Wenn ein Ministerpräsident öffentlich verkündet, sein Land stünde „nicht am Abgrund“, dann wirkt das nicht unbedingt vertrauenerweckend. Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy versuchte noch am Wochenende, auf diese Weise besorgte Anleger zu beruhigen. Jetzt schlug Finanzminister Cristóbal Montoro einen anderen Ton an. Die Tür zum Kapitalmarkt sei geschlossen, sagte er im Radio. Heißt dies, dass sein Land der nächste Kandidat für ein Hilfskredite-Programm wird? Montoro verneinte das energisch - und fügte hinzu: „Eine Rettung Spaniens ist technisch unmöglich.“ Gemeint war offenbar, das Land sei für jeden Rettungsfonds zu groß. Für die Banken indes braucht es Hilfe.
Absturz der Musterschüler
Manchen Beobachter erinnert die Entwicklung an den Fall Irlands. Das Land musste vor anderthalb Jahren unter einen EU-IWF-Rettungsschirm schlüpfen. Es gibt tatsächlich Parallelen zwischen beiden Ländern: In den guten Jahren bis 2008 erlebten sie einen gewaltigen Bauboom, der durch günstige Zinsen und ausländischen Kredit getrieben wurde. Die Wirtschaft wuchs, die Löhne stiegen stark, Staatsdefizite und Schulden waren niedrig. Viele Jahre galten Irland und Spanien als ökonomische und fiskalische Musterschüler. Der „keltische Tiger“ hatte 2007 eine Schuldenquote von lediglich 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), in Spanien waren es 36 Prozent.
Als aber die Blase platzte, brach das Unheil los. Irlands Banken erlitten schon in der ersten Welle der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 gewaltige Verluste, immer mehr Kredite wurden notleidend. Spanien hielt sich dabei besser, weil seine Bankenaufsicht allzu riskante Geschäfte untersagt hatte. Anfang 2009 musste Dublin drei kollabierende Banken stützen. In einem einzigen Jahr stieg so das Staatsdefizit auf fast ein Drittel des BIP, während die Wirtschaft in der Rezession schrumpfte. Irlands Schuldenquote stieg sprunghaft. 2011 hat sie sich auf 108 Prozent des BIP mehr als vervierfacht, nachdem sich die faulen Kredite durchs System gefressen hatten.
Wunsch nach europäischem Geld
Droht Spanien ein ähnliches Schicksal? Die Schuldenquote erscheint bislang noch niedrig. Im vergangenen Jahr stieg sie von 61 auf 67,5 Prozent des BIP und lag damit weit unter dem Euroraum-Durchschnitt. Dennoch wachsen die Sorgen, weil das Land sich in einer tiefen Rezession befindet und niemand genau weiß, wie viele faule Kredite die Banken, vor allem die regionalen Sparkassen, in ihren Büchern haben. Die möglicherweise gigantischen Kapitallöcher der Kreditinstitute sind kurzfristig das größte Risiko. Bankia, die viertgrößte Bank des Landes, meldete vor vier Wochen erst 4 Milliarden Euro Kapitalbedarf, dann schnellte die Zahl auf 19 und schließlich sogar 23 Milliarden Euro nach oben. Emilio Botín, Präsident der Santander Bank, schätzt die zur Bankenrettung benötigten Mittel auf 40 Milliarden Euro - und fordert EU-Hilfe. Auch Finanzminister Montoro wünscht europäisches Geld für die Banken.
Die Analysten von Goldman Sachs schätzen den Kapitalbedarf für die acht größten börsennotierten Banken Spaniens auf knapp 44 Milliarden Euro. Ihrer Ansicht nach stellt Bankia, eine Sparkassengruppe rund um die Caja Madrid, einen Einzelfall dar. Das Institut sei besonders stark am Immobilienmarkt engagiert gewesen. Andere ausländische Analysten sind zum Teil deutlich pessimistischer. Die Schweizer Großbank UBS meint, um für alle Kreditrisiken gewappnet zu sein, die aus der Immobilienblase und der Rezession resultieren, seien 80 bis 100 Milliarden Euro Kapitalbedarf notwendig - das entspräche 8 bis 10 Prozent des BIP.
Geschätzter Vorsorgebedarf von bis zu 260 Milliarden Euro
Kürzlich warnte der internationale Bankenverband Institute of International Finance (IIF) davor, dass die vorgesehenen Maßnahmen der spanischen Regierung nicht ausreichen könnten. Ende 2011 hatten die spanischen Banken für ihre Immobilienkredite Rückstellungen von 110 Milliarden Euro gebildet. Insgesamt haben spanische Banken Kredite über 1,9 Billionen Euro vergeben, davon mehr als 60 Prozent für Immobilien. Der IIF unterstellt für Spanien so hohe Ausfallraten der Immobilienkredite wie in Irland. Dementsprechend kommt der IIF für spanische Banken auf einen Vorsorgebedarf von 218 bis 260 Milliarden Euro.
Bis Ende des Jahres verlangt die Regierung von den Banken, ihre Risikovorsorge um 80 auf 190 Milliarden Euro zu erhöhen. Dies geht an die Substanz der Institute. Es übersteigt bei weitem ihre Gewinne, die im vergangenen Jahr nach einer Berechnung der Investmentbank Nomura vor Risikovorsorge insgesamt 29 Milliarden Euro betrugen.
Tiefgreifende Reformen
Nach Ansicht des Bankenverbandes sprechen zwei Faktoren dafür, dass das schlimmste Szenario mit 260 Milliarden Euro Vorsorgebedarf wahrscheinlich ist. Zum einen sei das wirtschaftliche Umfeld in Spanien mit einer Arbeitslosenquote von 24 Prozent schlechter als in Irland. Zum anderen seien die Immobilienpreise in Spanien - bei einer Million leerstehenden Häusern - noch nicht so stark gefallen wie auf der Grünen Insel, die allerdings zuvor eine noch extremere Häuserpreisentwicklung verzeichnete. Nach Berechnungen der Investmentbank Barclays haben sich die irischen Immobilienpreise zwischen 1995 und 2007 mehr als vervierfacht, in Spanien verdreifacht. Barclays schätzt die irische Kreditausfallquote auf 24 Prozent, die spanische Quote auf 11 bis 14 Prozent. Bei 1,9 Billionen Euro Krediten könnten die Gesamtausfälle damit bis zu ein Viertel des spanischen Bruttoinlandsprodukts betragen.
Fieberhaft versucht die Madrider Regierung durch Sparpläne und Strukturreformen das Ruder herumzureißen. Irland hat mit harten Einschnitten seinen Haushalt zu sanieren versucht. Sein Arbeitsmarkt ist flexibel. Die Löhne sind daher in der Rezession gesunken. Madrid will nun den starren Arbeitsmarkt aufbrechen. Im Februar hat die Regierung eine Reform durchgesetzt, die Lohnkürzungen ermöglichen soll und den Kündigungsschutz lockert. „Die Arbeitsmarktreform ist eine Revolution“, sagt Ralph Solveen, Spanien-Beobachter bei der Commerzbank. „Nach unserer Meinung macht Spanien - im Gegensatz zu Italien - tiefgreifende Reformen an der richtigen Stelle.“ Allerdings ist zum Beispiel die Inflationsindexierung der Löhne nur ausgesetzt, nicht abgeschafft worden. Ökonomen kritisieren diese Indexierung, weil sie hohes Lohnwachstum ohne Rücksicht auf die Produktivität ermöglicht hat.
Selbst wenn die Strukturreformen greifen, wird es noch ein schmerzhafter Weg zur Korrektur vorangegangener Fehlentwicklungen. Die Baubranche, die auf dem Höhepunkt der Blase 2007 in Spanien und Irland bis zu 13 Prozent der Arbeitskräfte beschäftigte, ist in Spanien bislang um rund die Hälfte geschrumpft. „Nach den Erfahrungen in Amerika, wo die Blase relativ kleiner war, müsste der Bausektor nochmals um gut 2 bis 3 Prozent des BIP schrumpfen“, sagt Solveen. Die Inlandsnachfrage werde deshalb „wie ein Stein fallen“. Spaniens Rezession wird daher noch lang und zäh sein.
Es gibt keine Pleiten im sozialistischen EU_Regime
Albert Sommer (EUindieTonne)
- 08.06.2012, 16:04 Uhr
Solange Spanien sich noch so viele hochbezahlte Politiker, Beamte und
Banker leisten kann,
Norbert Regin (FAZ-Leser344)
- 06.06.2012, 19:19 Uhr
Spanien ist schon unter dem Rettungsschirm
Günter K. Hesse (v6yz)
- 06.06.2012, 18:54 Uhr
Man muss nur hinschauen
Anna Domin (annasbest)
- 06.06.2012, 12:42 Uhr
Wir brauchen endlich wieder das ganz normale Verursacherprinzip,
Wolfgang Wurtz (wolwul)
- 06.06.2012, 12:33 Uhr