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Gedankenexperiment Letzte Rettung Fernost?

 ·  Die Welt starrt auf Griechenland. Bricht bald der Euro-Raum auseinander? Sollte man in solchen Zeiten nicht auch mal das Unmögliche denken? Denn es gäbe da ein Land, das alles hat, was uns fehlt: Geld, Wachstum, eine klare Richtung. Ein nicht ganz ernst gemeintes Gedankenspiel.

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Erinnert sich irgendjemand noch an die Maastricht-Kriterien für die Einführung des Euro? Dort wo die Gemeinschaftswährung gilt, hält sich kaum eine Regierung an die Auflagen – was zum guten Teil das Schuldenfiasko erklärt. Auch sonst gibt es in der Welt wenige Länder, die die Bedingungen erfüllen würden, jedenfalls was die Verschuldungsgrenze von maximal 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angeht.

Die bedeutendsten Volkswirtschaften scheitern alle an dieser Hürde, egal ob die Vereinigten Staaten, Japan oder Deutschland. China hingegen, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht auf dem Planeten, überspringt sie mit Leichtigkeit. Nach offiziellen Angaben summieren sich die staatlichen Verbindlichkeiten auf nicht einmal 20 Prozent, die Neuverschuldung bleibt ebenfalls mühelos unterhalb der Maastricht-Grenze von 3 Prozent.

Da mag man, jedenfalls als Gedankenspiel, fragen, weshalb China nicht die Aufnahme in den Kreis der Euro-Länder beantragt? Das hätte für beide Seiten viele Vorteile.

China hat Geld

Die Volksrepublik hortet im größten Devisenschatz aller Zeiten mehr als 3400 Milliarden Dollar. Für die Haftungsgemeinschaft, auf die der Euroraum zusteuert, wäre das ein willkommenes Finanzpolster. Europas maroder Infrastruktur könnte sich der Staatsfonds CIC annehmen, der mehr als 400 Milliarden Dollar schwer ist. Die Staatsunternehmen haben eine mindestens ebenso prall gefüllte Kriegskasse. Schon jetzt greifen sie nach europäischen Unternehmen, Rohstoffförderern und Verkehrseinrichtungen. Ihnen gehört zum Beispiel ein Teil der griechischen Häfen.

China hat Wachstum

Während Europa fürchtet, in die Rezession zu rutschen, schwächt sich der Boom in Fernost allenfalls ab. Seit drei Jahrzehnten beträgt die BIP-Zunahme im Durchschnitt mehr als 10 Prozent im Jahr, für 2012 und 2013 werden immer noch mehr als 8 Prozent erwartet. Das Potential erscheint unerschöpflich: Bis 2025 braucht das Land 28.000 Kilometer U-Bahnlinien und 50.000 Wolkenkratzer, das entspricht dem Bestand von zehn New York Cities.

Der Handel mit China ist wichtig

Für China ist Europa der wichtigste Markt, für die EU rangiert die Volksrepublik auf Platz zwei. Die Partner treiben so viel Handel miteinander wie keine anderen Regionen in der Welt, das Volumen beträgt mehr als eine Milliarde Euro am Tag. Für immer mehr europäische Branchen ist das Reich der Mitte inzwischen wichtiger als die Heimat, etwa für den Auto- oder Maschinenbau. Führte China den Euro ein, entfiele das lästige Währungsrisiko, die Transaktionskosten nähmen deutlich ab. Auch die Investitionen würden erleichtert sowie die Repatriierung von Gewinnen in die Herkunftsländer.

China will raus aus dem Dollar

Das Land ist bisher von der amerikanischen Währung abhängig. Fast drei Viertel seiner Devisenrücklagen lauten auf Dollar, der Renminbi ist weitgehend daran gekoppelt. Die Zentralbank weiß, was es heißt, in der Geldpolitik nicht frei zu sein, die Abtretung von Souveränitätsrechten an die EZB fiele ihr also leicht. Seit langem will sie die Anlagen in andere Valuta wie den Euro diversifizieren, wieso also nicht gleich richtig?

China verfolgt eine klare Richtung

Europa hält seine selbstgesteckten Ziele zumeist nicht ein, weder in Stabilitäts- noch in Zukunftsfragen. Man erinnere sich, dass die EU gemäß der Lissabon-Strategie bis 2010 eigentlich zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt werden wollte. In Wirklichkeit trifft das auf wen zu? Richtig, auf China! In alter Kommunistenmanier legt das Land mittel- und langfristige Pläne fest und sorgt dafür, dass sie eingehalten werden. Gezänke wie derzeit in der EU über den richtigen Weg aus der Krise wird es mit China, wo seit mehr als 60 Jahren dieselbe Partei regiert, nicht geben.

Und sonst?

Gegen den Beitritt Chinas zur Eurozone mag eingewendet werden, dass das Land geographisch und auch sonst nicht zum westlichen Kulturkreis gehöre. Doch das störte bei der Aufnahme der Türkei in die Nato oder bei den Überlegungen zu deren EU-Zugang auch nicht sehr. Länder wie Ägypten, Jordanien, Tunesien, Algerien oder Libanon sind Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion. Israel und Marokko nehmen am Eurovision Song Contest teil.

Und die große Entfernung? Frankreichs Überseedepartements Guayana oder La Reunion, wo der Euro gilt, liegen auch nicht viel näher an Europa als China.

Der Volksrepublik ist zudem zuzutrauen, dass sie ganz schnell an Europa heranrücken kann, wenn man sie lässt. Im eigenen Land sind fast 7000 Kilometer Schienen für Hochgeschwindigkeitszüge in Betrieb, in acht Jahren sollen es 16.000 Kilometer sein. Die gleiche Menge sollte reichen, um Europa anzuschließen. An den Fortschritt, den es so dringend braucht.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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