http://www.faz.net/-gqe-727bo

Grenzen des Marktes : Nicht alles sollte für Geld zu haben sein

Bild: Thilo Rothacker

Für Geld bekommt man heute fast alles. Den Preis bestimmen Angebot und Nachfrage. Einige Dinge aber sollten besser nicht handelbar sein. Sie verlieren sonst ihre Würde. Aber wo hat der Kommerz seine Grenzen?

          Wenige Dinge werden so verteufelt wie die Kommerzialisierung. Dabei kann das Prinzip, für eine Sache Geld zu verlangen, überaus segensreich sein. Bestes Beispiel ist das Wasser in vielen Entwicklungsländern: Wo es kostenlos abgegeben wird, führt das zur Verschwendung. Und niemand investiert in neue Rohre und Leitungen. Wo es aber gelingt, für Wasser Geld zu nehmen, funktioniert die Wasserversorgung auffällig besser.

          Ökonomen sagen, es entsteht ein Markt mit Angebot, Nachfrage und einem Preis - das führt zu einer effizienteren Nutzung knapper Ressourcen wie Wasser. In ganz vielen Bereichen des Lebens ist das so.

          Gleichwohl wirft der Siegeszug dieses Markt-Prinzips die Frage nach den Grenzen auf - nach den Dingen, die man für Geld nicht kaufen können soll. „Moralische Grenzen von Märkten“ hat der Havard-Professor Michael Sandel diese Grenzfälle der Ökonomie in seinem jüngsten Buch „What money can’t buy“ genannt. Die Entscheidung darüber ist oft nicht einfach.

          Relativ leicht werden selbst die hartgesottensten Anhänger des Markt-Prinzips zustimmen, dass man Menschen nicht für Geld kaufen können soll. Es war zweifellos eine Errungenschaft der Zivilisation, dass die Sklaverei abgeschafft wurde. Das Prinzip der Menschenwürde schlägt das Markt-Prinzip.

          Komplizierter wird es dann schon bei Teilen von Menschen. Der Göttinger Organspende-Skandal hat gerade wieder die Aufmerksamkeit auf den gewaltigen Mangel an Spenderorganen für Transplantationen gelenkt. 40.000 Menschen in Europa warten auf eine Niere. Es gibt zu wenige. Organhandel ist verboten, die Verteilung von Spenderorganen funktioniert über eine Warteliste. Allerdings sterben viele Patienten, bevor sie drankommen.

          Zwei Gründe gegen den Kommerz

          Kein Wunder, dass sich ein Schwarzmarkt entwickelt hat. Wenn man bereit ist, Geld zu zahlen, kommt man offenkundig leichter an Organe. Sollte man daraus schließen, dass man alle moralischen Bedenken beiseite schieben und den Markt für Organe legalisieren sollte? Es gibt Gesundheitsökonomen, die das vorschlagen. Immerhin könnte man so möglicherweise Tausende von Leben retten, wenn Menschen eher bereit sind, eine Niere zu spenden, weil sie Geld bekommen.

          Zwei Gründe führt Havard-Professor Sandel dagegen an, dass man alles für Geld kaufen können soll - und sie lassen sich auch auf diesen Fall übertragen. Der eine ist der „Verteilungs“-Grund: Wenn wirklich alles über Geld verteilt würde, auch die letzten Dinge, wären Arme noch weitaus schlechter dran als jetzt. Wenn Geld entscheiden würde, wer sich eine neue Niere oder gar ein neues Herz leisten kann, würde letztlich sogar das Recht auf Leben nach dem persönlichen Vermögen verteilt.

          Der andere Grund ist eine seltsame Rückwirkung, die das Bepreisen und Handeln von Dingen auf Märkten auf die Dinge selbst haben können: Unter Umständen verlieren sie ihre Würde - und die Menschen ihren Respekt vor ihnen. So etwas könnte mit den Organen passieren, wenn sie käuflich werden. Wie bei anderen Dingen auch: Man denke an Polizeiautos, die mit Werbung zugepflastert sind, wie das in Amerika im Gespräch war. Wer würde eine solche Polizei noch ernst nehmen? Und: Kann eine solche Polizei tatsächlich noch unbefangen einen Unternehmer verhaften, dessen Firma auf der Fahrertür wirbt?

          Weitere Themen

          Die soziale Flasche

          Berliner Start-up : Die soziale Flasche

          Ein Berliner Start-up möchte mit Recyclingflaschen zweifach Gutes tun – für die Umwelt und für die Wasserversorgung in Afrika. Mächtige Partner für Share gibt es schon.

          Lebensmittelskandal in Australien Video-Seite öffnen

          Nadeln in Erdbeeren gefunden : Lebensmittelskandal in Australien

          Vorsicht beim Reinbeißen ist geboten. Im australischen Bundesstaat New South Wales wurden haufenweise Erdbeerverpackungen mit Nadeln gefunden. Der oder die Verantwortlichen hätten mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren zu rechnen, teilte die Polizei mit.

          Topmeldungen

          Handelsstreit : An der Schraube gedreht

          Donald Trump will, dass amerikanische Unternehmen ihre Produktion nach Amerika zurückverlagern – koste es, was es wolle. Vielleicht kommt die strategische Konfrontation mit China schneller als vermutet. Ein Kommentar.
          Zentralmoschee in Köln

          Ditib : Erdogan eröffnet Zentralmoschee in Köln

          Der türkische Präsident wird bei seinem Besuch in Deutschland, die Ditib-Moschee in Köln offiziell eröffnen. Dabei sein wird auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.