05.01.2010 · Die Schweinegrippe wird für die Länder zunehmend zu einer finanziellen Belastung. Die Bundesländer bleiben auf Impfstoffdosen sitzen, weil die Deutschen sich nicht immunisieren lassen. Nun suchen Bund und Länder eine Lösung mit dem Impfstoffhersteller Glaxo-Smith-Kline.
Von Andreas Mihm, Christian Schubert und Roland LindnerDie Schweinegrippe wird für die Länder zunehmend zu einer finanziellen Belastung. Mittlerweile steht der Impfstoff bereit, aber zu wenige wollen ihn haben. Dabei ist es noch keine acht Wochen her, dass Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) die Bundesbürger mahnte, nicht so zu drängeln: Kranke, Gefährdete und Hilfspersonal zuerst, dann sollten sich bitte die Übrigen anstellen, für eine Impfung gegen das A/H1N1-Virus. Mit der Autorität des Arztes hatte der Minister zuvor eindringlich für die Immunisierung gegen den Überträger der neuen Grippe geworben. Nun appellierte er, es solle bloß „nicht jeder sofort zur Impfstelle rennen“.
Denn ihm und den Ländergesundheitsministern war darum bange, überhaupt genug Impfstoff zur Verfügung zu haben. Dazu passte, dass Bund und Länder die Geschäftsführung des Impfstoffherstellers Glaxo-Smith-Kline (GSK), der das Serum gegen die Schweinegrippe in Dresden herstellt, nach Berlin einbestellten. Der versprach die Zahl der ausgelieferten Impfdosen zu steigern. 20 Millionen sollten bis Ende Dezember ausgeliefert werden.
Wer soll das bezahlen?
Doch da wollten die zuvor von Todesfällen und fetten Schlagzeilen aufgeputschten Bürger schon nichts mehr von der Impfung wissen. Wie viele Dosen gegen A/H1N1 in Deutschland bisher geimpft wurden, können auch Fachleute nur schätzen. Vielleicht sind es sechs Millionen. Bestellt hatten die Länder 50 Millionen Dosen (damals wusste man noch nicht, dass auch eine einzige Impfung ausreicht). Geschätzte Kosten je Impf-Piekser: 15 Euro, davon 9 für das Serum. Jetzt kreist die Debatte um die Fragen: Wer soll das bezahlen? Was tun mit dem nicht benötigen Impfstoff? Deutschland steht da nicht alleine. In Frankreich und Amerika erregt man sich auch darüber.
Wegen anhaltender Impfmüdigkeit der Bürger wollen die Bundesländer mehr als zwei Millionen Impfdosen gegen die Schweinegrippe ans Ausland verkaufen.
In den Vereinigten Staaten herrscht mittlerweile kein Mangel mehr an Impfstoff. Nach jüngsten Angaben der Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention hat die Regierung 111 Millionen Impfstoffdosen ausgeliefert bekommen, aber nur 60 Millionen Amerikaner haben sich impfen lassen. Insgesamt hat die Regierung sogar die Anschaffung von 250 Millionen Dosen vereinbart. Die Regierung will mehr Amerikaner zu Impfungen bewegen und hat entsprechende Kampagnen gestartet.
Im Moment übersteige das Angebot an Impfstoff wahrscheinlich die Nachfrage, sagte Medizinvorstand Troyen Brennan von der amerikanischen Drogeriekette CVS Caremark dem „Wall Street Journal“. Im Herbst hatte die Regierung noch Schwierigkeiten, Impfungen in ausreichenden Mengen bereitzustellen, vor den eigens eingerichteten Impfzentren bildeten sich lange Schlangen. Die Impfstoffe wurden zunächst auf Risikogruppen beschränkt, Kinder, Schwangere und Menschen mit chronischen Krankheiten. Die Knappheit des Impfstoffes hatte für einen öffentlichen Aufschrei gesorgt und zu Anhörungen im Kongress geführt. Mittlerweile hat sich der Versorgungsnotstand entschärft, die Restriktionen auf bestimmte Gruppen wurde aufgehoben. Heute ist der Impfstoff sogar in Supermarktketten wie Wal-Mart verfügbar, die Ambulanzkliniken in ihren Geschäften haben.
Frankreich sucht Käufer im Ausland
Frankreich hat besonders viel ungenutzten Impfstoff und versucht nun, diesen ins Ausland zu verkaufen. Für die 63 Millionen Einwohner hatte die Regierung 94 Millionen Dosen bestellt; davon sind bisher aber nur weniger als 5 Millionen Dosen gespritzt worden. Hinzu kommen 2 Milliarden Masken und große Mengen Tamiflu, die laut Experten einem Drittel des weltweiten Bestandes entsprechen. Das Präparat Tamiflu soll im Falle der Erkrankung heilen helfen. Die Regierung verteidigt sich mit dem Hinweis, dass die internationalen Behörden bis zum 20. November eine Doppelimpfung empfohlen hätten. Die Opposition fordert schon einen Untersuchungsausschuss. Unter Druck geraten, erklärte Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot am Montag im Fernsehen, die Regierung habe den Kauf von 50 Millionen Dosen Impfstoff storniert. Damit wolle sie 350 Millionen Euro sparen.
Die Bestellung der Impfmittel hat Frankreich 869 Millionen Euro gekostet. Nach Angaben des Abgeordneten Bernard Debré, eines Medizin-Professors, der der Regierungspartei UMP angehört, übersteigen die Kosten das jährliche Defizit aller französischen Krankenhäuser. Die von Frankreich bestellten Impfstoffe entsprächen einem Zehntel des weltweiten Bestandes, sagte Debré. Nach Regierungsangaben wurden 300 000 Dosen bisher nach Katar weiterverkauft. Weitere 2 Millionen Dosen soll demnächst Ägypten kaufen.
Bund und Länder bestellen GSK nach Berlin ein
In Deutschland setzen sich Bund und Länder an diesem Donnerstag mit GSK an einen Tisch, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Beteiligte warnen aber davor, schon am Donnerstag mit handfesten Ergebnissen zu rechnen. Die Länder - in Deutschland sind sie für die Gefahrenabwehr zuständig - hatten die Dosen in der Erwartung bestellt, dass sie auch verimpft würden. Die Regierung hatte die Kosten auf bis zu 600 Millionen Euro veranschlagt, zu zahlen von den Krankenkassen. Für die bestellten 50 Millionen Dosen hätten auch die Krankenkassen die Kosten übernommen. Die Kassen zahlen aber nicht für Dosen, die zwar bestellt, aber nicht verimpft wurden. Deshalb haben die Länder Anfang 2010 ein finanzielles Problem an der Stelle, wo sie Ende 2009 noch ein Versorgungsproblem fürchten. In Ziffern ausgerückt, beläuft sich das Problem auf knapp 400 Millionen Euro.
Schon im frühen Herbst, als das Problem in der Größe nicht absehbar war, hatten die Länder versucht, eine Auffanglinie zu ziehen. Der Bund solle die Dosen, die nicht gebraucht würden, aufkaufen und als Entwicklungshilfe an arme Länder weiterreichen, hatte der Sprecher des federführenden Ländergesundheitsministeriums Thüringen erklärt. Das hat sich bis zu „Brot für den Welt“ herumgesprochen, die nun behauptete, Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) kaufe ungebrauchte Impfdosen gegen die Schweinegrippe auf. Der dementiert wütend: „Die Bundesregierung hat keine Impfdosen angekauft.“ Es seien lediglich 14 Millionen Euro „noch im Jahr 2009 direkt der Weltgesundheitsorganisation zur Verfügung gestellt worden, zur logistischen Umsetzung von Impfkampagnen“.
Fachleute rechnen mit weiterem Anstieg der Erkrankungen
Wie auch immer sich Bund und Länder mit GSK in den nun angestrebten Nachverhandlungen einigen werden - schließlich will GSK auch künftig Geschäfte mit der staatlich beeinflussten deutschen Krankenversicherung machen -, noch ist die Grippewelle nicht vorüber. Inzwischen dürften sich mehr als 210 000 Deutsche an der Schweinegrippe infiziert haben, 209 855 waren es vor Weihnachten, 132 sind daran gestorben.
Zwar registriert das Robert-Koch-Institut schon seit Wochen immer weniger Neuerkrankungen. Doch wollten die Fachleute keine Entwarnung geben: „Die Impfung gegen die Neue Influenza ist nach wie vor wichtig, da die momentane Welle noch andauert und davon auszugehen ist, dass nach Erreichen des Scheitelpunkts einer Welle in der Regel mindestens noch einmal so viele Fälle auftreten wie vor Erreichen des Scheitelpunktes.“ Wie gut, dass der Impfstoff ein Jahr haltbar ist.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |