23.11.2004 · Großbritannien folgt mit einem Rauchverbot den irischen Nachbarn. Folgekosten von Zigarettenkonsum und schlechter Ernährung sind für das Gesundheitssystem zu hoch.
Im Juni hatte der britische Gesundheitsminister John Reid mit einer unsensiblen Bemerkung einen Sturm der Empörung ausgelöst: "Rauchen ist schließlich eines der wenigen Vergnügen, das den ärmeren Leuten in diesem Lande noch bleibt."
Nur fünf Monate später sorgt Reid mit Vorschlägen in einem sogenannten Weißbuch dafür, daß den Engländern dieses Vergnügen nicht mehr allzulang erhalten bleibt. Wenn es denn überhaupt ein Vergnügen ist: Nach Angaben der Forschungsvereinigung "Cancer Research UK" sterben jährlich 120.000 Briten an den Folgen des Rauchens und mehrere hundert an den direkten Folgen des passiven Rauchens in Form von Lungenkrebs.
Raucherquote unter Jugendlichen sehr hoch
Ganz unrecht hatte Reid mit seiner Bemerkung nicht: Das Sozialgefälle ist in Großbritannien größer als in vielen anderen europäischen Ländern. Und in der Tat sind mehr Engländer aus sozial ärmeren Schichten abhängig vom Rauchen, als dies in anderen Gesellschaftsschichten des Landes der Fall ist. 40 Prozent der jungen Leute zwischen 20 und 24 Jahren rauchen. Großbritannien hat eine der höchsten Raucherquoten unter Jugendlichen in Europa. Dies erklärt, warum Stadtgebiete wie Liverpool und Manchester sich schon für ein Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden, Restaurants und Bars aussprachen, noch bevor der Gesundheitsminister nun mit seinem Plan an die Öffentlichkeit trat.
Reid möchte, über mehrere Jahre gestaffelt, ein Rauchverbot in der Öffentlichkeit einführen, von dem letztlich nur Bars und Kneipen ausgenommen sind, die kein Essen servieren. Der Grund: Die Folgekosten, die durch das Rauchen und die schlechten Essensgewohnheiten vieler Briten dem britischen Gesundheitssystem (National Health System - NHS) aufgebürdet werden, sind für den britischen Staat auf Dauer kaum tragbar.
17 Millionen Briten mit chronischen Krankheiten
Im Februar dokumentierte eine von Finanzminister Gordon Brown in Auftrag gegebene Analyse des NHS, daß mittlerweile mehr als 17 Millionen Briten unter chronischen Krankheiten leiden, die oft auf das Rauchen oder Fettleibigkeit, also falsche Essensgewohnheiten, zurückzuführen seien. Im Rahmen der Analyse wurde empfohlen, das Rauchen in Großbritannien in den nächsten 20 Jahren zu halbieren und die Bevölkerung an einen gesünderen Speiseplan zu gewöhnen. Das würde dem NHS in 20 Jahren etwa 30 Milliarden Pfund jährliche Kosten sparen.
Reid schlägt nun vor, die Zahl der 12 Millionen englischen Raucher in fünf Jahren um 2 Millionen zu senken und die schädlichen Folgen des passiven Rauchens deutlich einzuschränken. Dazu wird bis zum Jahr 2006 das Rauchen in sämtlichen öffentlichen Gebäuden verboten, im Jahr 2007 auch überall am Arbeitsplatz in England und Wales und bis Ende 2008 in allen Kneipen und Restaurants, die Essen servieren - und dies sind 85 Prozent aller 60 000 englischen Kneipen. Rauchen ist dann nur noch erlaubt in Bars und Diskotheken, die kein Essen servieren, und in privaten Clubs.
Die irischen Erfahrungen beflügeln britische Politiker
Mit dieser Initiative, die Premierminister Tony Blair voraussichtlich in sein Wahlprogramm aufnehmen dürfte und die nach der Wahl in die Gesetzgebung gehen dürfte, folgt die britische Regierung dem Nachbarstaat Irland, der allerdings ein härteres Rauchverbot erlassen hat. Dort darf in den Kneipen, Bars und Restaurants überhaupt nicht mehr geraucht werden.
Die Erfahrungen in Irland haben die schottischen und englischen Politiker, die sich dort vor Ort nach den Konsequenzen des Rauchverbots erkundigten, offenbar beflügelt, den Weg des Rauchverbots zu gehen. Irische Zeitungen berichten, fast 7.000 Raucher hätten wegen des Rauchverbots das Rauchen aufgegeben, und 10.000 Raucher würden weniger rauchen. 82 Prozent der Iren unterstützen das Rauchverbot nach Angaben ihrer Regierung.
Tabak und Getränkehersteller leiden
Freilich stöhnen die Tabak- und Getränkehersteller in Irland. Der Kneipenverband, dem 6.000 Pubs angehören, sagt, die Gäste kämen später, blieben kürzer, und die Umsätze fielen. Der Getränkekonzern Diageo beklagte, der Absatz von Guinness-Bier in Irland sei seit dem Rauchverbot um 6 Prozent gefallen; Gallaher, der die Zigarettenmarken Benson & Hedges und Mayfair vertreibt, meint, in den ersten fünf Monaten nach dem Rauchverbot sei der Absatz um 9 Prozent gefallen.
Allerdings sind diese Absatzeinbußen nicht eindeutig dem Rauchverbot zuzuordnen, denn Preiserhöhungen, konjunkturelle Einflüsse, ein schlechtes Touristen-Jahr, der ohnehin sinkende Absatz in irischen Kneipen und generelle Veränderungen im Konsumverhalten haben diese Zahlen ebenfalls beeinflußt. Heineken behauptet sogar, der Bierabsatz sei gestiegen, weil mehr Iren nun zu Hause tränken.
Einnahmen aus der Tabaksteuer sinken in Irland
Die irischen Steuerbehörden sagen, ihre Einnahmen aus Zigarettenabgaben seien in den ersten Monaten um insgesamt 16 Prozent gesunken. So ist es kein Wunder, daß nach der Ankündigung des geplanten Rauchverbots in England und Wales die Aktien von Restaurationsketten und Brauereien zunächst nachgaben, wie auch die Werte von Tabakunternehmen.
Alkoholkonsum wird immer leichter
Kritiker werfen der Regierung freilich vor, sie habe das neben dem Rauchen und der Fettleibigkeit gefährlichste Gesundheitsrisiko der Bevölkerung weitgehend außer acht gelassen: den Alkoholismus. In einigen Regionen des Landes hätten sich die Todesfälle aufgrund von Alkoholismus in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Und während das Rauchen nun eingeschränkt werde, sei es immer leichter geworden, Alkohol zu konsumieren.
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.388,60 | +0,86% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2546 | +0,04% |
| Rohöl Brent Crude | 107,57 $ | +0,29% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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