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Gefährliche Selbstbespiegelung : Was das Smartphone mit uns macht

Mitten in der Netzgesellschaft Bild: dpa

Es bringt unser Leben zum Leuchten, jeder wird zum Regisseur und spinnt sich sein Netz der Anerkennung. Über die Psychologie einer großen Illusion.

          Als der Philosoph Gernot Böhme vor einigen Wochen mit seiner Enkelin, vierzehn, in einem Café saß, zückte diese ihr Smartphone und fotografierte sich, ihren Opa und das Tortenstück. „Sitze mit Opa und esse Torte.“ Das oder etwas sehr Ähnliches, meint sich Böhme zu erinnern, schrieb sie und schickte die Nachricht an ihre Freunde und Follower.

          Hannah Bethke
          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Gernot Böhme, der im kommenden Jahr achtzig wird und lange an der Universität Darmstadt gelehrt hat, gab das zu denken. Was soll das? Was hat es zu bedeuten, dass Banalitäten des Alltags zur Nachricht werden? Es ist nicht zehn Jahre her, da lachte man noch über die japanischen Touristen, die sich vor Tellern voll Sauerkraut fotografierten. Jetzt isst offenbar überhaupt niemand mehr Sauerkraut, ohne das für die Mit- und Nachwelt zu dokumentieren. Wir sind alle so geworden wie die seltsamsten Japaner, und es fällt kaum mehr jemandem auf.

          Die Netzgesellschaft und ihre Zwänge

          Wir besuchen Autoren, die darüber nachgedacht oder selbst miterlebt haben, was es mit uns macht, dass wir mit dem Smartphone verwachsen sind und permanent mit Bildern überflutet werden. Böhme sagt, es seien „Zwänge der Netzgesellschaft“ entstanden, etwa der Zwang zur ständigen Mitteilung. Das sei begründet im Wunsch nach Zugehörigkeit. Meine Torte, mein Opa - Daumen hoch, Daumen runter, dafür siebzehn Likes, Sternchen oder Herzchen, immer wieder, immer mehr: Die sozialen Medien führten dazu, dass Zugehörigkeit ständig aktualisiert werden muss.

          „Es geht um das Bedürfnis nach Gesehenwerden“, sagt Böhme. Dieses Bedürfnis beflügele eine riesige „Industrie der Verbildlichung“, wie Böhme mit dem Philosophen Walter Benjamin sagt, der lange vor dem Smartphonezeitalter lebte: Apple, Samsung, Facebook - oder Snapchat, die Bilder-App, die aus Sicht des Marktes schon in etwa so wertvoll ist wie die Deutsche Bank, rund zwanzig Milliarden Euro.

          Lebenswichtige Bilder

          Die Bilder werden, wie Böhme auch in seinem neuesten Buch „Ästhetischer Kapitalismus“ erläutert, für uns lebenswichtig, denn sie würden für uns zum Beleg dafür, dass wir existieren. Viele Bilder, viel Leben. Das verändert unsere Beziehungen mit anderen radikal: Aus dem „Ich bin, weil mich der andere anerkennt“, wird laut Gernot Böhme ein: „Ich bin, weil mich der andere sieht.“

          Womöglich liegt in dieser Feststellung der Kern eines kulturellen Wandels, zu dem das Smartphone und die sozialen Medien führen. Oder geht es um etwas anderes? Handelt es sich hier um eine neue Form der Sucht, die einen neuen Markt schafft und sich damit in übliche ökonomische Prozesse integriert, ohne revolutionär zu sein? Aber was bedeutet denn überhaupt Sucht? Geht es um eine Sucht nach Bildern, die ein ständiges Gesehenwerden ermöglichen?

          Soziale Medien veranschaulichen die Verwobenheit von öffentlicher Kommunikation, Identität und Ökonomie. Wenn wir etwas auf unserem privaten Facebook- oder Twitter-Account posten, betrifft es uns selbst. Wir identifizieren uns - mal mehr, mal weniger - mit dem, was wir teilen, und vor allem mit den Reaktionen, die unsere Beiträge hervorrufen. Sie weben das Netz der Anerkennung, auf die wir uns in bisher nie gekanntem Ausmaß angewiesen fühlen. Es reicht nicht bloß eine Bestätigung, ein „Like“, ein Kompliment. Wir verlangen danach wieder und wieder. Das Ziel: Mehr. Mehr Erfolg, mehr Ansehen, mehr Follower.

          Wozu führt das? Was macht es mit unserer Freiheit? Mit uns selbst? Der Medienpsychologe Daniel Salber von der Business School in Berlin meint: „In den sozialen Netzwerken befinden wir uns in einer ständigen Welt der Selbstbespiegelung.“ Als ausgebildeter Psychotherapeut treibt ihn die Frage um, wie Medien auf die Menschen wirken. „Sozial“ sei an Kommunikationsformen wie Facebook oder Twitter eigentlich gar nichts: „Wie bei einem Narzissten wird immer nur das eigene befruchtet.“

          Der nahe Spiegel

          Der ständige Blick in den Spiegel der eigenen Follower hat noch andere Folgen. Nie war die Verlockung so groß, jeder Kritik, jedem skeptischen oder ablehnenden Blick, jeder Abwertung des Gegenübers zu entgehen. Im Zweifelsfall blockiert man den anderen. Höchstes Ziel in dieser virtuellen Welt sei es, sagt Daniel Salber, soziale Beziehungen zu kontrollieren und zu maximieren. Das erkläre etwa auch, warum wir dem schriftlichen Austausch oftmals den Vorzug gegenüber dem mündlichen geben: Wir haben dadurch mehr Kontrolle über unsere Kommunikation.

          Die Dating-App Tinder ist für diese Verschränkung von Narzissmus und Wettbewerbsideologie vielleicht das anschaulichste Beispiel. Mittels einfacher Wisch-Gesten können wir dort Menschen favorisieren und aussortieren - und zwar schon, bevor wir sie überhaupt real kennengelernt haben. Wir müssen nicht die Mühe auf uns nehmen, selbst nach Menschen Ausschau zu halten, die unser Interesse wecken könnten, weil wir bequem und ohne Anstrengung abwarten können, welche Vorschläge Tinder in Verknüpfung mit Facebook macht. Weil wir schon im Vorfeld eine so genaue Auswahl treffen, reduzieren wir die Gefahr, zu scheitern. Tinder ermöglicht maximale Kontrolle über die Beziehungen, das ist zumindest das Versprechen.

          Alleinsein ist nicht mehr vorgesehen

          Die Realität aber sieht oftmals anders aus: Neben ständiger Ablenkung und dem kollektiven Zwang zur Anpassung erzeugten soziale Medien einen Performance-Druck, erläutert Daniel Salber. Unser Leben darf keine Tiefpunkte mehr haben, keine Verstimmungen, Brüche oder Phasen des Alleinseins. Dieses Ausklammern der sozialen und psychischen Realität, ohne das die perfekte Selbstinszenierung nicht möglich ist, schlage dann in Form plötzlicher psychischer Einbrüche zurück.

          Im Gespräch wirkt Gernot Böhme hochkonzentriert. Er überlegt lange, bevor er antwortet. Man merkt, dass es ihm nicht leichtfällt, sich darauf einzulassen.Wir führen ein echtes Gespräch in der realen Welt. Wie aber verläuft eine Unterhaltung im virtuellen, im verbildlichten Raum? Da ist alles bequemer, doch oft auch krawalliger, hitziger und herzloser. Statt sich auf das Gegenüber einzulassen, lässt es sich bequem wegschubsen.

          Alles Oberfläche

          Gernot Böhme spricht von einer „Verwandlung in Oberfläche“. Und davon, was dabei alles verlorengehen mag: Eindrücke, Erinnerungen, Gerüche, Atmosphären, Heimat. Es entstünden neue Einsamkeiten. Nach Einschätzung von Daniel Salber suggerieren Netzwerke wie Whatsapp zwar, eine Waffe gegen das Gefühl der Einsamkeit zu sein. Doch der Schein kann trügen: Wenn die virtuellen gegenüber realen Kontakten überwiegen, gingen Nutzer in die Isolation. Soziale Medien hätten eine Ventilfunktion für das Gefühl der Einsamkeit, in deren Folge Aktivitäten außerhalb der digitalen Welt weiter abnähmen.

          Die mobilen Geräte ermöglichen eine grenzenlose Ausweitung der sozialen Netzwerke. Alles ist in jedem Moment allen mitteilbar. Wir lernen von Wikipedia, dass die sozialen Medien „die Demokratisierung von Wissen und Informationen unterstützen und den Benutzer von einem Konsumenten zu einem Produzenten entwickeln“ sollen. Eine andere Sicht auf dieses Aktivierungs-Versprechen formuliert der spanische Soziologe César Rendueles, der beschreibt, wie das Internet zu einer „Erosion sozialer Bindungen“ geführt habe und in einen Zustand der „Soziophobie“ gemündet sei. Freiheit oder Zwang? Fortschritt oder Regression? Mehr Teilhabe oder schleichende Manipulation?

          Bedrohte Phantasie

          Die Bilder, die von ihren Freundinnen bei Whatsapp täglich auf sie einprasseln, seien eine „Beschränkung der Freiheit“, schrieb die Schweizer Autorin Claudia Mäder kürzlich in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Das klang nach einer großen These, war aber ganz einfach gemeint: Sie wolle sich lieber einen schönen Garten vorstellen, als Bilder von kümmerlichen Pflänzchen zu sehen, und auch auf die Impressionen von kaffeetrinkenden Freundinnen oder bergsteigenden Kollegen auf weißen Gipfeln könne sie verzichten. All diese Bilder empfindet sie als „Eindringlinge in die Sphäre der mentalen Imagination“.

          Daniel Salber erkennt in dem Prozess der Entwirklichung, den die sozialen Netzwerke mit sich bringen, eine Strukturanalogie zur Spekulationsblase der Finanzkrise von 2008. Der Wunsch, ohne Aufwand reich und glücklich zu werden, werde durch die Struktur der sozialen Medien befördert: Keine Anstrengung, kein Scheitern, permanente Selbstmaximierung und Perfektion nach außen - erwünscht ist das makellose Dasein in einer glatten Welt, die nichts mehr dem Zufall überlässt.

          Ich bin, was ich erlebe. Ich zeige, was ich erlebe. Ich erlebe, was ich kaufe.

          Bedrohtes Zeitgefühl

          Der Blick auf das Smartphone prägt den Alltag und unser Bild von uns selbst. Er verkürzt den Zeithorizont. Er verlagert die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen, mehr und mehr in die Jetztzeit - und gleichzeitig scheint damit die Illusion verbunden, es ließe sich Vergänglichkeit überwinden durch den Klick auf die eingebaute Digitalkamera, das permanente Tippen von Kurzmitteilungen oder Versenden von Sprachnachrichten, die jeden Augenblick festhalten.

          Den psychischen Einbruch, wie ihn der Medienpsychologe mit Blick auf die Gefahren sozialer Netzwerke beschrieben hat - Kati Krause hat ihn erfahren. Die 1982 geborene Magazinjournalistin und Medienberaterin hat vor einigen Monaten mit einem Text Aufsehen erregt, der sich im Netz weit verbreitete. Sie beschreibt darin, als wie belastend sie den Umgang mit sozialen Medien empfunden hat, als sie eine Depression hatte. Facebook, Instagram und Twitter wirkten in dieser Phase wie Gift auf sie - der Dopamin-Ausschüttung durch die Flucht in die sozialen Netzwerke folgte „eine trostlose und angespannte Leere“. Was war der Grund dafür? Vielleicht hängt dieser suchtähnliche Wirkungsmechanismus mit fehlender Intimität zusammen: In den sozialen Netzwerken gibt es keine wirkliche Nähe zu den Menschen, erklärt Kati Krause im Gespräch. Es sei eine Pseudokommunikation, die hier stattfinde, wie auf einer Zwischenebene - denn wenn es einem schlechtgeht, werde in sozialen Medien nicht darüber gesprochen.

          Achtung: Depressionsgefahr

          Sie erzählt, wie ungesund und beklemmend sich der Griff zum Smartphone während ihrer Depression angefühlt habe. Der permanente Vergleich mit anderen, der in der Struktur der sozialen Medien angelegt ist, mag dabei eine Rolle gespielt haben. Erst später lernte sie sich wieder „als wertvollen Menschen zu begreifen, der auf die Bestätigung durch Twitter-Favs nicht angewiesen ist“.

          Gibt es also gar nichts Gutes, das wir den sozialen Medien abgewinnen können? Doch, entgegnet Kati Krause. Sie will ihre Schilderungen nicht als Rundumschlag gegen moderne Kommunikationsformen verstanden wissen. Die Annahme, dass wir ohne soziale Medien glücklichere Menschen wären, teilt sie nicht. Man müsse nur die Risiken kennen: Entscheidend sei, selbstbestimmt und bewusst mit den sozialen Medien umzugehen, sagt sie.

          Doch es macht auch Spaß

          Auch Maren Hartmann, Professorin für Kommunikations- und Mediensoziologie an der Universität der Künste in Berlin, betont die positiven Seiten der sozialen Medien. Die Zunahme von Kommunikation, die in unserer Alltagswelt zu beobachten sei, diene nicht so sehr dem wirklichen Austausch von Informationen. Hartmann versteht soziale Medien als Teil einer „phatischen Kommunikation“, also einer Kommunikation, die man zur Selbstversicherung und Versicherung des gegenseitigen Wahrnehmens betreibe. Aus ihrer Sicht hat die phatische Kommunikation ein „wärmendes Element“. Sie garantiere „ontologische Sicherheit“: „Ich weiß, ich gehöre dazu, ich weiß, ich werde wahrgenommen und wertgeschätzt, und das wird sich auch nicht ohne weiteres ändern.“ Und das, erklärt Maren Hartmann, sei ja etwas sehr Schönes.

          Kritischer betrachtet Maren Hartmann, dass der Druck, immer mehr zu kommunizieren, stark gestiegen sei. Es sei schwieriger geworden, zu schweigen: „Man kann nicht kein Handy haben“, sagt sie. Auf politischer Ebene erkennt sie mit Blick auf die ursprünglichen Hoffnungen, die für viele mit der Entstehung des Internets verknüpft gewesen seien, eine Ernüchterung: Das betrifft das Spielerische, das der für jeden zugängliche Austausch im Netz mit sich brachte, die Freiheiten der Anonymität, die Möglichkeit, sich auszuleben, ohne kontrolliert und hinterfragt zu werden. Ernüchterung auch bezüglich der Vorstellung, im Netz könne jeder Massen bewegen, die er zuvor nie erreicht habe: All diese positiven Utopien, erzählt Maren Hartmann, waren für viele mit dem Aufkommen des Web 1.0 verbunden. Die Erfüllung des utopischen Potentials sei jedoch ausgeblieben. An seine Stelle sei ein Transparenzdruck getreten, ein freiwilliges Sichtbarmachen aller persönlichen Daten und eine räumliche und zeitliche Entgrenzung der Kommunikation, durch die Berufliches von Privatem viel schwerer zu trennen ist.

          Anscheinend wächst das Bewusstsein für diese Gefahren. Einige Soziologen sagen, Facebook habe in der jüngeren Generation viel seiner ursprünglichen Anziehungskraft verloren. Es häufen sich die Stimmen, die unter den Jungen einen kritischeren und bewussteren Umgang mit sozialen Medien beobachten.

          Ein junger Redakteur dieser Zeitung entdeckte neulich, als er die Statistiken seines Internetbrowsers ansah, wie oft er sich innerhalb eines Jahres bei Twitter angemeldet hatte: sechzigtausendmal. Er erschrak. Dann loggte er sich gleich wieder ein. Denn ihm macht das Spaß.

          Quelle: F.A.Z.

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