orn. "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen" - Konjunkturforscher können diesen nur vordergründig banalen Satz, der wahlweise Karl Valentin, Mark Twain, Mao Tse-tung oder Winston Churchill zugeschrieben wird, kaum mehr hören. Wie wahr er jedoch ist, bestätigt sich regelmäßig, mit jeder Revision der Wachstumszahlen. Auch das ablaufende Jahr war reich an Beispielen. Geradezu spektakulär waren die Schwankungen, die sich in den Prognosen der Forschungsinstitute niederschlugen: So hieß es im Herbstgutachten 2004 noch, 2005 werde das Bruttoinlandsprodukt um 1,5 Prozent wachsen. Im Frühjahrsgutachten 2005 sahen sich die Institute jedoch angesichts der Entwicklung von Ölpreisen und Ausfuhrmärkten genötigt, ihre Prognose auf 0,7 Prozent zu halbieren, unter dem Gejammer der Bundesregierung, die ihre Planungen - für die indes mitnichten die Institute haftbar zu machen sind - über den Haufen geworfen sah. Im Herbstgutachten dann stieg die Wachstumszahl für 2005 wieder leicht auf 0,8 Prozent. Das dürfte nun auch ungefähr den Tatsachen entsprechen.
Kunststück - post festum, wenn das Jahr erst einmal fast vorbei ist, läßt sich naturgemäß leichter schätzen, wie das Wachstum 2005 insgesamt ausgefallen ist. Je geringer der Prognoseanteil an einer Prognose ist, desto eher stimmt sie. Daraus indes zu folgern, daß Konjunkturforscher Scharlatane seien und Prognosen im Grunde überflüssige Kaffeesatzleserei oder gar Manipulation - das geht entschieden zu weit. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften hat man es in der Ökonomie mit unzähligen Menschen zu tun, die innerhalb eines komplexen Systems handeln, größtenteils ohne einander zu kennen. Mit Hilfe der Empirie ist es immerhin möglich, typische Verhaltensmuster zu beobachten - diese stellen aber keine Gesetzmäßigkeiten dar wie jene, daß Wasser unter null Grad zu Eis gefriert. So ist das eben, wenn man nur mutmaßen kann, was Menschen in der Zukunft tun.
Aus Beobachtungen entstehen somit Annahmen und Theorien, aus Annahmen und Theorien Modelle, aus Modellen und Daten Prognosen. Daß die Abweichungen längst nicht mehr zweistellig sind wie noch vor wenigen Jahrzehnten, sondern daß man sich schon über marginale Differenzen nach dem Komma aufregt, spricht für die Fortschritte der Zunft, die indes nur allzugern von einer Politik, die den wirtschaftlichen Niedergang nicht aufzuhalten versteht, zum Sündenbock gemacht wird.
Freilich gibt es auch in der Konjunkturforschung Verbesserungspotential. Bisher haben hier vor allem die Pragmatiker das Sagen; methodische Innovationen bahnen sich nur mühsam einen Weg - gerade weil die Gefahr so groß ist, zu irren und dem öffentlichen Spott anheimzufallen. Es wird Zeit, Prognosen wieder als das zu sehen, was sie sind: bescheidene Versuche, sich ein Bild von der Zukunft zu machen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.