki gekommen, doch viele haben nun keine Arbeit mehr oder ein Drittel weniger Einkommen; und dann ist auch noch der Spritpreis wegen Steuererhöhungen auf 1,85 Euro gestiegen, was die zweistündige Anreise für viele unbezahlbar macht. Was die Seenot betrifft, machen die Kommunalpolitiker in Kastoria „die Landwirtschaft“ verantwortlich. Die Bauern düngen ringsum und spritzen Pestizide auf Apfelbäume und Bohnenbüsche. Wenn die EU mehr Geld für den Öko-Anbau zahlen würde, ginge es dem See gut, sagt man im Rathaus. Aber es gibt auch andere Gründe als fehlende Förderung, über die nicht gern gesprochen wird. Zum Beispiel ist die Abwasserklärung schlecht organisiert. Viele Haushalte leiten ihre Fäkalien direkt in den See. Das erfuhr ein Mitglied der Fuchtel’schen Delegation beim letzten Besuch zufällig von Bürgern.

Schon als Fuchtel, ein barocker Herr mit grauem Schnauzbart, braunen Locken und rosa Krawatte, im Winter erstmals Kastoria besuchte, dachte er: Dieser herrliche See, er müsste werden wie unser Bodensee. Mit klarem Wasser, Radwegen und Bauernhofpensionen. Es müsste nur alles etwas besser organisiert sein. Deswegen hat Fuchtel auf diese Seerettungs-Reise nun also Gewässer- und Obstfachleute mitgebracht, wie auch seinen Parteifreund Lothar Riebsamen, der die Bodenseeregion im Bundestag vertritt.

Fuchtel war schon vier Mal in Griechenland. Er merkte schnell, dass es nicht nur an guten Ideen fehlt. Es gibt Widerstand gegen jede Reform. Der Bürgermeister von Thessaloniki etwa strich seinen Beamten die Bezahlung für (angeblich selten wirklich geleistete) Überstunden, woraufhin Unbekannte 1000 Reben auf seinem Weingut zersägten. Ob die Staatsbeamten oder die Gewerkschaften - irgendjemand scheint mit Mafiamethoden um die Macht zu kämpfen.

Am Abend eröffnet Fuchtel eine See-Rettungskonferenz. Seine Limousine erreicht das Ufer, der See erhebt sich vor Bergen, die dünn und hellgrün bewaldet sind. Polizei und Leibwächter eskortieren Fuchtel, hier ist er, anders als in Deutschland, prominent, seit die Griechische Presse schrieb, nun habe Bundeskanzlerin Merkel mit Fuchtel einen „Minister für Nordgriechenland“ ernannt, der seinen „Amtssitz“ in Thessaloniki habe.

Fuchtel gibt Interviews: „Es werden zu viele Nährstoffe in den See geleitet“, sagt er. In einem großen Saal mit Deckenkacheln und Kinositzen nehmen auf dem Podium neben ihm acht weitere Eröffnungsredner Platz, 80 See- und Tourismusfachleute hören zu. Man spricht von Freundschaft. Der Schwabe Fuchtel sagt, als er angekommen sei, sei ihm „Kaschtoria“ vorgekommen wie der „Vorhof des Himmels“. Der Bürgermeister von Kastoria Emmanouil Chatzisymeonidis hält eine Rede über Ökotourismus, Bioobst und EU-Fördergeld. Fuchtel sagt, darum gehe es jetzt nicht, es müsste Konkretes getan werden. Kastoria solle sich „gut mit Herrn Riebsamen stellen“, dem Abgeordneten vom Bodensee, dieser habe „beschte Kontakte“, woraufhin Riebsamen ans Mikrofon tritt und berichtet, wie der Bodensee durch die Errichtung von 224 Kläranlagen sauber geworden sei, „es war nicht einfach“, woraufhin der Vizegouverneur der Provinz Mazedonien von EU-Fördergeld für Pumpen und Wege referiert.

Obwohl es so wirkt, als versprächen sich beide Seiten etwas anderes von dem Besuch, umarmen sich schließlich Fuchtel und der Bürgermeister auf dem Podium, schließlich schenkt ihm Fuchtel eine Zahnbürste mit dem Aufdruck „CDU - Fuchtel in aller Munde“, und Irini Miskia-Georgosopoulou, eine von sieben stellvertretenden Bürgermeistern der Kleinstadt, bekommt ein Schwarzwälder Püppchen. Dann gibt es Wein und gefüllte Paprika.

Lothar Riebsamen, der Abgeordnete vom Bodensee, besuchte am Tag auch einen anderen See in der Nachbarschaft. Er wirkt etwas entsetzt: Im Schwimmbecken eines verfallenden Thermalbades habe eine tote Katze gelegen, und der Bürgermeister habe erklärt, es gebe eben keine Mittel der EU mehr für Putzkräfte. Recht neu sei dafür ein Bootssteg gewesen, doch das einzige Tretboot gammelte dahin - der Steg sei nur noch für das Wasserflugzeug des Bürgermeisters genutzt worden.

Fuchtels Reise wird von den Fragen eingeholt, die auch politisch diskutiert werden: Kann diese Währungsunion funktionieren in einem Raum mit so unterschiedlichen Mentalitäten, Verwaltungskulturen, Wirtschaftsstrukturen? Bekommt es der Freundschaft gut, wenn immer größere Abhängigkeit entsteht? Fuchtel aber lässt sich von kleinen Enttäuschungen nicht seinen Schwung nehmen. Er glaubt daran, dass die Dinge sich zum Guten verändern. Es geht ihm um Europa. „Ich denke in europäischen Außengrenzen“, sagt er, „Griechenland muss stabil werden.“.

Fuchtel verdiente in schwerer Kindheit schon im Alter von sechs Jahren eigenes Geld, indem er Weinbergschnecken sammelte, seit 1987 sitzt er im Bundestag, er engagiert sich auch für die absonderlichsten Vereine wie den „Kamelverein Fata Morgana“. Ein Hans Dampf in allen Gassen, der nie faul war, aber auch nie dort lebte, wo Lethargie belohnt wurde. Nun versucht er, Kastoria mit Schwarzwälder Erfolgsgeschichten zu motivieren, er spricht von kreativen Potentialen und einer Gründerkultur. Mehrmals trifft er Unternehmer. Die aber wirken deprimiert. Sie wissen selbst, was falsch läuft im Land.

Fuchtel isst mit Wirtschaftsmännern am Ufer zu Mittag. Er sagt, es gebe zu viele Akademiker in Griechenland, zu wenig solide Berufsausbildung. Die Unternehmer nicken. Vor allem aber klagen sie darüber, sie bekämen von den Banken keine Kredite mehr, sodass sie nicht einmal Rohstoffe einkaufen könnten. „Solange das nicht funktioniert, brauchen wir über die anderen Dinge nicht zu sprechen“, sagt einer. Ein anderer schlägt vor, der deutsche Staat sollte Zuschüsse für Messebesuche geben, könnte Teile der Sozialversicherungsabgaben zahlen, Fortbildungsprogramme finanzieren. Fuchtel hat aber kein Fördergeld, nur einige wenige Mitarbeiter sind für diese deutsch-griechische Versammlung abgestellt worden.

Also erzählt der Schwabe weitere Geschichten zum Munterwerden: Deutsche Winzer hätten nicht selten 100000 Tagesgäste im Jahr, griechische kaum welche, ein erster Grieche sei schon bei einem deutschen Winzer zu Besuch gewesen. Griechische Hotels könnten doch auch im April öffnen, einen Monat früher als bisher, und griechische Kommunen sollten von deutschen Stadtwerken lernen, wie man Geld mit der Abfallentsorgung verdiene. In Griechenland gebe es ferner keine standardisierte Ausbildung für Handwerker. Er schlägt den Unternehmern vor, Berufsschulen im Schwarzwald zu besuchen. Sie nicken, und einer guckt dabei beleidigt.

Einen kleinen Erfolg wenigstens erreichte Fuchtel kürzlich: In einem Hotel guckten rostige Rohre aus der Fassade. „Pflanzt eine Hecke davor“, riet Fuchtel, und das sei dann auch geschehen.

Der Reiseunternehmer Nikolaos Tsinas- er studierte in Köln und spricht mit rheinischem Akzent -, der trotz der Krise konstante Geschäfte etwa mit speziellen Reisen für übergewichtige Deutsche macht, sagt, er halte viel von der Deutsch-Griechischen Versammlung; irgendetwas müsse man tun. Denn die Griechen seien von Brüssel zehn Jahre wie in ein Aquarium gesetzt worden, in dem sie nur den Mund hätten öffnen müssen, und schon sei ihnen ein Fisch hinein geschwommen. Jetzt schwimme plötzlich kein Fisch mehr im Wasser, die Leute merkten, dass alles eine Illusion gewesen sei und bekämen Panik: „Sie haben ja nie gelernt zu angeln.“

Am zweiten Tag geht es um den Obstanbau. Das ist der wichtigste Wirtschaftszweig in Kastoria. Hier leben angeblich 2000 Bauern. Der Bürgermeister aber wünscht sich mehr Bioobst, damit der See sauber wird. „Die Bauern müssen das gleiche Einkommen mit Bioobst verdienen“, sagt er, „durch EU-Programme.“ Er meint, bisher gebe es „erst 80 Biobauern“ in Kastoria. Einer davon nimmt an der Konferenz teil, Stephanos Liouzas (ein Mann neben ihm sagt, Liouzas sei tatsächlich der einzige Biobauer in Kastoria). Der Bio-Anbau ist hier auch wenig attraktiv. Für Bio-Äpfel gibt es kaum einen Markt, anders als rund um den Bodensee. Andererseits ist der Export von gespritzten Äpfeln nach Saudi-Arabien eines der wenigen funktionierenden Geschäftsmodelle in Kastoria. Ein deutscher Seeforscher sagt, für den See wäre schon viel erreicht, wenn die Bauern nur genehmigte Pestizide verspritzen.

Die stellvertretende Bürgermeisterin, eine Germanistin in Türkis, führt um den See. Am Ufer steht ein byzantinisches Kloster. Allen Christusbildern wurden die Augen herausgekratzt. „Das waren die Türken“, sagt die Bürgermeistern. Ein alter Mönch kommt und erklärt, die türkischen Besatzer hätten griechischen Bauern damals nur zum Spaß versprochen, die Ernte würde sich verdoppeln, wenn sie die Christusaugen als Dünger verwendeten. „Es waren die Griechen“, sagt er.

Deutsch-Griechische Versammlung

Die Deutsch-Griechische Versammlung soll im Auftrag der Bundesregierung bürgerschaftliche Hilfte organisieren. Dutzende Kulturvereine, deutsche und griechische Partnerstädte sowie deutsche politische Stiftungen sind darin engagiert. Auch griechische Unternehmerverbände – viele von deren Mitgliedern wurden in Deutschland geboren oder studierten dort – und deutsche Konsulate sind involviert. Im November übertrug Bundeskanzlerin Merkel die Koordination Hans-Joachim Fuchtel, der Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium ist. Der Jurist berichtet von ersten Erfolgen: Berater aus Calw würden bald die Insel Kreta besuchen und Kommunen Rat geben, wie sich mit der Müllverwertung Geld verdienen lasse. Auch habe Griechenland seit zehn Jahren keinen Stand mehr auf der großen Agrarmesse Grüne Woche in Berlin gebucht, was nun anders sei. Ferner wurden Praktikanten aus Thessaloniki an Kölner Unternehmen vermittelt, einige sollen dort Ausbildungen machen. Auch die IHK Hamburg wolle 20 Griechen vermitteln. Zehn Konferenzen sollen bis Jahresende Bürger beider Länder zusammenbringen.jagr.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Hoffnungswert Konsum

Von Philip Plickert

Den meisten deutschen Kosumenten scheint die Euro-Krise weit weg. Sie geben ihr Geld mit vollen Händen aus. Doch kann der private Konsum die entscheidende Stütze der Konjunktur werden? Mehr 1 3

Umfrage

Gentests machen Aussagen über das Risiko künftiger Krankheiten. Wollen Sie Ihr Risiko kennen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --