Home
http://www.faz.net/-gqe-10nbf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gesünder durch Tierhaltung Halt's Maul!

25.10.2008 ·  Verhaltensforscher untersuchen, was den Menschen so am Haustier fasziniert. Sie haben herausgefunden, dass Tierhalter gesünder sind und auch sonst in ihrem Leben besser zurecht kommen. In bestimmten Lebensphasen könne das Tier sogar die Rolle eines unkomplizierten Freundes übernehmen.

Von Christian Siedenbiedel
Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (2)

Fünf Millionen Hunde und mehr als sieben Millionen Katzen leben in deutschen Haushalten, drei Millionen Vögel und mehr als sechs Millionen Kleintiere wie Hamster, Meerschweinchen, Zwergkaninchen. Warum umgeben sich Menschen freiwillig mit solchen Kreaturen, von denen sie keinerlei erkennbaren Vorteil haben? Hundebesitzer können vielleicht noch rationale Argumente ins Feld führen. So zwingt das Tier sie zu regelmäßiger Bewegung an der frischen Luft. Katzenbesitzer aber geraten in Erklärungsnot: Mitbewohner, die an Möbeln kratzen, haaren und neben's Katzenklo pinkeln - wieso tun Menschen sich sowas an?

Weniger anfällig für Herzinfarkte

Im englischen Waltham befassen sich 60 Wissenschaftler im Auftrag des Mars-Konzerns mit solchen und ähnlichen Fragen. Der Marktführer für Tierfutter betreibt dort ein eigenes Haustier-Forschungszentrum mit 146 Hunden, 227 Katzen und 70 Vögeln. Ziel der Arbeit sind zwar vor allem neue Erkenntnisse für die Ernährung von Tieren, etwa die Entwicklung von Futterzusätzen gegen Rheuma. Gleichsam als Nebenprodukt wird aber auch die Beziehung von Mensch und Tier verhaltenspsychologisch erforscht.

Was herauskommt, ist spannend: So darf die Tierhaltung getrost als medizinische Vorbeugung betrachtet werden, glaubt man Waltham-Forscher Ralph Merrill. Versuche hätten gezeigt, dass Menschen, die Tiere hielten, zum Beispiel weniger anfällig seien für Herzinfarkte. Und nach einem Infarkt erholten sich Herrchen und Frauchen schneller als Durchschnittsbürger. Ihr Blutdruck bleibe in Stress-Situationen niedriger.

Wellensittiche im Altersheim

Auch auf Schüler haben Haustiere positive Auswirkungen. Versuche hätten gezeigt, so die Forscher, dass Kinder aus einer Familie mit Tier seltener in der Schule fehlten als Haustier-Verweigerer. Und selbst wenn sich die Eltern scheiden ließen, überstünden Kinder das besser, wenn es in der Familie ein Haustier gebe. Besondere Leistungen muss der Vierbeiner dabei gar nicht erbringen: Schon seine bloße Anwesenheit und die Tatsache, dass man sich um ihn kümmern muss, reicht für die positiven Effekte, meinen die Forscher.

Waltham unterstützt auch Versuche mit Tieren in Altenheimen. Heimleitungen sind in der Regel wenig begeistert, wenn die alten Leute auch noch Tiere halten wollen. Sie sehen vor allem den Schmutz und die zusätzliche Arbeit für das Heimpersonal. Dabei konnten die Forscher in einem Versuch zeigen: Wenn alte Leute in Heimen Wellensittiche halten dürfen, kümmern sie sich nicht nur liebevoll um die Vögel. Sie beginnen auch wieder, miteinander zu sprechen. Endlich geht es mal nicht um ihre Gebrechen - sondern darum, was Spatzi oder Hansi gerade wieder angestellt haben.

„Der Kater und ich, wir sind Kumpel“

Und zum Thema nutzlose Katze hat die Mensch-Tier-Forschung das genaue Gegenteil belegt. Gerade die Katze sei es, die perfekt zum modernen großstädtischen Lebensstil passe. Während der Hund regelmäßige Rhythmen für Fütterung und Gassigehen braucht, passt sich die Katze ganz an den menschlichen Ablauf an. Ihre Nachtaktivität hat die Nachfahrin der nordafrikanischen Wildkatze längst aufgegeben und schläft nun ebenfalls durch - am liebsten in einem Bett mit ihren Haltern. Verhaltensforscher Jens Lönneker hat sie zum „Trendtier“ ausgerufen - unter anderem, weil sie besser als etwa Hunde mit dem Alleinsein klarkommt. Die Katze werde als Vorbild genommen „für das Aushandeln von Nähe und Distanz in Beziehungen“, schreibt Lönneker in einem Forschungsbericht.

In bestimmten Lebensphasen, so der Forscher, könne die Katze sogar die Rolle eines unkomplizierten Freundes übernehmen. „Der Kater und ich, wir sind Kumpel“, sagte ein Proband in einem Versuch, in Anspielung auf seine nicht so unkomplizierte Ehefrau. „Ich wundere mich, wie der selbst bei der Lautstärke mit mir gemeinsam Fußball guckt. Aber der ist auch ruppiger. Dem kann man auch einfach mal sagen: Halt's Maul!“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 36 140

29.05.2012 11:27 Uhr
  Vortag
Dax 6.372,72 +0,78%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.388,60 +0,86%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2546 +0,04%
Rohöl Brent Crude 107,57 $ +0,29%
Gold 1.574,60 $ +0,32%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.