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Globale Ungleichgewichte Wehret der Makro-Planwirtschaft

22.03.2010 ·  Der Ratschlag aus dem Ausland, die Deutschen sollten ihre Lohnkosten erhöhen, ist leicht zu durchschauen. Es geht darum, die Kosten der Konkurrenz zu erhöhen. Nicht nur Defizite, sondern auch Überschüsse sollen bekämpft werden. Wie soll das gehen - staatliche Großplanung zur Herstellung eines fiktiven makroökonomischen Gleichgewichts?

Von Philip Plickert
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Ein Gespenst geht um in der wirtschaftspolitischen Debatte, das Gespenst der „makroökonomischen Ungleichgewichte“. Muss man Angst davor haben? Die Debatte hat einen berechtigten Kern, dazu kommen aber auch zweifelhafte Argumente und Forderungen. Die Ungleichgewichte sind entstanden, weil einige Länder über Jahre hinweg viel mehr importiert als exportiert haben. Ihre Leistungsbilanzen sind stark negativ, ihre Auslandsverschuldung steigt und steigt. So haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika lange Zeit einen „free lunch“ gegönnt. In Europa haben die Südländer, vor allem Griechenland und Spanien, relativ zu ihrer Wirtschaftsleistung gewaltige Defizite angehäuft. Sie leben weit über ihre Verhältnisse, dafür erhalten sie jetzt die Rechnung.

Nun regt sich Unmut gegen die Lieferanten und Gläubiger. Plötzlich steht Deutschland am Pranger, das mit seinem erfolgreichen Export die armen Südländer ins Defizitverderben geführt habe (Druck auf den Musterschüler Deutschland). So wollen einige den Spieß umdrehen: Nicht nur Defizite, sondern auch Überschüsse sollen bekämpft werden. Wie soll das gehen? Passt man nicht auf, gerät die Debatte schnell auf eine völlig schiefe Bahn. An deren Ende könnte der Ruf nach einer staatlichen Großplanung zur Herstellung eines fiktiven makroökonomischen Gleichgewichts stehen. Ein solches Ansinnen passt allenfalls zur chinesischen Kommandowirtschaft, die bislang mit einer künstlich niedrigen Währung und staatlichen Subventionen den Exportsektor aufbläht. Peking könnte den Hebel von der Export- zur Binnenwirtschaft umlegen.

Schon die Bezeichnung „deutsches Geschäftsmodell“ ist fragwürdig

In einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung geht das nicht so einfach. Schon die Bezeichnung „deutsches Geschäftsmodell“ ist fragwürdig. Dass die hiesige Wirtschaft einen großen Anteil von gut vierzig Prozent ihrer Produktion ausführt, war nicht Ergebnis eines Plans, sondern Resultat freier Marktkräfte. Der starke Export spiegelt die hohe Wettbewerbsfähigkeit und Qualität deutscher Produkte wider. Niemand hat die ausländischen Kunden zum Kauf gezwungen. Zur preislichen Wettbewerbsfähigkeit haben zuletzt auch moderate Tarifabschlüsse beigetragen, nachdem es zuvor überzogene Lohnrunden gab. Seit der Jahrtausendwende sind die Lohnstückkosten gesunken, freilich liegen sie noch immer deutlich über dem EU-Durchschnitt.

Klagen über angebliche deutsche Niedriglöhne ertönen vor allem von denen, die sich Löhne über der Produktivität genehmigt haben. Früher konnten die Südländer, deren Gewerkschaften von Lohnmoderation nichts wissen wollten, einfach von Zeit zu Zeit ihre Währung abwerten, um die zu geringe Wettbewerbsfähigkeit auszugleichen. Seit dem Eintritt in die Währungsunion, der ihnen mit niedrigen Zinsen eine kurze Sonderkonjunktur bescherte, ist dieses Ventil versperrt. Umso größer werden nun die inneren Spannungen in der Währungsunion. Der Euro bedeutet eine einheitliche Geldpolitik für einen heterogenen Währungsraum. Das hat die Probleme zweifellos verschärft.

Schmerzhafte innere Abwertung: Lohnkürzungen und Konsumverzicht

Kritiker haben früh auf die Gefahr von wachsenden Divergenzen hingewiesen. Seit Beginn der Währungsunion haben die Ungleichgewichte zugenommen, die Leistungsbilanzdefizite der Südländer und die Überschüsse der Kernländer sind gewachsen. Mit flexiblen Wechselkursen wäre diese Entwicklung leichter abgefedert worden. Nun muss der Druck in den Defizitländern durch schmerzhafte innere Abwertung abgebaut werden, also mit Lohnkürzungen und Konsumverzicht.

Automatisch bedeutet dies aber auch, dass diese Länder künftig weniger importieren können. Der Spielraum für deutsche Exporterfolge wird kleiner, wenn sich die zuvor auf Pump gewachsenen Volkswirtschaften gesundschrumpfen. Damit steht auch für viele exportorientierte deutsche Unternehmen eine Anpassung an. Für die Wirtschaftspolitik stellt sich dadurch drängender die Frage, wie eine stärkere Belebung der deutschen Binnenkonjunktur zu erreichen wäre. Mehr Kaufkraft durch niedrigere Abgaben wäre wünschenswert, angesichts der enormen Staatsdefizite erscheinen große Steuerentlastungen jedoch kaum realistisch.

Ratschlag aus dem Ausland leicht zu durchschauen

Der Ratschlag aus dem Ausland, die Deutschen sollten ihre Lohnkosten erhöhen, ist leicht zu durchschauen. Es geht darum, die Kosten der Konkurrenz zu erhöhen. Die Einrichtung einer zentralistischen europäischen Wirtschaftsregierung, die so etwas durchsetzen könnte, wäre äußerst gefährlich. Um die Binnenkonjunktur zu stärken, taugt keine kurzfristige keynesianische Strategie, die bloß auf die Nachfrageseite zielt.

Langfristig entscheiden die Angebotsbedingungen über Erfolg oder Misserfolg einer Volkswirtschaft. Mehr Einkommen und mehr Konsumnachfrage entstehen nur, wenn es mehr Beschäftigung gibt. Dazu sind mehr Investitionen hierzulande nötig. Sie werden aber nur getätigt, wenn Unternehmen hier gute Standortbedingungen vorfinden. Entscheidend sind positive mikroökonomische Anreize für Investoren und Leistungserbringer, flexible Preise und Märkte, ein nicht verzerrendes Steuersystem und eine neutrale Geldpolitik. Dann dürften sich die makroökonomischen Ungleichgewichte mittelfristig von selbst abbauen.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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