24.02.2008 · Die Banken geraten ins Visier der Fahnder. Seit Jahren bieten sie Beratung an, wie man Geld am Fiskus vorbeischleust. Mittelständler, Handwerker, Gastronomen - kaum eine Berufsgruppe fehlt in den Statistiken der Steuerflüchtlinge.
Von Georg Meck und Christian SiedenbiedelDie Unterhaltung spielt sich auf jedem besseren Tennisplatz ab: „Luxemburg oder Liechtenstein? Schweiz oder Österreich? Wo liegt das Geld sicherer?“ In manchen Kreisen, gewiss nicht nur unter den jetzt angeprangerten Managern, gehört Steuerflucht zum Volkssport. „Angesehene Bürger, die nie auf die Idee kämen, einen Apfel vom Nachbarbaum zu stehlen, verstecken ihr Geld im Ausland und brüsten sich auch noch damit“, berichtet CSU-Chef Erwin Huber vom gehobenen bayerischen Stammtisch.
Mittelständler, Handwerker, Gastronomen – kaum eine Berufsgruppe fehlt in den Statistiken der Steuerflüchtlinge. Mal wurde das verfrachtete Vermögen rechtmäßig erworben und versteuert, mal schwarz erwirtschaftet. Oft sind es ältere Menschen, die ihr Erspartes ins Ausland getragen haben, berichten Mitarbeiter von Banken. Die Motive dafür sind vielfältig: Sie wollen die Zinsen auf ihr Vermögen nicht versteuern, das Erbe vor dem Fiskus schützen oder vorsorgen für den Fall, dass ihre Firma in stürmische Zeiten gerät. Zunächst ist an dem Konto im Ausland nichts Unanständiges (sofern das Geld aus legalen Quellen stammt), das erklären die Bankberater ihren Kunden augenzwinkernd: „Und ob Sie die Zinsen dann zu Hause in Ihrer Steuererklärung angeben, ist Ihre Sache.“
Mit Wohltätigkeit hatte das nie etwas zu tun
Als besonders sichere Variante haben sie seit Jahren eine Stiftung in Liechtenstein gepriesen. Mit Wohltätigkeit hatte das nie etwas zu tun, immer ging es darum, keine Steuern zu zahlen und für den deutschen Fiskus dank der anonymen Konstruktion mit einem Treuhänder jede Spur zu verwischen. Und zur Gründung braucht es nicht einmal Millionen.
Ein Teil der Steuerflüchterkonten, die jetzt im Visier der Fahnder stehen, wird direkt in Liechtenstein geführt. „Ein Teil aber auch bei deutschen Banken“, sagt Jan Olaf Leisner, Anwalt vieler Steuersünder in München. „Das Geld verlässt Deutschland dann physisch gar nicht.“ Nach Liechtenstein müssen die Kunden nur einmal, ganz am Anfang. Sie besuchen einen Treuhänder und richten eine Stiftung ein. Danach bucht die deutsche Bank das Geld vom Konto ihres Kunden in Deutschland auf die Stiftung in Liechtenstein. „Um die Herkunft zu verschleiern, läuft die Buchung über Sammelkonten – nur ein Code verrät, welches Geld woher kommt“, sagt Leisner. Als die Steuerfahnder vorige Woche in vielen Banken zwischen Rostock und München zuschlugen, nahmen sie deshalb nicht nur Listen mit Kontobewegungen mit. Ihr besonderes Interesse galt den „Gift-Mappen“, wie die Fahnder sagen. Die verraten, welche Buchung zu welchem Mensch gehört.
Quellensteuer bringt Boom nach Luxemburg
Zu gern sind die Banken seit jeher behilflich, wenn es darum geht, die „Steuerlast zu optimieren“, wie sie ihre Leistungen anpreisen. Schon als Gerhard Stoltenberg 1989 die Quellensteuer auf Kapitalerträge einführte, provozierte er damit eine Flucht nach Luxemburg. Schnell bezogen deutsche Banken dort geräumige Büros in vorzeigbarer Lage. Bald machten sie knapp ein Drittel des Finanzplatzes Luxemburg aus, wie die Wirtschaftsprüfer von KPMG in einer Studie feststellten.
Der Andrang in Luxemburg war enorm. Das war wie im wilden Westen, erinnern sich Banker. Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen nörgelte, der Ansturm in Luxemburg sei ja erfreulich. Aber langsam werde es in der Dependance der Bank dort einfach „räumlich zu eng“. Andere deutsche Banken richteten am Luxemburger Flughafen provisorische Schalter ein, „richtige Bretterbuden“, wie die Banker erzählen, um all das eingeschleuste Geld annehmen zu können.
Hunderte ertappt
So manchem Kunden freilich ist die Überweisung nach Luxemburg schlecht bekommen: Nach einer Razzia in der DG Bank im Jahr 1997 ertappte der Staat Hunderte von Steuerflüchtlingen. Ähnliche Aktionen erlebten Commerzbank, Dresdner und Deutsche Bank. Luxemburg hat darunter gelitten. Die Branche der Steuervermeider nicht. Das Geld deutscher Privatanleger half, Prachtbauten von ehemaligen Dorfbanken zu finanzieren, etwa in den österreichischen Skidörfern im Kleinen Walsertal, einer alpinen Oase.
Die deutschen Banken verdienten immer mit. So eröffneten sogar kleine bayerische Volksbanken eigene Filialen in Österreich, als dem Fiskus in Deutschland Anfang 2005 das „Ausspähen“ von Konten erlaubt wurde. Die deutschen Banken wollten den Wettbewerbern aus Österreich, die zu Werbetouren durch Deutschland aufbrachen, das Geschäft nicht allein überlassen. Von Dezember 2004 bis Januar 2006 brachten deutsche Sparer 434 Millionen Euro von Konten der bayerischen Volksbanken über die Grenze, vor allem nach Österreich. Offiziell hieß es, weil das Bankgeheimnis dort besser geschützt sei. Tatsächlich ging es oft um Steuern.
Offensive Werbung für exotische Finanzplätze
Deutsche Banken scheuten sich nicht, auch ganz offensiv für exotische Finanzplätze zu werben. „Kluge Anleger steuern jetzt Gibraltar an“, lockte etwa die Commerzbank Mitte der neunziger Jahre. Mit Erfolg: Drei Jahre nach der Eröffnung einer Niederlassung im britischen Überseegebiet (Wappenspruch: Keinem Feind eroberbar) rannten vor allem Deutsche den Commerzbankern die Türen ein.
Ganz handfeste Tipps zur Steuerflucht gab ein Anlageberater in Köln 2004 vor 500 Zuhörern im Saal eines Nobelhotels. „Bloß nicht mit dem eigenen Auto ins Ausland fahren.“ Was wäre, wenn ein unterbezahlter Wächter im Parkhaus das Nummernschild notiert? Schon könnte das deutsche Finanzamt Bescheid wissen. Wichtig sei auch, ans Handy zu denken: Bloß das eigene nicht aktivieren, denn auf der Rechnung stehen am Monatsende auch die Auslandsverbindungen. „Und schwups klingelt das Finanzamt.“ Lieber solle man eine anonyme Prepaid-Karte für solche Einsätze kaufen.
Später wurden die Banken bei der Werbung vorsichtiger – in der Beratung gab es trotzdem weiter Tipps für Steuerflüchtlinge. Die Bankchefs mussten aber vermeiden, dass diese Beratung nach „System“ aussah und sie mit dran waren. „Die Verantwortung wurde auf die Mitarbeiter abgewälzt“, klagt ein ehemaliger Berater der Commerzbank. „Die Mitarbeiter im Vertrieb stehen wahnsinnig unter Druck, Umsatz ist alles.“ Eigentlich dürfen die Banken in Steuerfragen zwar nicht beraten. Aber für viele vermögende Privatkunden ist genau das die wichtigste Frage im Beratungsgespräch. Wer will da Kunden an die Konkurrenz verlieren?
Tür an Tür mit der Konkurrenz
Zumal Banken aus den Steueroasen längst Tür an Tür mit deutschen Banken konkurrieren. So eröffnete die Liechtensteiner LGT am Bankenplatz Frankfurt eine Niederlassung in einer schmucken Villa am Main. „Investieren wie der Fürst“ steht über ihrem Werbeprospekt. Dazu bekommen Kunden eine Liste mit Niederlassungen, die sich liest wie das Who-is-Who der Steueroasen: von Liechtenstein, Österreich und der Schweiz über die Cayman Islands und die British Virgin Islands bis hin nach Singapur reicht das Netz.
Auch Schweizer Banken verwalten Milliarden von deutschen Sparern, die in keiner Steuererklärung auftauchen. Intensiv kümmern sich die Eidgenossen um diese Klientel, Hausbesuche hierzulande inklusive, wenn die Kundschaft den Weg zum Nummernkonto nach Zürich scheut.
Groß ist nach der Zumwinkel-Razzia die Furcht in den einschlägigen Kreisen aufzufliegen, erzählen Steuerberater. Und die Angestellten der Banken in den vermeintlichen Oasen bekommen in diesen Tagen vor allem eine Frage gestellt: „Ist so etwas wie in Liechtenstein auch denkbar? Könnt ihr garantieren, dass bei euch keine kriminellen Mitarbeiter Daten an den deutschen Staat verkaufen?“ Die Antwort darauf ist entwaffnend enttäuschend. „Nein, Datendiebstahl ist nie hundertprozentig auszuschließen“, sagt ein Manager in Diensten einer Schweizer Privatbank.
Als Versprechen für ein wenig mehr Sicherheit empfehlen die Banker der verstörten Klientel jetzt, das Geld außerhalb Europas zu schaffen: Dubai ist beliebt, auch in Singapur hat sich eine beachtlich dichtes Filialnetz westlicher Banken etabliert. In Bankenkreisen ist die Rede von „stark anschwellenden Geldströmen“ in jene Richtung in jüngster Zeit.
Es ist Wahlkampf!
Peter Schumacher (peter)
- 23.02.2008, 22:29 Uhr
Steuerflucht
maren ostermeyer (famostermeyer)
- 24.02.2008, 14:25 Uhr
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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