14.08.2006 · In Deutschland wird über die Zulassung der ersten Filiale der Internet-Versandapotheke Doc Morris gestritten. In den Vereinigten Staaten hingegen haben Apothekenketten einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent.
Von Claus TiggesIn Deutschland wird über die Zulassung der ersten Filiale der Internet-Versandapotheke Doc Morris gestritten. Hierzulande sind Einzelapotheken das Leitbild. Höchstens drei Filialen darf ein Apotheker betreiben; Apothekenketten sind verboten. In den Vereinigten Staaten hingegen expandieren Apothekenketten und Internet-Apotheken. Die Ketten haben einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent.
Der Markt für Arzneimittel in den Vereinigten Staaten ist riesig. 188,5 Milliarden Dollar gaben Amerikaner, teils aus der eigenen Tasche, teils durch ihre Krankenversicherungen, im Jahr 2004 allein für rezeptpflichtige Medikamente aus. 8,4 Prozent mehr als im Jahr zuvor und viereinhalb mal soviel wie zu Beginn der neunziger Jahre. Zahlen für 2005 liegen noch nicht vor, die Ausgaben dürften aber weiter gestiegen sein.
Umsatzsteigerung mit Neueröffnungen und Übernahmen
Davon profitieren nicht nur die Pharmahersteller, sondern auch die Apotheken. Die Umsätze steigen schnell und treiben den Expansionskurs insbesondere der Apothekenketten voran. Geradezu beispielhaft hierfür ist Walgreens, einer der führenden Apothekenbetreiber, der seit inzwischen 105 Jahren die Amerikaner mit Medikamenten versorgt.
Walgreens setzte in seinen Geschäften, die neben Arzneien auch Drogerieartikel und vieles mehr anbieten, im vergangenen Monat 3,98 Milliarden Dollar um, ein Plus von 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Die Umsätze der Walgreens-Apotheken legten sogar um 18 Prozent zu. Zugleich öffnete der Konzern im Juli 39 Filialen, einschließlich neun Wiedereröffnungen und übernahm 76 Apotheken von Happy Harry's Drugstores. Damit gab es in 47 der 50 amerikanischen Bundesstaaten und in Puerto Rico Ende vergangenen Monats 5401 Walgreens-Geschäfte, verglichen mit 4891 vor einem Jahr.
Medikamente, Kosmetik und Süßigkeiten im Angebot
Noch bessere Zahlen als Walgreens präsentierte Konkurrent CVS, dessen Umsätze im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 28 Prozent auf 3,4 Milliarden Dollar in die Höhe schnellten. Allerdings trug hier die Übernahme von insgesamt 701 Drogeriemärkten von Osco und Sav-On wesentlich zu bei. CVS betreibt inzwischen 6205 Drogeriemärkte mit angeschlossener Apotheke sowie freistehende Apotheken in 44 amerikanischen Bundesstaaten sowie dem District of Columbia. Knapp 70 Prozent des Umsatzes erzielt CVS mit dem Verkauf von Medikamenten, den Rest steuert eine Vielzahl von Produkten bei, von Kosmetik über Zeitschriften bis zu Süßigkeiten. CVS löst auf seinen Märkten rund 20 Prozent aller Rezepte ein.
Auf Apothekenketten wie Walgreens, CVS oder auch andere entfallen rund 40 Prozent der Gesamtumsätze amerikanischer Pharmazien, bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sind es sogar 46 Prozent. Wie der Verband der Apotheken-Ketten-Betreiber ausgerechnet hat, lag vergangenes Jahr der durchschnittliche Betrag einer Verschreibung bei knapp 65 Dollar. Davon erhielt der Pharmahersteller mehr als drei Viertel (76,6 Prozent), der Arzneimittelgroßhändler 3,1 Prozent und die Apotheke 20,3 Prozent.
Medikamente aus dem Supermarkt
Neben den Ketten gibt es in Amerika noch eigenständige Apotheken, Internet-Pharmazien sowie eine Reihe von Supermärkten, die ebenfalls Lizenzen zum Verkauf von Medikamenten besitzen. Für die Vergabe und Kontrolle dieser Lizenzen sind die Bundesstaaten verantwortlich. Dort sind die sogenannten State Boards of Pharmacy mit der Überwachung des Apothekengeschäfts verantwortlich.
Kalifornien und Florida beispielsweise schreiben vor, daß eine Apotheke nur dann Arzneimittel verkaufen darf, wenn ein staatlich lizenzierter Apotheker Dienst hat. Eine solche Lizenz wird vom kalifornischen Board of Pharmacy nur an Personen im Alter von mindestens 18 Jahren erteilt, die entweder über eine mehrjährige College-Ausbildung in Pharmazie oder über einen Doktorgrad in diesem Fach verfügen.
Strenge Vorschriften für Apotheken
Außerdem müssen sie den Nachweis erbringen, daß sie während des Studiums mindestens 1500 Stunden Erfahrung als Praktikant in einer Pharmazie gesammelt haben. Schließlich verlangt Kalifornien, ebenso wie viele andere Staaten, als Befähigungsnachweis noch eine erfolgreich bestandene Fachprüfung, die von der nationalen Vereinigung der Pharmacy Boards abgenommen wird.
In den einschlägigen Statuten Floridas ist der Betrieb einer Apotheke bis ins Detail geregelt. Darin heißt es unter anderem: "Die Pharmazie eines jeden Betreibers soll als geschlossen gelten, sobald kein von Florida lizenzierter Apotheker anwesend ist und Dienst hat. Der Ausdruck ,anwesend ist und Dienst hat' soll den Apotheker nicht davon abhalten, die Pharmazie zu verlassen, um Patienten oder Kunden zu beraten oder ihnen zu helfen, oder um Bedürfnissen der persönlichen Hygiene nachzugehen."
Tabletten einzeln abgezählt
Beim Antrag auf die Eröffnung einer Apotheke in Florida muß eine Gebühr von 255 Dollar bezahlt werden. In dem Antrag muß der Eigentümer einen staatlich lizenzierten Pharmazeuten als Verantwortlichen für die Ausgabe verschreibungspflichtiger Medikamente benennen. Dieser muß genau Buch führen über die eingelösten Rezepte und die Arzneien, die über den Ladentisch wandern.
Anders als beispielsweise in Deutschland werden in Amerika rezeptpflichtige Tabletten und andere Medikamente nicht in Packungen der Hersteller verkauft, sondern auf Anordnung des Arztes abgezählt. Reichen die zunächst verschriebenen Mengen nicht aus, wird nachgefüllt, aber auch nur auf Geheiß des Mediziners. Dieser unterrichtet die Apotheke, und der Kunde kann die Medikamente kurz darauf abholen.
Vorgeschriebene Öffnungszeiten
In Florida wie anderswo gilt darüber hinaus, daß Apotheken, ausgenommen Spezialpharmazien in Krankenhäusern und dergleichen, an mindestens 5 Tagen in der Woche zusammen mindestens 40 Stunden lang geöffnet haben müssen. Es gibt aber an vielen Orten Apotheken, die 24 Stunden lang geöffnet sind, 365 Tage im Jahr. Ebenso wie zahlreiche andere Staaten erlaubt Florida seinen Bürgern auch, Medikamente von Versandapotheken zu bestellen, die ihren Sitz in einem anderen Staat haben. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß diese Apotheken, beispielsweise Internetapotheken, dort zugelassen sind.
An der Überwachung der Apotheken ist neben den bundesstaatlichen Behörden auch die Regierung in Washington in Gestalt der Food and Drug Administration (FDA) beteiligt. Die FDA ist auch für die Zulassung von Medikamenten zuständig. Zudem kontrolliert sie die Medikamente, falls sie nicht in der vom Pharmaunternehmen hergestellten Form verabreicht werden, sondern von einem Apotheker verändert worden sind, um sie auf die jeweiligen Bedürfnisse der Patienten abzustimmen.
Illegale Billigimporte aus Kanada
Der Kauf von Medikamenten über das Internet hat während der Diskussion über die Aufnahme verschreibungspflichtiger Medikamente in den Medicare-Katalog vor einigen Jahren eine Rolle gespielt. Viele Amerikaner, insbesondere Ältere, beschaffen sich ihre verordneten Arzneimittel auf diesem - freilich illegalen - Weg von kanadischen Internet-Apotheken.
Diese können aufgrund der geltenden Preisvorschriften im staatlichen kanadischen Gesundheitswesen Medikamente erheblich billiger verkaufen. In vielen Fällen ergibt sich im Vergleich zum amerikanischen Markt ein Preisvorteil von bis zu 60 Prozent. Um die Vorschrift einzuhalten, daß kanadische Pharmazien nur Rezepte eines in Kanada zugelassenen Arztes einlösen dürfen, stellten einige Internet-Apotheken eigens Mediziner an, welche die amerikanischen Rezepte ihrer Kunden auf ein kanadisches Formular übertrugen.
Der Erwerb verschreibungspflichtiger Medikamente aus dem Ausland ist in den Vereinigten Staaten untersagt. Die FDA schließt sich dabei dem Argument der Pharmaindustrie an, wonach die Sicherheit der Patienten hier nicht gewährleistet sei. Die Kontrollen von grenzüberschreitenden Paketen wurden vor einiger Zeit verschärft. Stoßen die amerikanischen Behörden auf illegal im Ausland erworbene Medikamente, so werden diese beschlagnahmt. Die FDA rät statt dessen dazu, auf günstige amerikanische Nachahmerprodukte (Generika) zurückzugreifen.
zum Nachdenken
Andreas Grünebaum (agruenebaum)
- 16.08.2006, 21:10 Uhr
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