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Probleme der Gewerkschaften : Der Organisationsgrad der Arbeitnehmer sinkt

Warnstreik in Hannover Bild: dpa

IG Metall, Verdi & Co. ringen mit Strukturproblemen – aber nicht nur sie. Gewerkschaften in anderen Ländern geht es ähnlich. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie ein europäischer Vergleich zeigt.

          Die deutschen Gewerkschaften kämpfen mit einem sinkenden Interesse der Arbeitnehmer, sich von ihnen vertreten zu lassen. Sie stehen damit aber nicht allein: Auch in anderen europäischen Ländern stehen Gewerkschaften vor ähnlichen Herausforderungen – der Organisationsgrad der Arbeitnehmer geht zurück. Das gilt etwa für Dänemark, für Österreich, die Schweiz; ähnlich ist es in Frankreich, Polen und Tschechien, wie eine noch unveröffentlichte Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt. Sie stützt sich auf Daten des „European Social Survey“, einer regelmäßigen Erhebung unter 40.000 Bürgern aus 21 Ländern, und liegt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der Anteil der organisierten Arbeitnehmer in Deutschland ist diesen Daten zufolge von 18,9 Prozent im Jahr 2002 auf 15,6 Prozent im Jahr 2014 gesunken. Für Österreich zeigen sie einen Rückgang von 28,9 Prozent auf 25,5 Prozent und für die Schweiz von 15,3 auf 11,3 Prozent. Für Dänemark, das wie alle skandinavischen Länder traditionell einen sehr hohen Organisationsgrad hat, weisen die Daten ein Minus von mehr als acht Punkten (77,7 auf 69,1 Prozent) aus. Ähnliche Tendenzen gibt es in Finnland und Schweden.

          Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise

          Die großen Niveauunterschiede zwischen den Ländern haben dabei viel mit institutionellen Rahmenbedingungen zu tun. So haben die Gewerkschaften in Skandinavien vor allem deshalb so viele Mitglieder, weil sie dort die Arbeitslosenversicherung betreiben – sie ist dort im Grundsatz eine freiwillige Versicherung, die man bei der Gewerkschaft bekommt.

          Allerdings gibt es auch Länder, in denen die Gewerkschaften in den vergangenen Jahren mehr Zulauf hatten. Dazu gehören allen voran Spanien und Irland – offenbar haben dort die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise die Gewerkschaften gestärkt. In Spanien war der Organisationsgrad zwar von 2002 bis 2008 um rund einen halben Prozentpunkt auf 11,5 Prozent abgebröckelt, stieg dann aber bis 2014 auf 14,6 Prozent. In Irland erholte er sich nach einem starken Rückgang vor 2008 von 18 auf 22 Prozent. In Belgien wiederum lag der Organisationsgrad im Jahr 2014 mit 45,6 Prozent zwar höher als 2002, aber niedriger als 2008.

          Gefährlicher Verrentungseffekt

          Zumindest scheinen die Gewerkschaften jedoch in einer Mehrheit der Länder unter erheblichem Druck zu stehen, und das weitgehend unabhängig vom rechtlichen und institutionellen Rahmen. Die Ursachen liegen offenbar tiefer, wie auch die Autoren der IW-Studie, die Tarifforscher Saskia Dieke und Hagen Lesch, darlegen. Sie kommen zu dem Schluss, dass es Gewerkschaften über Grenzen hinweg mit ähnlichen Strukturproblemen zu tun haben – insbesondere dem demographischen Wandel und einer Zunahme sogenannter atypischer Beschäftigung.

          Die Demographie wird für die Gewerkschaften zum Problem, da ältere Beschäftigte traditionell in den meisten Ländern stärker bei ihnen organisiert sind als jüngere. Zwar kann sich dies vorübergehend sogar günstig auswirken, wenn der Anteil älterer Beschäftigter in den Betrieben steigt – sobald aber diese Generation die Rente erreicht, wird es umso schwieriger, den Organisationsgrad zu halten. „Dieser Verrentungseffekt lässt sich nur auffangen, wenn die Jüngeren gezielt in den Mittelpunkt gewerkschaftlicher Mitgliederkampagnen gestellt werden“, schreiben die Autoren.

          Zugleich zeigt ihre Auswertung, dass die Gewerkschaften Beschäftigte in Teilzeit und solche mit befristeten Arbeitsverträgen in fast allen Ländern schlechter erreichen als Vollzeitbeschäftigte. In einigen Ländern, darunter Spanien, Finnland und Polen, machen solche Arbeitsverhältnisse aber annähernd ein Drittel aller Stellen aus. In Deutschland war deren Anteil vor allem im vergangenen Jahrzehnt gestiegen, seither liegt er stabil bei rund einem Fünftel. Unter den betroffenen Beschäftigten sind der Studie zufolge hierzulande weniger als 10 Prozent gewerkschaftlich organisiert. In Österreich sind es knapp 15 Prozent, also ebenfalls deutlich weniger als der österreichische Durchschnittswert von 25,5 Prozent. Ähnliches gilt für Dänemark, wo der Organisationsgrad von Teilzeitkräften knapp über 40 Prozent liegt.

          Nur 13,9 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich

          In jedem Fall stelle diese Gruppe der Beschäftigten für die Gewerkschaften ein wichtiges „Rekrutierungspotenzial“ dar – zumal gerade diese Beschäftigten von tarifvertraglichen Regelungen in besonderem Maße profitieren könnten, analysieren die Forscher. Die Durchsetzung solcher Tarifverträge erfordere aber eben auch eine ausreichende Mitgliederstärke. „Dies müssen die Gewerkschaften überzeugender vermitteln“, empfehlen Dieke und Lesch.

          Für Deutschland bestätigt die Studie außerdem, dass der Organisationsgrad in der Industrie deutlich höher ist als im Dienstleistungssektor. Die Gewerkschaft Verdi führt dies regelmäßig auch darauf zurück, dass Gewerkschaftsarbeit im Dienstleistungssektor mit seinen weniger stabilen Branchen- und Betriebsstrukturen deutlich schwieriger sei als in der Industrie. Verdi fordert deswegen, anders als die IG Metall, regelmäßig besonders entschieden mehr staatliche Hilfe für die Gewerkschaften, wenn es um das Durchsetzen von Tarifverträgen geht.

          Der europäische Vergleich legt allerdings auch nahe, das ein schwacher Organsationsgrad im Dienstleistungssektor kein Naturgesetz ist: Zwar sind hierzulande immerhin 19,7 Prozent der Industriebeschäftigten Gewerkschaftsmitglieder, aber nur 13,9 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich. Doch in Österreich, der Schweiz, Finnland und Irland ist dies anders – dort liegen beide Bereiche fast gleichauf. In Großbritannien und Spanien sind Dienstleistungsbeschäftigte sogar deutlich stärker organisiert als Industriebeschäftigte.

          Quelle: F.A.Z.

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