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Gehälter Der Wettbewerb hilft den Frauen

14.08.2007 ·  Frauen verdienen rund 15 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Warum? Ökonomen begeben sich auf dünnes Eis, wenn sie mit ihren Theorien versuchen, die Ungleichheit zu erklären. Drei Wissenschaftler haben es nun mit einer empirischen Studie probiert - mit erstaunlichen Ergebnissen.

Von Werner Mussler
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Am generellen empirischen Befund ist nicht zu rütteln: Im Durchschnitt werden Frauen deutlich schlechter bezahlt als Männer. So verdienen nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Europäischen Kommission Frauen in der Europäischen Union (EU) heute je Arbeitsstunde etwa 15 Prozent weniger als Männer, in Deutschland ist das Gefälle mit 22 Prozent noch größer. Untersuchungen der Bundesregierung kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Welche Gründe hat diese Ungleichbehandlung? Was lässt sich dagegen tun? Ökonomen begeben sich auf dünnes Eis, wenn sie mit ihren dürren Theorien zu zeigen versuchen, dass die Ungleichheit ökonomisch erklärbar ist - und dass nicht immer die nächstliegenden Therapien die geeignetsten zum Abbau der Ungleichbehandlung sind.

In einer ökonomisch heilen Welt richtet sich die Entlohnung nach dem Humankapital des Arbeitnehmers, das sich in dessen marginaler Arbeitsproduktivität ausdrückt. In diese gehen Berufserfahrung, Aus- und Weiterbildung ein. Je höher die Produktivität, desto höher die Entlohnung. Aus dieser Überlegung resultiert die erste mögliche Ursache der schlechteren Entlohnung von Frauen: Weil sie in der Regel erziehungsbedingt in ihrem Beruf aussetzen, bleibt ihre marginale Arbeitsproduktivität im Zeitablauf hinter der der Männer zurück. Zur Beseitigung dieses Nachteils hat der EU-Beschäftigungskommissar Vladimir Spidla augenzwinkernd ins Gespräch gebracht, Väter zum Vaterschaftsurlaub zu zwingen.

Männer haben „Geschmack für Diskriminierung“

Der zweite Grund für die Ungleichheit lässt sich anhand der von Spidla kürzlich geäußerten rhetorischen Frage illustrieren, warum Kindermädchen weniger verdienen müssten als Automechaniker. Die naheliegende Antwort lautet, dass die Arbeit des Mechanikers offenbar stärker nachgefragt und deshalb besser entlohnt wird. Solange Mechanikerinnen nicht systematisch schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen, ist kein Problem erkennbar. Kritiker dieser „ökonomistischen“ Antwort werden einwenden, Frauen würden grundsätzlich in schlechter bezahlte Berufe gedrängt, der Arbeitsmarkt sei mithin in Frauen- und Männerberufe segmentiert. Stimmt das, dann sollte dieser Segmentierung wohl schnellstmöglich der Garaus gemacht werden, sollten die einzelnen Berufsbilder möglichst offen für jedermann und jedefrau sein.

Der dritte Grund hat damit zu tun, dass Männer mehrheitlich über Frauenkarrieren entscheiden und Frauen oft direkt diskriminieren. So ähnlich hat das der spätere Nobelpreisträger Gary Becker schon 1957 formuliert: Die (männlichen) Arbeitgeber hätten einen „Geschmack für Diskriminierung“ und maximierten nicht den Gewinn ihres Unternehmens, sondern ihren eigenen Nutzen, indem sie Männer einstellten und diese überdurchschnittlich gut bezahlten. Diese „Lohndiskriminierung“ funktioniere aber nur, so Becker, wenn auf den Güter- und Arbeitsmärkten, auf denen die betreffenden Unternehmen agierten, wenig Wettbewerb herrsche. Denn nur die Arbeitgeber, die dem Wettbewerb kaum ausgeliefert seien, könnten es sich leisten, ihre Arbeitnehmer nach anderen als nach strikt ökonomischen Kriterien zu entlohnen. Nur sie können es sich herausnehmen, Männer bevorzugt zu behandeln und sie (bei gleicher Arbeit) besser zu bezahlen als Frauen. Wettbewerb mache solche Diskriminierung unmöglich.

„Genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte“

Die Linzer Ökonomen Martina Zweimüller, Doris Weichselbaumer und Rudolf Winter-Ebmer haben jetzt in einer vergleichenden Studie umfangreiche empirische Belege für Beckers These zusammengetragen. Ihre Kernaussage lautet: Je mehr Wettbewerb in einem Land herrscht, desto geringer ist dort das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen. Als Maß für die Wettbewerbsverhältnisse ziehen die drei Autoren den „Economic Freedom of the World Report“ heran, den das kanadische Fraser Institute jährlich veröffentlicht. In den von dem Institut ermittelten Freiheitsindex gehen 38 Komponenten ein, welche den Staatseinfluss auf die Wirtschaft, die Rechtsstaatlichkeit und die Sicherung der Eigentumsrechte, die Währungsstabilität, die Außenhandelsfreiheit und die Regulierungsdichte erfassen.

Zweimüller, Weichselbaumer und Winter-Ebmer haben die Ergebnisse sämtlicher Studien zu geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden zwischen 1963 und 1997 in 62 Ländern aufbereitet und diese in Beziehung zu den am Freiheitsindex gemessenen Wettbewerbsverhältnissen in diesen Ländern gesetzt. Diese Makro-Untersuchung bringt ähnliche Ergebnisse wie eine zweite Analyse, die auf sozialwissenschaftlichen Mikrodaten für 31 Länder basiert, die ihrerseits auf Einzelbefragungen basieren: Je höher die Wettbewerbsintensität, desto geringer die geschlechtsspezifische Lohnlücke. Vor allem die Offenheit der Güter- und Faktormärkte und eine weitgehende Deregulierung fördern den Abbau der Lohndiskriminierung. Ob Wettbewerb die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen vollständig beseitige, sei empirisch nicht überprüfbar, schreiben die österreichischen Ökonomen.

Wie auch immer: Für zwei der drei geschilderten Ursachen der Diskriminierung - die Segmentierung des Arbeitsmarkts und die Tatsache, dass Männer über Frauenkarrieren entscheiden - ist Wettbewerb offenbar die geeignete Therapie. Dieser ist, so hat es der Ordoliberale Franz Böhm formuliert, das "genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte". Manchem Mann steht diese Erfahrung möglicherweise noch bevor.

Gary S. Becker: The Economics of Discrimination, Chicago 1957

Martina Zweimüller, Doris Weichselbaumer, Rudolf Winter-Ebmer: Market Orientation and Gender Wage Gaps: An International Study, Juli 2007.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.08.2007, Nr. 32 / Seite 34
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Jahrgang 1966, Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

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