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Gentechnik : Angriff auf den Tod

Katholische Gläubige während einer Prozession: Wir Christen glauben an die Auferstehung nach dem Tod. Bild: dpa

Ist das Sterben künftig wirklich nur noch ein ziemlich kompliziertes Problem für Ingenieure? Sehr erfolgreiche Unternehmer stecken viel Geld in die Frage nach dem ewigen Leben. Es geht aber um mehr.

          Helen und Greg wollen ein Kind und bekommen von ihrem Arzt dieses unglaubliche Angebot: Soll es denn etwas sehr gut können? Mathematisch hochbegabt sein oder musikalisch oder doch lieber außerordentlich sportlich? Technisch, so erklärt der Mediziner den künftigen Eltern, ist nahezu jeder Wunsch machbar. Helen und Greg, so heißen zwei Hauptfiguren im Buch „Helix“ von Marc Elsberg; und der Bestsellerautor stellt nicht nur sie, sondern gedanklich auch seine Leser vor ebenjene Wahl. Wie würden wir diese Frage beantworten? Und wie, könnten wir unsere Entscheidung für uns behalten?

          Elsbergs Roman ist fiktiv. Sehr reell hingegen ist der Fortschritt in der Gentechnik, der ihm zugrunde liegt. Er verbindet sich derzeit oft mit der Abkürzung „Crispr/Cas“, einer Methode, die ermöglicht, einigermaßen präzise und zugleich günstig die DNA von Menschen, Tieren und Pflanzen zu verändern. Die Forscher erhoffen sich davon, schlimme Krankheiten zu heilen oder von vornherein zu unterbinden. Tatsächlich geht es jedoch um mehr: um die Programmierung des Menschen und seines Lebens insgesamt, inklusive – und das ist je nach Perspektive gruselig oder phantastisch – dessen Dauer.

          „Den Tod solange vermeiden, wie wir das wollen“

          Die Diskussion darüber führen nicht vornehmlich infantile Science-Fiction-Fans, sondern auch einige der erfolgreichsten Unternehmer der Welt. „Meiner Ansicht nach kann man sich zum Tod auf dreierlei Weise verhalten“, sagte Peter Thiel einmal, der Paypal gegründet hat und durch ein frühes Facebook-Engagement steinreich geworden ist: „Man kann ihn akzeptieren, man kann ihn leugnen, oder man kann ihn bekämpfen. Ich glaube, unsere Gesellschaft besteht vor allem aus Leuten, die ihn hinnehmen oder leugnen. Ich bekämpfe ihn lieber.“ Mit Geld. Als das Alterung erforschende Unternehmen Unity Biotechnology im Herbst des vergangenen Jahres mehr als 100 Millionen Dollar in einer Finanzierungsrunde einsammelte, beteiligte sich Thiel. Übrigens ebenfalls der Amazon-Gründer Jeff Bezos.

          Alphabet (Google) hat bereits im Jahr 2013 eine eigene Gesellschaft mit dem Namen Calico gegründet und mit Milliarden ausgestattet, die den Auftrag hat, die Alterung zu attackieren, also echtes Anti-Aging. In Mountain View, wo das Google-Hauptquartier steht, hat wiederum auch die SENS-Stiftung (das Kürzel steht für „Strategies for Engineered Negligible Senescence“) ihren Sitz, die sich mit der Frage beschäftigt, warum Menschen altern und wie das manipuliert werden kann.

          Ihr schillernder Forschungschef Aubrey de Grey, der sich früher ausführlich mit künstlicher Intelligenz beschäftigte, erklärte seine Mission wie folgt: „Mir geht es nicht darum, tausend Jahre alt zu werden. Mein Ziel ist, dass Menschen einmal den Tod so lange vermeiden können, wie sie das wollen.“ Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass sich die Lebensdauer der Menschen in 150 Jahren nahezu verdoppelt hat.

          Wie halten wir es mit der Forschung an Embryonen?

          Um ein Missverständnis zu vermeiden: Natürlich wird es den Tod weiter geben auf der Welt, das erwarten auch diese Forscher und Geldgeber – durch Kriege, Verbrechen, Autounfälle etwa. Ihnen geht es darum, dass das Alter keine zentrale Rolle mehr spielen soll. Sterben ist für sie keine metaphysische Angelegenheit, nichts Religiöses, sondern im Grunde nicht mehr als eine (ziemlich komplizierte) Problemstellung für Ingenieure. „Ich habe die Vorstellung, dass Altern etwas Plastisches ist und dass es verschlüsselt ist“, sagte der Arzt und Hedgefonds-Manager Joon Yun jüngst dem Magazin „The New Yorker“ und fügte hinzu: „Wenn etwas verschlüsselt ist, dann kann man den Code knacken.“

          Das Thema gewinnt offenkundig an Fahrt. Wichtige Fragen wirft der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem Werk „Homo Deus“ auf. Was bedeutet es eigentlich, wenn Menschen deutlich älter als hundert oder zweihundert Jahre werden? Was, wenn etwa die Erziehung von Kindern nur eine Episode und nicht mehr einen wesentlichen Teil des Lebens ausmacht? Was wird das für Arbeit und Ausbildung bedeuten? Wie lange sollen Kinder bei einer solchen Aussicht in die Schule gehen?

          Aktuell, konkret und dramatisch ist eine Entscheidung, die bevorsteht: Nach Computersimulationen und Versuchen mit Mäusen und Ratten müssen nun wohl auch die Bürger westlicher Industrieländer klären, wie sie es mit der Forschung an menschlichen Embryonen halten wollen. Fachleute der amerikanischen Nationalen Wissenschaftsakademie haben unlängst angeregt, gezielte genetische Eingriffe bei Embryonen schon bald in Versuchen zu testen.

          Eine Arbeitsgruppe der deutschen Nationalakademie Leopoldina hat das Embryonenschutzgesetz in seiner bisherigen Form in Frage gestellt (hier). Deren Argumentation ist eine Abwägung, die sich vor allem an dem zu erwartenden Nutzen durch neue Forschung orientiert. Natürlich fehlt das Wettbewerbsargument in der Debatte nicht: Andere Länder, allen voran China, „sparten“ sich den ethischen Diskurs und handelten einfach.

          Doch soll man das wirklich wollen? Was die Leute aus dem Silicon Valley antreibt und die Tragweite dieser ganzen Diskussion erschließt, offenbart ein Bonmot des Erfinders und Google-Managers Ray Kurzweil. Der beantwortet die Frage, ob es einen Gott gebe, gerne so: Noch nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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