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Gesundheit : Deutschlands teure Medikamente

Bild: F.A.Z.

Bisher darf die Pharmaindustrie den Preis für patentgeschützte Arzneien eigenmächtig festsetzen. Gesundheitsminister Philipp Rösler will das ändern. Die Lobbyisten laufen Sturm.

          Unglaubliche Zustände fallen manchmal erst so richtig auf, wenn sie geändert werden. Kein Wunder, dass Philipp Rösler jetzt viel Aufmerksamkeit erhält. Der Gesundheitsminister will einen Missstand beseitigen, den Fachleute schon lange kritisieren - der in der Öffentlichkeit aber bislang vergleichsweise wenig Beachtung fand: Die Pharmahersteller in Deutschland können für viele neue Medikamente die Preise diktieren, und die Krankenkassen müssen diese dann bezahlen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es geht um Milliarden und um Macht. Es geht um Sparvorschläge mit vielen technischen Details - aber auch um eine ganz grundsätzliche Frage: Wer bestimmt den Preis für Medizin?

          In Deutschland besonders hohe Preise

          Anlass für die Reform sind die finanziellen Engpässe der Krankenkassen. 32,4 Milliarden Euro haben die Kassen laut Gesundheitsministerium voriges Jahr für Medikamente ausgegeben, 11,9 Milliarden mehr als noch 1999. Medikamente sind in Deutschland besonders teuer. Um 18 Prozent liegen die Preise laut OECD über dem Schnitt der anderen Industrieländer. Preistreiber sind neue patentgeschützte Arzneimittel, deren Preise die Hersteller selbst festsetzen.

          Diese Regelung will Rösler abschaffen. Das geht aber nicht ohne Kampf. Die Schlachtordnung ist klar: Die Koalition ist sich ausnahmsweise recht einig. Die Unionsfraktionen signalisierten nach einer Klausurtagung am Donnerstag und Freitag Unterstützung. Sogar vom bayerischen Gesundheitsminister Markus Söder, sonst oft Röslers Gegenspieler, kommt Zustimmung: „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagte Söder der F.A.S. „Allerdings ist ein sofortiger Preisstopp für Medikamente notwendig.“

          Wütender Protest kommt hingegen von der Pharmaindustrie. „Unsere Preise sind nicht zu hoch“, wettert Cornelia Yzer vom Verband forschender Pharma-Unternehmen. „Unausgereift“ und "bedenklich" nennt der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie Röslers Pläne. Die Pharmafirmen argumentieren, wenn sie weniger für Medikamente verlangen könnten, seien Arbeitsplätze gefährdet. Außerdem brauchten sie hohe Margen, um die teure Pharmaforschung zu finanzieren.

          Regulierter Markt

          Schon finden sich auch Politiker, die den Pharma-Unternehmen zur Seite springen: So hat der saarländische FDP-Wirtschaftsminister Christoph Hartmann Bedenken angemeldet, weil er um die Zukunft eines großen Pharma-Unternehmens in seinem Bundesland fürchtet. Der Kampf wird also hart.

          Dabei scheint Rösler auf dem richtigen Weg - das bescheinigen ihm jedenfalls Gesundheitsökonomen wie Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen. Die Preisbestimmung für Medikamente in Deutschland sei schon lange ein Problem. „Da muss etwas geändert werden.“

          Die Situation hängt mit der Besonderheit des Gesundheitsmarktes zusammen: Normale Preise, etwa für Brötchen und Autos, bilden sich über Angebot und Nachfrage. Bei Arzneimitteln ist das anders. Die Medizin wird vom Arzt verschrieben. Die Kosten trägt (zumindest für gesetzlich Versicherte) die Krankenkasse. Der Patient hat deshalb wenig Anreize, sich darum zu kümmern, ob Kosten und Nutzen eines Präparats angemessen sind.

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