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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gold Ein Mythos, an den alle glauben

25.07.2006 ·  100 Gramm Gold sollte schon in der Tasche haben, wer bei Heraeus in Hanau eingelassen werden will. Manche Besucher wollen bis zu zwei Kilogramm Münzen, Schmuck und alte Zahnfüllungen verkaufen. Der hohe Goldpreis macht's möglich.

Von Nicolas Wolz
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Sie stehen vor dem Werkstor und haben die Taschen voller Gold. Barren, Münzen, abgelegter Schmuck, alte Zahnfüllungen - manche Besucher tragen bis zu zwei Kilogramm davon im Gepäck. So wie die rüstige alte Dame mit dem Beutel voller Krügerrand-Münzen. Um bei Heraeus eingelassen zu werden, hätten aber auch 100 Gramm genügt. Das ist bei dem Hanauer Edelmetall- und Technologiekonzern die Mindestmenge für den Goldankauf von Privatpersonen.

„Gerade Kleinanleger nutzen die derzeitige Hausse, um sich von ihren Beständen zu trennen, und manche bringen uns ihr Gold eben am liebsten persönlich vorbei“, sagt Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, Goldexperte bei W.C. Heraeus, dem für den Handel und die Verarbeitung von Edelmetallen zuständigen Konzernbereich.

Heraeus profitiert vom hohen Goldpreis

In den letzten drei Monaten, so Wrzesniok-Roßbach, habe Heraeus „massiv Gold von Anlegern hereinbekommen“. Den Fachmann wundert das kaum, denn die Nachfrage nach dem gelben Metall ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen - und damit auch der Preis. Zwar ist das Allzeithoch von 850 Dollar pro Feinunze bisher noch nicht wieder erreicht worden. Im Mai 2006 wurde mit 714,80 Dollar je Unze aber immerhin die höchste Notierung seit einem Vierteljahrhundert verzeichnet. Eine Unze entspricht etwa 31 Gramm. Das 2-Kilo-Säckchen der alten Dame wäre also, hätte sie es im vergangenen Mai verkauft, knapp 46.100 Dollar wert gewesen. Zum aktuellen Tagespreis von rund 620 Dollar bekäme sie immerhin noch 40.000 Dollar dafür.

Wie die Hauptkonkurrenten Umicore und Johnson Matthey hat auch Heraeus 2005 vom hohen Goldpreis profitiert. Zwar ist traditionell Platin der wichtigste Geschäftsbereich des Konzerns. Doch die deutliche Umsatzsteigerung um 12,7 Prozent auf 9,3 Milliarden Euro ist auch auf das wachsende Interesse an Gold zurückzuführen. Konkrete Zahlen will das Unternehmen nicht nennen. Klar ist nur, daß der Handel mit Edelmetallen wie Platin, Gold, Silber, Rhodium und Palladium insgesamt 7,2 Milliarden Euro zum Umsatz beigetragen hat.

Wiedergewonnenes Gold deckt 20 Prozent des Bedarfs

Mit den kostbaren Metallen zu handeln ist für Heraeus indes vor allem Mittel zum Zweck. „Absolute Priorität hat weiterhin die Unterstützung des Produktgeschäfts von Heraeus“, sagt Hans-Günter Ritter, Geschäftsführer der Heraeus Metallhandelsgesellschaft. „Wir sorgen dafür, daß dem Konzern risikofrei und wettbewerbsfähig die benötigten Edelmetallmengen zur Verfügung stehen und es zu keinen Unterbrechungen der Produktion kommt.“

Neben dem Handel spielt für die Produktion aber auch die Wiederaufbereitung (Recycling) eine wichtige Rolle. Da der Markt mehr Gold verlangt, als in den Minen in Südafrika, Australien und den Vereinigten Staaten - um nur die wichtigsten Produzenten zu nennen - gefördert werden kann, ist diese Alternative zur Primärgewinnung dringend erforderlich. Fachleute der Deutschen Bank schätzen, daß das hauptsächlich aus Altschmuck und Industrieschrott zurückgewonnene Gold mittlerweile etwa 20 Prozent des Jahresbedarfs deckt.

Gold kann auf zwei Arten Karriere machen

Bei Heraeus hat man ähnliche Erfahrungen gemacht. „Ein wichtiger Punkt ist natürlich unser Know-how in der Aufbereitung edelmetallhaltiger Rückstände“, sagt Ritter. „Zahlreiche Kunden bieten uns nach Aufarbeitung ihrer Rückstände die zurückgewonnenen Edelmetalle zum Kauf an. Diese sekundären Anbieter von Edelmetallen sind für uns eine wichtige Versorgungsquelle.“

Gold, das über den Handel, die Rückgewinnung oder wie jenes der alten Dame auf direktem Wege bei Heraeus landet, kann dort auf zwei Arten Karriere machen. Die glänzendsten Zukunftsaussichten hat der Teil, der in der Edelmetall-Raffinerie Argor-Heraeus im schweizerischen Mendrisio eingeschmolzen und zu Goldbarren geformt wird. Gegossen werden die Barren dabei erst ab einem Gewicht von 250 Gramm; kleinere Einheiten zwischen 1 und 100 Gramm werden aus Goldblechen ausgestanzt. Die wichtigsten Abnehmer der Goldbarren sind Geschäfts- und Notenbanken.

99,999 Prozent Reinheitsgehalt nur in der Wissenschaft

Im Stammwerk in Hanau werden seit 2001 nur noch Barren für den Eigenbedarf gegossen, das heißt für die industrielle Weiterverarbeitung. Hier sind die Einsatzmöglichkeiten vielfältig. Im Gegensatz zu anderen Metallen läßt sich Gold wegen seiner geringen Härte und großen Dehnbarkeit relativ leicht bearbeiten. So dient es unter anderem zur Herstellung von Bonddrähten, die bei der Produktion von Halbleiterbausteinen, den sogenannten Chips, zum Einsatz kommen. Aus einem Gramm Gold lassen sich bis zu 150 Meter Bonddraht gewinnen. Auch bei der Veredelung von Keramik und Glas wird Gold benötigt, desgleichen ist es wegen seiner Korrosionsbeständigkeit ein wichtiger Werkstoff für Dentallabors.

Seine gleichsam natürlichste Anwendung findet Gold aber in der Schmuckindustrie, die es zu Ringen, Ketten, Armbändern und Uhren verarbeitet. Heraeus beliefert etwa 1.500 Goldschmiedeateliers in Deutschland. Wie Rüdiger Schum, Vertriebsleiter für Schmuckhalbzeug, sagt, bevorzugten die meisten Goldschmiede das sogenannte „3-N-Gold“ - Feingold mit einem Reinheitsgehalt von 99,9 Prozent. Die Grenze des technisch Machbaren markiere das „5-N-Gold“ mit 99,999 Prozent Reinheitsgehalt. In dieser reinen Form komme Gold jedoch nur in der Wissenschaft zur Anwendung, sagt Schum. In der industriellen Praxis gehe es eher darum, den Goldanteil in den Produkten zu verringern, um Kosten zu sparen.

Bisher wurden etwa 150.000 Tonnen Gold gefördert

Tatsächlich macht der industrielle Bedarf an Gold nach Angaben der Deutschen Bank nur rund 11 Prozent der Weltproduktion aus. Größter Abnehmer ist und bleibt die Schmuckindustrie - mit 73 Prozent im Jahr 2005. Die übrige Nachfrage verteilt sich auf Münz- und Barrenverkäufe. Insgesamt wurden 2005 4.036 Tonnen Gold auf den Markt gebracht. Gut 2.500 Tonnen davon stammen aus Minen, der Rest aus Bestandsverkäufen und dem Recycling. Man schätzt, daß bisher auf der Erde etwa 150.000 Tonnen Gold gefördert worden sind. So gigantisch diese Zahl klingt: Trüge man das ganze Gold zusammen und formte einen Würfel daraus, hätte dieser eine Kantenlänge von gerade einmal 20 Metern und paßte damit zum Beispiel bequem zwischen die Bögen des Eiffelturms.

Doch es ist nicht allein seine Seltenheit, die den Marktwert dieses Edelmetalls ausmacht. „Gold ist einfach ein Mythos“, sagt Wrzesniok-Roßbach, „der aber nur so lange funktioniert, wie alle daran glauben.“ Derzeit sieht es nicht danach aus, als würde sich daran so schnell etwas ändern.

Quelle: F.A.Z., 26.07.2006, Nr. 171 / Seite 18
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