http://www.faz.net/-gqe-72jsg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 08.09.2012, 10:50 Uhr

Gebrauchte Klaviere Schlussakkord auf dem Schrottplatz

Die Leute wollen alte Klaviere nicht einmal geschenkt. Sie fürchten die Kosten für die Reparatur, den Transport und den Klavierstimmer.

von Clara Atlanta Kröhn
© JESSICA KOURKOUNIS/The New York Die Entsorgung eines Klaviers kostet 150 bis 200 Euro.

Zuletzt hatten die Tasten des 70 Jahre alten Hupfeld-Klaviers aus Nussbaumholz höchstens einen Flohwalzer erklingen lassen. Einst übte man auf ihm Bach, Beethoven und Chopin, trug deren Melodien im Familienkreis vor oder präsentierte sie stolz seinen Gästen. „Schon die Großeltern meines Mannes haben auf ihm mit Begeisterung gespielt“, sagt Nicole Engel, die Besitzerin.

Zu teuer, um gestimmt zu werden

Nun ist das Klavier in den Ebay-Kleinanzeigen gelandet. Es geht unter in der Fülle der Klaviere, die kostenfrei abzugeben sind. Wer den Suchbegriff „Klavier zu verschenken“ in Google eingibt, stößt auf mehr als 300 aktuelle Angebote innerhalb Deutschlands. Darunter auch Instrumente bedeutender Klavierbauer des 19. Jahrhunderts.

Klaviere für jeden Geldbeutel Der Flügel © Steinway & Sons Bilderstrecke 

Die gebrauchten Klaviere warten alle auf einen Selbstabholer, der den Transport übernimmt. Wenn sich niemand ihrer erbarmt, werden sie verschrottet. „Es wegzuwerfen bringen wir kaum übers Herz. Es ist ein besonderes Erbstück. Doch wenn es keiner abholt, dann fällt es der Axt zum Opfer“, sagt Engel. Sie hat keine Verwendung mehr für das Klavier. Ihr Mann könne zwar spielen, nehme sich aber keine Zeit mehr dafür. Es stehe im Weg und müsse halbjährlich gestimmt werden. Das sei aber zu teuer.

Ziel: Mülldeponie

Einmal Klavierstimmen kostet rund 150 Euro. Die Preise für Reparaturen können ungeahnte Höhen annehmen. Und bei einem Umzug muss eine Spezialfirma her, die das empfindliche und 200 bis 300 Kilogramm schwere Instrument für mindestens 200 Euro befördert. Da ist der einmalige Transport zum Schrottplatz deutlich günstiger.

Zur Zeit teilen viele Pianos das Schicksal des Hupfeld-Klaviers. Acht befragte Klaviertransportunternehmen berichten von bis zu drei Fahrten im Monat, die die Mülldeponie zum Ziel haben. In ganz Deutschland gibt es rund 100 solcher spezieller Transportfirmen. Demnach enden pro Jahr mehr als 3500 Pianos auf dem Schrottplatz. „Dort werden Klaviere vom Laster geworfen und völlig zerstört. Das ist traurig mitanzusehen“, sagt Fuhrunternehmer Sandro Pati. Für Klavierliebhaber ist der Anblick eines in alle Einzelteile zerlegten Tasteninstruments tatsächlich nur schwer zu ertragen. Sie verstehen das Klavier nicht als Gebrauchsgegenstand oder Möbelstück. „Man geht beim Spielen eine intensive Bindung mit dem Klavier ein. Es besitzt eine Seele. Keines gleicht einem anderen“, sagt Pianist Justus Frantz. Aber niemand bezahlt die Wehmut, wenn das Klavier einen neuen Besitzer sucht.

Statussymbol aus früheren Zeiten

In Deutschlands Wohnzimmern stehen rund 1,5 Millionen Exemplare. Viele davon erleiden das gleiche Schicksal wie das Hupfeld der Familie Engel. Nicht jedes der herrenlosen Klaviere ist noch bespielbar. „Die Lebensdauer eines Klaviers liegt zwischen 50 und 100 Jahren“, sagt Hannes Schimmel-Vogel, Geschäftsführer von einem der renommiertesten Klavierhersteller in Deutschland. Zwischen den betagten Instrumenten findet sich jedoch der ein oder andere Schatz, der sich trotz des niedrigen Preises und des hohen Alters als gebrauchsfähig erweist.

Mehr zum Thema

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein galt das Klavier als Must-have für die bürgerliche Familie. In der Blütezeit verkauften deutsche Klavierbauer 300.000 Stück im Jahr. Heute sind es auf dem deutschen Markt nur noch 12.000. Das Klavier war Statussymbol, Kommunikationsmittel und liebste Freizeitbeschäftigung zugleich. Für Töchter aus gutem Hause gab der Klaviervortrag Gelegenheit, die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich zu ziehen. Mendelssohn, Liszt und Schumann gehörten zur Allgemeinbildung. Man hielt das Piano in Ehren und gab es an die nächste Generation weiter.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Das autonome Auto

Von Martin Gropp

Die Autoindustrie investiert Milliarden in das automatisierte Fahren. Es verspricht weniger Unfälle und weniger Staus. Doch diese Utopie könnte auch zur Dystopie werden. Mehr 14 11

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“