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Kommentar zum Sparen : Anlegen wie die Großen

Trotz Minizinsen: Knapp 40 Prozent des Ersparten liegen auf Giro- und Tagesgeldkonten. Bild: dpa

Da die Deutschen ihr Geld auf dem Sparkonto liegen lassen, verzichten sie auf Milliarden. Dabei zeigen zahlreiche Vorbilder, wie Vermögen geschickt angelegt werden kann.

          Die Deutschen haben Geld, viel Geld. Ihr Vermögen beläuft sich auf 5,68 Billionen Euro. Das heißt: Im Schnitt besitzt jeder Bundesbürger vom Kleinkind bis zum Rentner rund 70000 Euro. Darin eingerechnet sind nicht einmal etwaiges Immobilienvermögen oder Ansprüche an die Rentenversicherung. Geld, das man gut anlegen könnte. Doch Jahr für Jahr verschenken die Deutschen auch Geld. Denn laut Bundesbank liegen knapp 40 Prozent des Ersparten auf Giro- und Tagesgeldkonten. Hier gibt es nur Minizinsen, die von der Inflation direkt wieder gefressen werden. Erträge von 20 bis 30 Milliarden Euro werden auf der Straße liegengelassen.

          Über die Gründe, warum die Deutschen so ungern anlegen, wird viel spekuliert. Vielen Deutschen wurde das Sparen schon in die Wiege gelegt: Jeder dritte Deutsche spart, weil er es so gelernt hat. Dies ergab eine Postbank-Umfrage. Aber offensichtlich wird das in der Schule nicht richtig gelehrt, ein eigenes Schulfach „Finanzen“ existiert nicht. Das führt dazu, dass die Finanzbildung entsprechend schlecht ist. Eine Bestätigung liefert eine Studie der Allianz. Sie stellte 1000 Menschen in zehn europäischen Ländern Fragen zur Finanzbildung, zum Beispiel: „Sie erhalten 1 Prozent Zinsen auf Ihrem Konto bei einer Inflation von 2 Prozent. Können Sie nach einem Jahr mehr, weniger oder gleich viel von Ihrem Geld kaufen?“

          Kaum Verständnis für das Prinzip von Risiko

          Knapp 63 Prozent beantworten die Fragen zum Basis-Finanzwissen richtig, aber lediglich 19 Prozent verstehen das Prinzip von Risiko richtig. Hier ging es etwa um Diversifikation, um die Streuung des eigenen Depots: Sollte man besser nur auf einen Index setzen oder doch besser auf mehrere (richtig!)? Die Ergebnisse decken sich mit früheren Befragungen in Deutschland, wie die von Hans-Jürgen Schlösser von der Universität Siegen: Beim Sparen haben viele noch gute Kenntnisse, doch sobald es um Schulden, Versicherungen, Geldpolitik oder Steuern geht, herrscht großes Unwissen.

          Vielleicht mangelt es einfach nur an Vorbildern. Doch diese gibt es zahlreich, und es muss nicht immer der legendäre Warren Buffett sein. In einer neuen Serie „Anlegen wie die Großen“ will die Finanzredaktion der F.A.Z. zeigen, was Großanleger mit ihrem Geld machen, zum Beispiel der norwegische Staatsfonds, der sein Geld zu 70 Prozent in Aktien von 9000 verschiedenen Unternehmen anlegt. Oder die Universität Harvard, die in fast allen denkbaren Vermögensklassen vertreten ist und auf diese Weise im Niedrigstzinsumfeld eine Rendite von 8,1 Prozent im Vorjahr erwirtschaftete. Die Modelle sind breit gefächert. Vielleicht sind sie ein kleiner Anstoß, selbst ein Depot zu eröffnen und nach dem Vorbild eines Großen sein Geld anzulegen.

          Langfristig steigen die Aktienkurse immer

          Wie sinnvoll es ist, sein Geld zum Beispiel in einem börsengehandelten Indexfonds anzulegen, der den Dax abbildet, soll folgende Rechnung verdeutlichen: Hätte man im März 2009, als der Dax seinen Tiefpunkt im Zuge der Finanzkrise erreichte, 10000 Euro angelegt, wären es heute rund 43000 Euro. Das entspricht einer jährlichen Rendite von fast 20 Prozent! Nun mag man einwenden, dass man einen so günstigen Zeitpunkt nicht immer finden mag. Das stimmt, aber man sollte nicht vergessen: Langfristig steigen die Aktienkurse immer.

          Das illustriert ein anderes Rechenbeispiel. Ein falscher Zeitpunkt zum Einstieg war der Beginn des Jahres 2000, als die Börsenblase platzte, doch selbst dann hätte man eine durchschnittliche jährliche Rendite von rund drei Prozent erwirtschaftet, indem man seinen Aktienfonds auf den Dax einfach nur gehalten hätte. Statt 10000 Euro besäße man nun zumindest knapp 16500 Euro. Dieses Geld allein über die Zinsen auf Tagesgeld über so einen langen Zeitraum zu erwirtschaften, darf man als ausgeschlossen sehen.

          Die Strategie sollte zur Lebenslage passen

          Wer anlegen will, sollte die üblichen Regeln beachten. Zuerst die Risiken in Form von Versicherungen absichern, danach drei Nettogehälter auf dem Konto halten für Notfälle, ob eine kaputte Waschmaschine oder die Autoreparatur, und dann kann es mit Anlegen schon losgehen.

          Was kann man von den Großen nun lernen? Viele haben hohe Aktienquoten, da sie für sehr lange Zeiträume planen. Aber die eigene Anlagestrategie sollte auch zur persönlichen Lebenslage passen. Wer regelmäßige Auszahlungen benötigt, sollte nicht unbedingt auf eine zu hohe Aktienquote setzen, da die Kurse nun einmal schwanken.

          Wer nun verzweifelt, weil er nicht weiß, wie viel er auf welchem Weg für das Alter zurücklegen soll, dem sei gesagt: halb so wild. Selbst Nobelpreisgewinnern fällt das schwer. So sagte der frischgekürte Wirtschaftsnobelpreisträger Richard H. Thaler erst kürzlich in einem Interview: „Ich bin, wie alle anderen Menschen auch, nicht fähig, den heutigen Wert meiner künftigen Einnahmen auszurechnen und daraus abzuleiten, wie viel ich für meine Pensionierung auf die Seite legen muss, um bei meiner unbekannten Lebenserwartung meinen Lebensabend zu genießen.“ Da kann ein Vorbild vielleicht helfen.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

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