24.06.2003 · Ab heute tagt der Offenmarktausschuß der amerikanischen Notenbank. An einer weiteren Zinssenkung der Fed am Mittwoch zweifelt niemand. Aber die Dosis ist umstritten.
Amerikas Zentralbank (Fed) wird am Mittwoch aller Voraussicht nach ihre dreizehnte Zinssenkung in nur zweieinhalb Jahren beschließen. Doch in der Frage, ob der Zielsatz für Tagesgeld von derzeit 1,25 Prozent um weitere 0,25 oder 0,5 Prozentpunkte zurückgenommen wird, scheint die Wall Street in zwei gleich große Lager gespalten zu sein. Das ist eher ungewöhnlich. Denn in der Regel versteht es die Fed, mit unsichtbarer Hand einen Konsens im Markt herzustellen, so daß die Zinsbeschlüsse selbst kaum noch Überraschungspotential bergen.
Daß diesmal eine relativ große Unsicherheit besteht, ist zwei einflußreichen Journalisten zu verdanken, die mit ihren Berichten zur heute beginnenden Sitzung des Offenmarktausschusses die Märkte bewegten. Den Startschuß gab John Berry, der langjährige Fed-Beobachter der Tageszeitung "Washington Post". Berry, den die Fed in der Vergangenheit wiederholt zu ihrem Sprachrohr gemacht hatte, berichtete am vergangenen Donnerstag, daß eine Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte die wahrscheinlichere Option sei. Ein solcher Schritt wäre eine Art Ausrufezeichen, mit dem die Fed signalisieren würde, daß die Zinssenkung die letzte im laufenden Zyklus sei, schrieb Berry.
Nur 24 Stunden später titelte das "Wall Street Journal", daß die nächste Zinssenkung der Fed kleiner als erwartet ausfallen könnte. Fed-Offizielle hätten angedeutet, daß sie sich all Optionen offenhielten, also auch eine Zinssenkung um nur 0,25 Prozentpunkte, schrieb Reporter Greg Ip. Es gebe unter anderem Bedenken, daß ein zu niedriger Leitzinssatz zu Verwerfungen bei Geldmarktfonds führen könnte. Ips Bezugnahme auf "Fed Officials" machte den Bericht etwas glaubwürdiger als den von Berry, der - höchst ungewöhnlich - ohne jegliches Zitat aus den heiligen Fed-Hallen arbeitete. Feinsinnige Beobachter merkten freilich an, daß auch Ip für seinen Artikel keinen Zugang zu Mitgliedern des Offenmarktausschusses gehabt haben dürfte. Denn in jenem Fall wäre von "Senior Fed Officials" und nicht einfach von "Fed Officials" die Rede gewesen.
Ist der ganze Disput um 0,25 oder 0,5 Prozentpunkte nur ein Sturm im Wasserglas, den zwei Journalisten mit großem Ego ausgelöst haben? "Berry und Ip erwecken gerne den Eindruck, daß sie mit Greenspan in einem Bett liegen", unkt Tony Crescendi, Chefstratege des Wertpapierhauses Miller Tabak. "Doch die einzige Person im Bett mit Greenspan ist dessen Frau Andrea Mitchell."
In jedem Fall signalisieren die Vorberichte der beiden Journalisten, daß der Fed bei ihrer zweitägigen Sitzung wahrscheinlich eine kontroverse Diskussion bevorsteht. Angesichts der jüngsten positiven Konjunkturdaten werden an Wall Street sogar schon erste Stimmen laut, wonach die Fed ganz auf eine Zinssenkung verzichten sollte. Allerdings hatte Greenspan vor wenigen Wochen signalisiert, daß er zur Abwehr von deflationären Tendenzen lieber über das Ziel hinausschieße, als zu zögerlich zu handeln. Insofern besteht im Markt kein Zweifel, daß die Fed am Mittwoch um 14.15 Uhr Ortszeit eine weitere Versicherung gegen Deflation zeichnet. Ob diese nun mit 0,25 oder 0,5 Prozentpunkten dosiert wird, ist nach Meinung vieler Fed-Beobachter nur von sekundärer Bedeutung. Entscheidend sei vielmehr, daß die Fed in ihrem Kommuniqué niedrige Leitzinsen für die überschaubare Zukunft signalisiere, ähnlich wie schon vor sechs Wochen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.389,13 | +0,90% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2546 | +0,04% |
| Rohöl Brent Crude | 107,57 $ | +0,29% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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