12.12.2006 · Kein Jackpot, keine Werbung und Warnhinweise wie auf einer Zigarettenschachtel. Lotto wird spießig, weil der Staat den privaten Wettbewerbern das Geschäft mißgönnt.
Von Thiemo HeegDen Lottounternehmer Norman Faber plagen Existenzsorgen. Die staatlichen Lottogesellschaften verderben das Spiel, findet er. Über „kurz oder lang“ drohe dem Lottovergnügen in Deutschland das Aus. Und der Staat betätige sich als Totengräber.
Am Mittwoch behandeln die Ministerpräsidenten der Bundesländer bei ihrem Treffen in Berlin das Thema Glück. Sie wollen einen neuen Staatsvertrag verabschieden. 28 Paragraphen beschäftigen sich mit dem „Glücksspielwesen in Deutschland“. Geht der Entwurf durch, bleibt nichts mehr so, wie es mal war, glauben Kritiker wie Faber. Das Interesse der Spieler dürfte massiv abflauen, die Lotto-Umsätze kräftig zurückgehen.
„Spieltrieb“ in geordneten Bahnen
Warum dies? Die Regierungschefs reagieren mit ihrer Initiative auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Das hatte sich im März mit einem speziellen Aspekt der deutschen Spielleidenschaft beschäftigt: dem Sportwettenrecht. Die Richter stellten fest, daß die bisherige Rechtslage die Berufsfreiheit privater Vermittler verletze. Zwei Wege zeichnete die Juristen vor: Entweder gebe es ein striktes Staatsmonopol, das sich streng an der Suchtbekämpfung orientiere. Oder es müsse der Markt reguliert für Private freigegeben werden.
Die Bundesländer haben sich entschieden. Sie bevorzugen die erste Variante. Und das nicht nur bei Sportwetten, sondern auch beim viel einträglicheren Lotto. Inzwischen liegt ein 19seitiger Vertragsentwurf vor, der im ersten Paragraphen die restriktive Linie klar vorgibt: Der „natürliche Spieltrieb der Bevölkerung“ müsse in geordnete Bahnen gelenkt werden.
„Oans, zwoa, gwonna“
Dieses Gebot galt auch bisher schon; schließlich begründeten die staatlichen Stellen genau damit ihren Monopolanspruch in Sachen Spiel. Befolgt wurde es allenfalls halbherzig. Verständlich: Lotto war und ist für die stets klammen Finanzminister eine Goldgrube. Kein Wunder, daß sie das Glücksspielmonopol lieber aus dem ökonomischen Blickwinkel betrachten als aus dem moralischen der Suchtbekämpfung.
Tatsächlich heizte der Staat das Lottofieber an, statt es einzudämmen. Millionen wurden in die Werbung gesteckt, und die ließ bis vor kurzem noch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. „Nur wer mitmacht, kann gewinnen“, schallte es aus dem Radio, und auf Plakaten in Bayern wird über einem drallen Dirndlmädchen heute noch die Parole ausgegeben: „Oans, zwoa, gwonna.“
Schluß mit dem Jackpot-Fieber
Künftig dürfte es all das nicht mehr geben, nimmt man die Buchstaben des neuen Vertrags für bare Münze. Werbung dürfe keinen „Aufforderungscharakter“ haben und müsse sich auf „Information und Aufklärung“ beschränken, heißt es in Paragraph fünf. In Paragraph sieben haben sich die Verfasser offensichtlich die Zigarettenschachtel zum Vorbild genommen. Lose und Spielscheine müssen demnach bald Hinweise auf eine „Suchtgefahr“ enthalten. Die Zahl der Annahmestellen soll reduziert werden, der Höchstgewinn auf eine Million Euro gedeckelt werden. Schluß mit dem Jackpot-Fieber.
Wird das Paragraphenwerk so abgesegnet, sehen Kritiker schwarz fürs Lottospiel und vor allem fürs eigene Geschäft. Von einem „erheblichen Schaden“ spricht der Verband der Lottovermittler, zu dem sich Firmen wie Faber, Fluxx und Tipp24 zusammengeschlossen haben. Sie veranstalten nicht selbst Glücksspiele, sondern führen den staatlichen Lottogesellschaften Lottospieler zu.
Jobs in Gefahr
Sie verweisen auf eine Untersuchung des Münchener Ifo-Instituts, wonach die Lottoeinnahmen dann deutlich sinken würden: um mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr. Ganz zu schweigen von den Jobs: „35.000 bis 55.000 Arbeitsplätze sind bedroht“, sagt Verbandspräsident Norman Faber. Leute wie Faber können mit dem Suchtargument wenig anfangen - allenfalls wenige Promille aller Spieler seien wirklich gefährdet. Der Vermittler verweist auf jüngste Untersuchungen, wonach das Zahlenlotto im Vergleich zu anderen Glücksspielformen ein geringes Gefährdungspotential aufweist. „In den repräsentativen Studien liegen die Anteile problematischen Spielens von Personen, die vornehmlich Lotto spielen, zwischen 0,3 und 0,7 Prozent“, hat der Wissenschaftler Heino Stöver vom Bremer Institut für Drogenforschung ermittelt.
Vielmehr sei die Politik darauf aus, sich unliebsame Konkurrenz vom Hals zu schaffen, glaubt man im Hause Faber. Und begehe „aus Angst vor dem Tod Selbstmord“. Denn einem unattraktiv gewordenen Lotto halte niemand die Treue. Tatsächlich ziehen vor allem Multi-Millionen-Jackpots Spieler an: Als der Sammeltopf im Herbst die Rekordmarke von 37,6 Millionen Euro erreichte, summierten sich die Spieleinsätze allein im Samstagslotto auf fast 150 Millionen Euro, zweieinhalbmal soviel wie einen Monat zuvor.
EU könnte private Anbieter stärken
Manche Regierungschefs scheinen die Gefahr für ihre Kassen erkannt zu haben. Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger plädiert für eine Verschiebung der Entscheidung.
Natürlich nicht mit Verweis auf rückläufige Lotto-Millionen, sondern unter Hinweis auf Europa. 2007 entscheidet der Europäische Gerichtshof in einem Wetturteil und stärkt damit voraussichtlich private Anbieter. Außerdem hat EU-Kommissar McCreevy jüngst angedeutet, den Staatsvertrag so nicht hinnehmen zu wollen. Wie zu hören ist, soll sich davon mancher Monopol-Verfechter durchaus beeindrucken lassen.
Lotto ist,wie eine Droge mit einem grossen Suchtpotenzial.
Daniel Kleiner (Kleinermann1)
- 12.12.2006, 20:42 Uhr
Für Spielsüchtige:
gisbert heimes (gisbert4)
- 12.12.2006, 22:42 Uhr
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