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Globalisierungs-Kommentar : Die Deutschen haben verstanden

Großer Markt und großer Konkurrent: Der Handel mit China ist auch für Deutschland immer wichtiger geworden. Bild: dpa

Handel ist gut, die Globalisierung auch – die Deutschen wissen, was ihnen mehr Wohlstand bringt. Und auch, was noch dazugehört.

          Die Deutschen finden die Globalisierung und den Handel mit anderen Ländern gut. Das haben sie in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung nun gesagt. Gerade den internationalen Warenverkehr sehen die Deutschen in diesem Jahr nicht nur positiv (Zustimmungswert 70 Prozent), sondern sogar positiver als noch vor zwei Jahren. Das ist ein beeindruckendes Ergebnis in einer Zeit, in der protektionistische Ideen bedauerlicherweise sogar im Weißen Haus salonfähig sind und das Bedürfnis nach der eigenen nationalen Identität vielerorts zugenommen hat und weiter zunimmt.

          Die Deutschen hingegen wissen oder ahnen nun mehrheitlich und vollkommen zu Recht, dass ihnen wirtschaftliches Abschotten nicht weiterhilft und sicher nicht mehr Wohlstand verschafft. Sie sind bereit, mit Menschen aus Niedriglohnländern zu konkurrieren und messen sich mit den Ideen und Produkten von Unternehmern rund um den Globus. Wie gut die deutsche Wirtschaft daran gewöhnt ist, zeit sie kontinuierlich dadurch, dass eben nicht nur die Konzerne erfolgreich sind, sondern auch der Mittelstand den Weltmarkt bedient und auch in Nischen immer wieder Spitzenplätze belegt. Dass hierzu auch die Rahmenbedingungen gehören wie Handelsabkommen und – nicht zu unterschätzen – „weiche“ Faktoren wie ein professionelles Handelskammernetz und Einrichtungen wie beispielsweise die Goethe-Institute, ist einerlei.

          Man weiß schon lang, dass Handel auch Verlierer kennt

          Zur zuversichtlichen Globalisierungs-Grundhaltung der Deutschen passt hingegen auch ein anderer Teil dieser neuen Umfrage: Die Deutschen verlangen von ihrer Regierung, dass diese sie vor den negativen Folgen der zunehmenden internationalen Arbeitsteilung schützt. Etwas mehr als die Hälfte der Bundesbürger sind zwar der Ansicht, der bestehende Schutz reiche nicht und noch etwas mehr wünschen sich ausdrücklich auch mehr Schutz vor ausländischen Wettbewerben – die Werte sind gleichwohl überraschend niedrig angesichts auch der internationalen politischen Turbulenzen. Und sicher auch der Fragestellung geschuldet: Wer gefragt wird, ob er mehr Sicherheit oder Schutz besser findet als weniger, wird geneigt sein zuzustimmen; vor allem dann, wenn die Frage suggeriert, dass er im Gegenzug nicht auf anderes verzichten müsste.

          Unabhängig davon gehört allerdings genau dieses Bedürfnis, „die Menschen wünschen sich eine Globalisierung mit Sicherheitsgurt“, wie das der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung sagt, ohnehin schon seit Jahrzehnten zur wirtschaftspolitischen DNA des Bundesrepublik. Die Soziale Marktwirtschaft ist schon immer beides gewesen, ein Plädoyer für Wettbewerb und zugleich den Schutz vor großen Härten. Deutschland bietet seinen Bürgern im internationalen Vergleich durchaus große Absicherungen gegen Arbeitslosigkeit oder  Krankheit. Auch wenn Regierungen immer mal wieder an einzelnen Stellschrauben drehen, hat sich grundsätzlich daran nichts verändert.

          Denn dass die internationale wirtschaftliche Spezialisierung nicht ausschließlich Gewinner hervorbringt, ist unter Fachleuten längst ein Allgemeinplatz. Nach allgemeiner Auffassung gibt es in Demokratien nur eine Alternative, so entstehende Verteilungsprobleme zu lösen, dafür werden die Wähler über kurz oder lang sorgen: Entweder „entschädigt“ eine Gesellschaft die Handelsverlierer in irgendeiner Form, wenigstens für eine Übergangsphase. Oder aber sie schränkt den Handel ein durch Zölle oder andere Hemmnisse. Ökonomen bevorzugen meist die erste Variante, denn sie wissen: Die Wohlstands-Gewinne durch Handel insgesamt reichen aus, um Handelsverlierer zu „entschädigen“ und Handelsgewinner zugleich reicher zu machen.

          Deutschland hat den Sicherheitsgurt – Amerika nicht

          Bestätigungen dafür gibt es längst. Der Politologe David Cameron hat im Jahr 1978 einen bis heute vielzitierten Aufsatz publiziert, in dem er darstellte, dass der Staat in der Wirtschaft eines Landes eine umso größere Rolle spielt, je offener das Land ist. Das mag erst einmal überraschen. Der Harvard-Professor Dani Rodrik hat dies in den neunziger Jahren nachgerechnet mit neueren Daten für mehr Länder und dasselbe Ergebnis erhalten. Eine mögliche damit verbundene Deutung lautet: Menschen sind tendenziell eher bereit, auf offenen Weltmärkten zu konkurrieren, wenn ihre Gesellschaft ihnen ein ausreichendes Sicherheitsnetz bietet, das schlimme Notlagen abmildert.

          Kein Wunder, dass gerade Länder wie Deutschland, die Niederlande oder die nordeuropäischen Staaten echte Handelsnationen sind gemessen etwa am Verhältnis ihres Warenaustausch zur Wirtschaftsleistung. Und dass dies für die Vereinigten Staaten übrigens lange nicht so galt. Das änderte sich merklich erst nach der Jahrtausendwende und dem Aufstieg Chinas. Die Ökonomen David Autor, David Dorn und Gordon Hanson vom Massachusetts Institute of Technology haben in einer für Amerika politisch brisanten Analyse errechnet, wie der wirtschaftliche Aufstieg der Volksrepublik den amerikanischen Arbeitsmarkt durchgerüttelt hat – allein, dass sie einen signifikanten Effekt gemessen haben, sorgte schon für Aufsehen.

          Und das Problem ist offenkundig: Den Sicherheitsgurt, den sich die Deutschen weiter wünschen, aber längst haben, den gibt es in den Vereinigten Staaten nicht.

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