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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Geldpolitik Spekulieren mit den Notenbanken

 ·  Amerikas Notenbank-Chef Ben Bernanke will die Märkte nochmal mit Geld fluten. EZB-Präsident Mario Draghi lädt die Bazooka nach. Das treibt die Börsen. Und bläht womöglich eine neue Blase an den Finanzmärkten.

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Tierische Anspielungen liebt die Finanzwelt ja: An den Börsen kämpfen täglich Bullen und Bären. Bei den Zentralbanken ringen Tauben mit Falken, also Geldverteiler mit Stabilitätsfanatikern. In der abgelaufenen Börsenwoche aber drängte sich ein anderer Vergleich auf: Da verharrten die Weltbörsen regungslos wie die Kaninchen vor der Schlange. Sie warteten, was Ben Bernanke zu sagen hatte, der amerikanische Chef-Notenbanker, der sich am Freitag mit Vertretern seiner Zunft in Jackson Hole traf.

Solange Bernankes Absicht nicht klar war, regte sich an den internationalen Aktienmärkten kaum ein Käufer. Denn die große Frage war: Kauft die wichtigste Notenbank der Welt zum dritten Mal in großem Stile Staatsanleihen auf und pumpt damit neues Geld in die Märkte? Die Frage ist umso spannender, als bald auch die Europäische Zentralbank über Staatsanleihenkäufe entscheiden will - während sich die Bundesregierung mit Macht dagegenstemmt.

Bis 2008 galt das Aufkaufen von Staatsanleihen als Verzweiflungstat von Notenbankern

Nach der Tagung der Notenbank Fed Anfang August hatten viele Marktbeobachter mit einem neuen Eingriff gerechnet. Da nämlich sagte Bernanke, die Fed sei bereit, „ziemlich bald“ neue Stimuli für den Markt zu schaffen, um die schwächelnde amerikanische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

Wann, wenn nicht jetzt, wäre der richtige Zeitpunkt dafür - wo doch das alte Stützungsprogramm zum Jahresende ausläuft? Und wo, wenn nicht hier - in Jackson Hole? Wo der Fed-Chef schon zweimal die große Geldmengenausweitung angekündigt hatte, das Quantitative Easing 1 und 2 (QE): 2009 startete er das erste Programm, in der turbulentesten Zeit der Finanzkrise. Und dann rief er im August 2010 das zweite aus, als Amerikas Wirtschaft sich zwar berappelt hatte, aber trotzdem nicht so recht in die Gänge kam. Prompt zogen jeweils die Aktienmärkte kräftig an. Noch bis 2008 galt das Aufkaufen von Staatsanleihen als wahre Verzweiflungstat von Notenbankern.

Nun denkt Bernanke schon über das dritte Kaufprogramm seit 2009 nach. Die Fed werde „bei Bedarf“ eine zusätzliche Konjunkturstütze bieten, sagte er am Freitagabend. Daher können die Anleger nun weiter spekulieren, wer am meisten profitieren würde, wenn die Fed Anleihen kaufen würde. Und ob die Folgen in Europa bei Käufen der EZB ähnlich wären.

„Helikopter-Ben“ hat schon 2 Billionen über Amerika abgeworfen

Ein Blick auf die bisherigen Kaufprogramme der Fed könnte Anhaltspunkte liefern. Was das QE-2-Programm von 2010 bisher auslöste, ist bekannt: Es beflügelte die Finanzmärkte ganz gewaltig. Der Kurs des amerikanischen Aktienindex S&P 500 kletterte in den Monaten nach Bernankes Ankündigung um rund 24 Prozent. Besonders profitierten die Aktien von Kohle- und Bergbaufirmen, Energie- und Metallunternehmen, die Halbleiterei und viele Kleinstunternehmen, die Small Caps. Auch Rohstoffwerte erlebten einen wahren Schub. So stieg der Silberpreis um 90 Prozent, das Industriemetall Kupfer gewann 30 Prozent, der Ölpreis auch. Selbst die bis dahin arg abgestraften Bankaktien legten zu, wenn auch zaghaft. So bewirkte die Geldmengenausweitung einen größeren Aufschwung.

Allerdings nur an den Börsen - und auch nur für kurze Zeit, wissen Marktbeobachter jetzt ebenfalls. Viele Kurse knickten schon Mitte 2011 wieder ein, als das QE-2-Programm endete. Weshalb Bernanke schon im September neue Milliardenhilfen auslobte. Mehr als zwei Billionen Dollar hat „Helikopter-Ben“ über Amerika abgeworfen. Zumindest die großen Aktienindizes wie der S&P 500 hielten ihre Gewinne bis heute.

Die Sparer wurden bei Leitzinsen von null Prozent zu Verlierern

Aber es gab auch Verlierer. Der massive Aufkauf von Staatsanleihen ließ den Wert des Dollar sinken. Der fiel nach QE 2 um zehn Prozent gegenüber dem Euro. Das stärkte zwar die amerikanischen Exporte, aber den erwarteten großen Boom der Wirtschaft löste das nicht aus. Die Arbeitslosigkeit reduzierte sich trotz des Milliardenprogramms nicht, dafür aber die Hauspreise, was vielen Immobilienbesitzern mit gewagten Kreditfinanzierungen noch schwer zu schaffen macht. „Die langfristigen Kreditzinsen dagegen sanken kaum“, stellt Finanzprofessor Arvind Krishnamurthy von der Kellogg School of Management fest. Das hatten sich die Notenbanker anders vorgestellt. Denn nur billige Kredite animieren das Volk zum Geldausgeben, was eine schwache Wirtschaft dringend braucht. Auch die Sparer wurden bei Leitzinsen von null Prozent zu Verlierern. Ihr Geldvermögen schmilzt nach Abzug der Inflation.

In Europa könnten die Kreditzinsen in den hochverschuldeten Südländern sinken, wenn die EZB abermals deren Staatsanleihen kauft. Schon die Ankündigung eines solchen Programms hat die Renditen zum Beispiel in Spanien und Italien deutlich gedrückt. Anleger könnten davon profitieren, indem sie genau solche Anleihen kaufen. EZB-Käufe würden aber den Eurokurs schwächen, der im Moment recht stabil ist. Bisher hat die EZB seit 2010 europäische Staatsanleihen für 211 Milliarden Euro gekauft. Von welchen Ländern, hält sie geheim.

Verglichen mit den 2 Billionen Dollar der Fed ist das aber Makulatur. In Amerika bewirkten die Fed-Käufe, dass die Renditen von Staatsanleihen teilweise um 0,15 Prozentpunkte sanken. Auch Firmen könnten sich bei einer Großintervention der Notenbanken billiger Geld leihen, was Investitionen erleichtern und damit das Wachstum stützen würde: Die Rendite von lang laufenden Unternehmensanleihen sank ebenfalls leicht während des QE 2 in Amerika. Allerdings fiel der Rückgang mit 0,02 bis 0,04 Prozentpunkte klein aus“, ermittelte Eric T. Swanson, Ökonom der Notenbank von San Francisco. Insgesamt halten Experten inzwischen etwas ernüchtert fest: „Die Geldmengenausweitung hatte so gut wie keinen Effekt auf die Realwirtschaft.“

Das erste „Quantitative Easing“ bewirkte mehr als das zweite

Dafür erlebten die Finanzmärkte einen Befreiungsschlag. Das erste Quantitative Easing bewirkte weit mehr als das zweite, denn QE 1 zielte deutlicher darauf ab, das Funktionieren der Banken und Kreditmärkte sicherzustellen. Das QE-2-Programm war auf die Stärkung der Wirtschaft angelegt und hat dieses Ziel klar verfehlt. Auch, weil viel Geld gar nicht erst in den amerikanischen Wirtschaftskreislauf gelangte, denn es floss in Absicherungswährungen wie Gold und Silber - oder gleich ins Ausland. Viele Wohlhabende verfrachteten Geld nach Asien, wo es kurzfristig die aufstrebenden Märkte belebte. Europäische Anleger würden es nicht anders machen.

Immerhin blieb der große Inflationsschub aus, den viele Kritiker befürchtet hatten. Es habe zwar nach QE 1 einen „substantiellen Anstieg“ der Inflationsrate gegeben, nach QE 2 aber nur einen „kaum messbaren“, vergleicht Krishnamurthy. Für alle Produkte mag das sein, doch schon im Mai 2011 musste auch Ben Bernanke feststellen, dass die Preise von Lebensmitteln und Energie sehr wohl geklettert waren. Und sie steigen weiter, inzwischen über die Zweiprozentmarke im Jahr hinaus, die Notenbanken für tolerabel halten. Selbst wenn Privatanleger also mit Aktien Gewinne abschöpfen konnten, konnten sie sich wegen der gestiegenen Lebenshaltungskosten wenig darüber freuen.

Auch deswegen zögert der Fed-Chef mit dem Versprechen, erneut Staatsanleihen zu kaufen. Erst recht, wo Amerika mit Dürrekatastrophen und steigenden Getreidepreisen kämpft. Gibt die Bevölkerung deutlich mehr fürs Essen aus, kurbelt das keine Wirtschaft an. Dann sparen die Leute woanders. Preissteigerungen könnten im Wahlkampfjahr zudem Obama-Herausforderer Mitt Romney beflügeln, der sich die Fed besser ohne Ben Bernanke vorstellen kann.

Größer ist aber die Sorge, eine weitere Blase an den Finanzmärkten aufzublähen, wenn alles Geld in Aktien, Rohstoffe oder Immobilien fließt. Wahres Wachstum, unterstreicht Bernanke jetzt, gibt es nur, wenn die gesamte Wirtschaft wächst. Das Kaninchen dafür muss er aber erst noch aus dem Hut zaubern.

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Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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