http://www.faz.net/-gqe-75r4c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.01.2013, 18:56 Uhr

Gratis-Busse und -Bahnen Tallinn setzt auf freie Fahrt im Nahverkehr

Nahverkehr zum Nulltarif: Als erste europäische Hauptstadt bietet das estnische Tallinn die Fahrten mit Bus und Bahn seit Jahresbeginn gratis an. Trotz Anlaufschwierigkeiten und Kritik an den Kosten scheint die Umstellung den gewünschten Effekt zu erzielen.

© dpa „Tallinn ist eine innovative Stadt“: Die Fahrt im Nahverkehr gibt es gratis

Freie Fahrt in Tallinn: Im Kampf gegen tägliche Staus und für die Umwelt hat Estlands Hauptstadt mit Jahresbeginn Gratis-Nahverkehr in der ganzen Stadt eingeführt. Seither können die 420.000 Einwohner der Großstadt an der Ostsee die Busse und Bahnen umsonst nutzen. Probleme bereitet noch das neue elektronische Ticketsystem, außerdem gibt es Kritik an den Kosten. „Tallinn ist eine innovative Stadt. Wir sind die erste Hauptstadt, in der ein derartiges Konzept in einem solchen Umfang umgesetzt wird“, sagt Edgar Savisaar.

Der Bürgermeister hat sich gegen einige Widerstände durchgesetzt. Dabei stützte er sich auf eine Bürgerbefragung im Frühjahr 2012. Mehr als 75 Prozent der Tallinner unterstützen die Initiative. Manche konnten es kaum abwarten: „Ich habe meine erste Freifahrt gleich am 1. Januar um 6 Uhr morgens gemacht. Ich denke, ich werde es irgendwann mal wieder tun“, beschrieb der estnische Sänger Koit Toome im Frauenmagazin „Naisteleht“ seine ersten Erfahrungen mit dem Gratis-Nahverkehr.

Mehr zum Thema

„Im letzen Jahr nutzten täglich rund 100.000 Menschen den Nahverkehr. Wir hoffen, dass diese Zahl zunimmt und immer mehr Bürger ihr Auto stehen lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen“, sagt Savisaar. Mit den Freifahrten soll zudem die Mobilität ärmerer Familien erhöht werden. Die Stadt hilft dabei mit umstrittenen Mitteln nach: buchstäblich über Nacht wurden auf mehreren Straßen in der Innenstadt Fahrstreifen in Busspuren umgewandelt und die Ampelschaltung zugunsten von Bus und Bahn geändert. Gerade im Berufsverkehr, in dem die Straßen schon zuvor stark verstopft waren, bringt die geänderte Verkehrsführung viele Autofahrer auf die Palme.

Doch ersten Untersuchungen zufolge scheint das Konzept aufzugehen. Im Januar waren bisher 15 Prozent weniger Autos unterwegs als in den beiden Vormonaten, während Busse und Bahnen in derselben Zeit sechs Prozent mehr Passagiere beförderten. Dass die Schule erst in der zweiten Januarwoche wieder begann, erleichterte dabei den Umstieg.

Free public transport for Tallinn Card holders © dpa Vergrößern Die Einwohner brauchen nur eine Chipkarte, mit der sie sich an den Lesegeräten in Bus und Bahn identifizieren müssen

Die freie Fahrt steht allen gemeldeten Einwohnern zu. Sie brauchen nur eine Chipkarte, mit der sie sich an den Lesegeräten in Bus und Bahn identifizieren müssen. Die Datenschutzbehörde hat allerdings rechtliche Bedenken wegen der Speicherung und dem Zugang zu den personenbezogenen Daten auf der Chipkarte angemeldet. Bisher hat wegen Liefer-Engpässen nur knapp die Hälfte aller Tallinner eine solche Chipkarte.

Touristen hoffen vergeblich auf einen Freifahrtschein: Sie müssen weiter ein Ticket kaufen. Kritiker warnen vor den Kosten der Umstellung - jährlich fehlen rund zwölf Millionen Euro im städtischen Haushalt, die bisher aus dem Fahrkartenverkauf stammten. Hinzu kommen dringend notwendige Investitionen in neue Busse und Bahnen.

Die Stadtverwaltung setzt dagegen auf zusätzliche Steuereinnahmen durch zugezogene Tallinner, die sich bisher nicht offiziell als Einwohner angemeldet haben. Dadurch könne der Nulltarif mindestens teilfinanziert werden, heißt es aus dem Rathaus. Auch in den Nachbarländern ist man neugierig, wie sich der Gratis-Nahverkehr in Tallinn bewährt: Helsinki, Riga und Vilnius haben bereits angekündigt, dem Beispiel eventuell folgen zu wollen, falls es sich langfristig als tragbar erweise.

Quelle: FAZ.NET/dpa

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Öffentlicher Nahverkehr U6 und U7 lange unterbrochen

Aufgrund eines Stellwerkswechsels werden die beiden Linien ab Samstag für zwei Wochen gesperrt. Die VGF bietet einen Ersatzverkehr an. Mehr Von Hans Riebsamen, Frankfurt

03.05.2016, 08:01 Uhr | Rhein-Main
Im Stau geendet Wilde Verfolgungsjagd in Chile

Eine dramatische Verfolgungsjagd hat in der chilenischen Hauptstadt in einem Stau geendet. Obwohl das Auto zwischen anderen Fahrzeugen eingekeilt ist und überall Polizisten stehen, wollen die Verfolgten offenbar nicht aufgeben. Mehr

28.04.2016, 14:31 Uhr | Gesellschaft
Busse, Fähren, Schulen Griechen streiken wegen geplanter Sparmaßnahmen

Keine Fähren, keine Busse, keine Bahnen, die Schulen geschlossen und die Mülltonnen voll: Abermals haben Streiks Griechenland im Griff. Es geht mal wieder um ein neues Sparprogramm. Mehr

06.05.2016, 10:51 Uhr | Wirtschaft
Video Polizei jagt Mofa-Fahrer

Ein Mofa-Fahrer ist der Polizei in der amerikanischen Stadt Mt. Pleasant aufgefallen, weil er komisch auf seinem Mofa gesessen hat. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd endete seine Fahrt an einem Bahngleis, das der Flüchtige überqueren wollte. Er stürzte und wurde dann von der Polizei zu Fuß weiter verfolgt. Mehr

16.04.2016, 15:09 Uhr | Gesellschaft
Blabla-Car Keiner braucht sein eigenes Auto?

Freie Fahrt dank frischer Ideen: Taxi-Schreck Uber setzt der Autoindustrie zu, die Mitfahrzentrale ist wieder schick. Ein Besuch bei Blabla-Car in Paris. Mehr Von Bettina Weiguny

28.04.2016, 12:05 Uhr | Wirtschaft

Geld für alle

Von Johannes Ritter

Ein bedingungsloses Grundeinkommen scheint vielen eine reizvolle Idee. Es soll dem Bürger seine Existenz sichern und „Spielraum verschaffen“. In der Schweiz wird bald tatsächlich darüber abgestimmt. Mehr 19 17


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Staatsfinanzen Was tun mit noch mehr Steuer-Milliarden?

Deutschland wird wegen der guten Wirtschaftslage wohl noch viel mehr Steuern einnehmen als gedacht. Schon beginnt der Streit, was damit geschehen soll. Mehr 17

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden