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Geldanlage : Wahrscheinlichkeitslehre für jedermann

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Wer sein Vermögen mehren will, muss Risiken eingehen, einerlei ob er Staatsanleihen kauft oder zum Pferderennen geht. Gute Entscheidungen trifft dabei nur, wer Wahrscheinlichkeiten richtig einschätzen kann. Andernfalls wird es richtig teuer.

          Herr Feess, mal unter uns: Wir sind uns doch einig, Frauen sind Angsthasen und wir Männer die riskanten Draufgänger, oder?

          Unsere Forschung beweist das nicht. Frauen haben nicht mehr Angst vor Risiken als Männer.

          Das glaube ich nicht. Die Damen sind doch immer so vorsichtig.

          Sie agieren tatsächlich vorsichtiger. Das liegt aber eher nicht daran, dass sie mehr Angst vor etwas haben. Sondern daran, dass Frauen Wahrscheinlichkeiten anders einschätzen. Vor allem überschätzen sie kleine Wahrscheinlichkeiten stark.

          Unser Interviewpartner Eberhard Feess ist Professor an der Frankfurt School of Finance. Er forscht über Risiko und Wahrscheinlichkeiten.

          Haben Sie ein Beispiel dafür?

          Wir haben das anhand des Marktes für Sportwetten nachgewiesen, weil wir dafür einen weltweit einmaligen Datensatz mit Millionen tatsächlich gespielter Wetten vorliegen hatten. Außerhalb der Wetten ist das nicht bewiesen, aber es gibt Auffälligkeiten: Wer will lieber noch eine halbe Stunde früher zum Flughafen, die Frau oder der Mann? Meistens die Frau. Weil sie die sehr kleine Wahrscheinlichkeit, das Flugzeug zu verpassen, höher einschätzt als der Mann. Damit könnte sie viel Lebenszeit durch unnötige Warterei verlieren. Denn würde sie die Wahrscheinlichkeit genauso bewerten wie der Mann, würde sie wohl nicht früher losfahren.

          Und warum schätzt die Frau die Wahrscheinlichkeit anders ein? Weil sie von Natur aus ängstlicher ist, oder?

          Das wurde bisher nicht erforscht. Aber man muss unterscheiden: Die Frage, wie viel Risiko man eingeht, ist Ansichtssache. Da gibt es kein richtig oder falsch. Aber bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten kann man Fehler machen.

          Warum ist diese Unterscheidung wichtig?

          Fehlerhafte Einschätzungen von Wahrscheinlichkeiten kosten bares Geld. Wenn Frauen ihr Geld lieber in Bundesanleihen statt in Aktien anlegen würden, weil sie weniger Risiko eingehen wollen, dann wäre das natürlich in Ordnung. Problematisch ist es, wenn sie das tun, weil sie Verlustwahrscheinlichkeiten – in diesem Fall von Aktien – überschätzen. Dann lassen sie sich Einnahmen entgehen. Wie bei Sportwetten: Frauen setzen stärker auf Außenseiter als Männer. Denn sie überschätzen kleine Wahrscheinlichkeiten: Sie glauben stärker, dass der Außenseiter gewinnt, vor allem aber, dass der Favorit verliert. Da die Wettquoten zu Lasten der Außenseiter verzerrt sind, verlieren Frauen bei Wetten mehr Geld als Männer.

          Männer sind die besseren Wetter, wer hätte das gedacht! Aber warum sind die Quoten so verzerrt?

          Weil alle gerne auf die Außenseiter setzen, denn sie erhoffen sich den großen Gewinn. Dort gibt es schließlich für den Einsatz die höchste Rückzahlung. Aber die kleinen Chancen werden überschätzt, und je mehr darauf setzen, desto geringer fällt der Gewinn aus, wenn die Wette aufgeht.

          Kann man sich diese Anomalie zunutze machen?

          Ganz banal: Setzen Sie auf den Favoriten. Langfristig verdienen Sie dort mit mehreren kleinen Gewinnen mehr als mit dem einmaligen großen Hauptgewinn, wenn mal der Außenseiter vorne liegt.

          Wie langweilig! Gibt es noch andere Auffälligkeiten bei Sportwetten, die man ausnutzen kann?

          Nehmen Sie das Elfmeterschießen im Fußball: Das verliert öfter die Mannschaft, die während der regulären Spielzeit das bessere Team war. Wahrscheinlich, weil es so enttäuscht ist, seine vielen Torchancen nicht genutzt zu haben. Das bedenken aber wenige, wenn sie auf den Sieger tippen. Oder denken Sie an italienische Fußballmannschaften. In Deutschland glauben alle, die schießen wenig Tore und kriegen auch nie welche, weil sie ihre Abwehr zubetonieren. Die Ergebnisse belegen das aber nicht. Wer also mal auf viele Tore in Spielen mit Italienern setzt, kann überdurchschnittlich viel gewinnen. Auch osteuropäische Mannschaften werden immer noch unterschätzt.

          Expertenwissen zahlt sich also doch aus.

          Ja, obwohl Fachleute immer sagen, das stimmt nicht. Wir wetten am Lehrstuhl regelmäßig und versuchen, diese Anomalien auszunutzen. Wir schlagen damit den Markt, was aber nicht immer für positive Gewinne reicht, weil die Provisionen der Buchmacher hoch sind. Die Allgemeinheit in unserem Datensatz verliert hingegen acht Prozent, wenn sie nur auf Favoriten setzt, und 16 Prozent, wenn sie nur auf Außenseiter tippt. Da Männer mehr auf Favoriten tippen, verlieren sie nur zehn Prozent im Schnitt, Frauen aber 13 Prozent. Je nach Sportart können es aber auch bis zu minus 18 Prozent sein.

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