Zuletzt hatten die Tasten des 70 Jahre alten Hupfeld-Klaviers aus Nussbaumholz höchstens einen Flohwalzer erklingen lassen. Einst übte man auf ihm Bach, Beethoven und Chopin, trug deren Melodien im Familienkreis vor oder präsentierte sie stolz seinen Gästen. „Schon die Großeltern meines Mannes haben auf ihm mit Begeisterung gespielt“, sagt Nicole Engel, die Besitzerin.
Zu teuer, um gestimmt zu werden
Nun ist das Klavier in den Ebay-Kleinanzeigen gelandet. Es geht unter in der Fülle der Klaviere, die kostenfrei abzugeben sind. Wer den Suchbegriff „Klavier zu verschenken“ in Google eingibt, stößt auf mehr als 300 aktuelle Angebote innerhalb Deutschlands. Darunter auch Instrumente bedeutender Klavierbauer des 19. Jahrhunderts.
Die gebrauchten Klaviere warten alle auf einen Selbstabholer, der den Transport übernimmt. Wenn sich niemand ihrer erbarmt, werden sie verschrottet. „Es wegzuwerfen bringen wir kaum übers Herz. Es ist ein besonderes Erbstück. Doch wenn es keiner abholt, dann fällt es der Axt zum Opfer“, sagt Engel. Sie hat keine Verwendung mehr für das Klavier. Ihr Mann könne zwar spielen, nehme sich aber keine Zeit mehr dafür. Es stehe im Weg und müsse halbjährlich gestimmt werden. Das sei aber zu teuer.
Ziel: Mülldeponie
Einmal Klavierstimmen kostet rund 150 Euro. Die Preise für Reparaturen können ungeahnte Höhen annehmen. Und bei einem Umzug muss eine Spezialfirma her, die das empfindliche und 200 bis 300 Kilogramm schwere Instrument für mindestens 200 Euro befördert. Da ist der einmalige Transport zum Schrottplatz deutlich günstiger.
Zur Zeit teilen viele Pianos das Schicksal des Hupfeld-Klaviers. Acht befragte Klaviertransportunternehmen berichten von bis zu drei Fahrten im Monat, die die Mülldeponie zum Ziel haben. In ganz Deutschland gibt es rund 100 solcher spezieller Transportfirmen. Demnach enden pro Jahr mehr als 3500 Pianos auf dem Schrottplatz. „Dort werden Klaviere vom Laster geworfen und völlig zerstört. Das ist traurig mitanzusehen“, sagt Fuhrunternehmer Sandro Pati. Für Klavierliebhaber ist der Anblick eines in alle Einzelteile zerlegten Tasteninstruments tatsächlich nur schwer zu ertragen. Sie verstehen das Klavier nicht als Gebrauchsgegenstand oder Möbelstück. „Man geht beim Spielen eine intensive Bindung mit dem Klavier ein. Es besitzt eine Seele. Keines gleicht einem anderen“, sagt Pianist Justus Frantz. Aber niemand bezahlt die Wehmut, wenn das Klavier einen neuen Besitzer sucht.
Statussymbol aus früheren Zeiten
In Deutschlands Wohnzimmern stehen rund 1,5 Millionen Exemplare. Viele davon erleiden das gleiche Schicksal wie das Hupfeld der Familie Engel. Nicht jedes der herrenlosen Klaviere ist noch bespielbar. „Die Lebensdauer eines Klaviers liegt zwischen 50 und 100 Jahren“, sagt Hannes Schimmel-Vogel, Geschäftsführer von einem der renommiertesten Klavierhersteller in Deutschland. Zwischen den betagten Instrumenten findet sich jedoch der ein oder andere Schatz, der sich trotz des niedrigen Preises und des hohen Alters als gebrauchsfähig erweist.
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein galt das Klavier als Must-have für die bürgerliche Familie. In der Blütezeit verkauften deutsche Klavierbauer 300.000 Stück im Jahr. Heute sind es auf dem deutschen Markt nur noch 12.000. Das Klavier war Statussymbol, Kommunikationsmittel und liebste Freizeitbeschäftigung zugleich. Für Töchter aus gutem Hause gab der Klaviervortrag Gelegenheit, die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich zu ziehen. Mendelssohn, Liszt und Schumann gehörten zur Allgemeinbildung. Man hielt das Piano in Ehren und gab es an die nächste Generation weiter.
Konkurrenz-Klaviere „made in China“
Nicht nur die alten Instrumente sind zahlreich: Auch fabrikneue Klaviere machen dem Hupfeld der Familie Engel Konkurrenz. Die großen Klavierbauer, von denen es in Deutschland nur noch neun gibt, haben ihre Preise an das Angebot gebrauchter Klaviere und das der Billighersteller aus Asien angepasst. Schimmel und Bechstein führen nebst High-End-Produkten je auch ein kostengünstiges Label mit Pianos aus China und Tschechien. „Ein Schimmel Classic kostet mindestens 7500 Euro. Unsere Klaviere für Einsteiger beginnen schon bei 4000 Euro“, sagt Schimmel-Vogel. Sogar Steinway bietet unter der Marke Essex Klaviere „made in China“ an.
Lange hatten das Hupfeld und seine Schicksalsgefährten ihren guten Ruf der fernöstlichen Konkurrenz voraus. Das ist passé. Der Vorbehalt, asiatische Klaviere könnten qualitativ nicht mit den traditionellen Marken mithalten, lässt sich zumindest für Einsteigerpianos entkräften. Und auch die verpönten digitalen Instrumente mögen den Ansprüchen derer genügen, die nicht die ganz große Pianistenkarriere anstreben.
Hockey statt Klavierspielen
Dass sogar eine Kombination aus beidem bespielbar ist, beweist ein Digitalklavier des japanischen Herstellers Yamaha. Dieses geht bei Stiftung Warentest als Sieger aus dem Digitalpiano-Test hervor und kostet 1750 Euro.
Dem Hupfeld würde es nur besser ergehen, wenn es prominent wäre: ein Steinway-Flügel zum Beispiel. Denn bei hochwertigen Markenklavieren und Flügeln von Blüthner, Bösendorfer oder Steinway lässt sich kein Preisverfall feststellen. Hier muss der Klavierspieler auch für gebrauchte Pianos mindestens 10.000 Euro investieren, um ein adäquates Instrument sein Eigen nennen zu dürfen.
Von Profis werden auch die betagten Klaviere unbekannter Hersteller geschätzt. „Alte Klaviere haben eine Persönlichkeit entwickelt, sie erzählen über das Klangbild ihre Geschichte. Kein Klavier hat es verdient, weggeworfen zu werden. Jedes kann gerettet werden“, sagt Pianist Martin Stadtfeld. Doch das Hupfeld konkurriert nicht nur mit Japanern, Digitalpianos und Keyboards. Oder gar mit Computerprogrammen, anhand derer das Tippen nach Noten erlernt werden soll. Sondern auch mit dem reichen Angebot anderer Freizeitaktivitäten. Es muss aus dem Hause der Familie Engel weichen, weil sich niemand mehr die Zeit zum Spielen nimmt. Das Musizieren findet in der Tagesplanung der Eltern keinen Platz mehr, und die drei Kinder gehen lieber anderen Hobbys nach.
Dem Schrottplatz entronnen
Zwar ist das Klavier noch immer das beliebteste Musikinstrument der Deutschen und mit rund 130.000 Schülern ist die Zahl derer, die es erlernen wollen, konstant geblieben. Der Freizeitmonitor der Stiftung für Zukunftsfragen aber zeigt: Im vergangenen Jahr haben nur zwei Prozent der Gesamtbevölkerung täglich musiziert. 78 Prozent der Deutschen hingegen machen nie Musik.
Das Hupfeld der Familie Engel ist gerade noch dem Schrottplatz entkommen. Ein Innenarchitekt hat es übernommen. Bespielt werden wird es nicht mehr, aber heil bleibt es.
1. Sich Zeit nehmen. Beim Klavierkauf gilt zuallererst: Nichts überstürzen. Selbst bei vermeintlichen „Schnäppchenklavieren“ handelt es sich um eine größere Investition. Das Instrument soll schließlich viele Jahre im Besitz des Käufers bleiben, auf ihm soll regelmäßig musiziert werden. Die Auswahl an Klavieren ist groß, und viele Einzelheiten sind ohne Fachkenntnisse nur schwer zu verstehen. Von Spontankäufen ist darum dringend abzuraten.
2. Den eigenen Anspruch klären. Klaviere unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Folgende Aspekte sollten Klavierbegeisterte daher vor dem Kauf durchdenken: Wie gut ist mein Spielniveau? Wie hoch ist mein Budget? Wie sind die Platzverhältnisse in meiner Wohnung? Welche Klangfarbe ist mir wichtig?
3. Fachleute fragen. Das gilt nicht nur für Anfänger. Auch für Fortgeschrittene kann es sich als hilfreich erweisen, die eigenen Vorstellungen mit Fachhändlern, dem Klavierlehrer und Klavierspielern aus dem Bekanntenkreis zu besprechen.
4. Spielen, spielen, spielen. Hat der Käufer ein bestimmtes Exemplar ins Auge gefasst, sollte er es so oft wie möglich anspielen und mit anderen Instrumenten vergleichen. Denn jedes Klavier klingt einzigartig. Niemals ein Klavier ohne Probespiel kaufen! Am besten zum Fachhandel. Wer sein Klavier dennoch im Internet entdeckt hat, sollte es vor dem Kauf gemeinsam mit einem Fachmann begutachten.
5. Die Kosten kalkulieren. Noch einmal alle Kosten durchrechnen und dabei an die Folgekosten denken. Das sensible Instrument muss fachgerecht transportiert und mindestens zweimal im Jahr gestimmt werden. Ist das zu teuer, kann man sich im Fachgeschäft nach Mietklavieren erkundigen.
6. Mit Leidenschaft musizieren. Sich des passenden Klaviers erfreuen und mit Begeisterung spielen.
Traurig
George Rauscher (misterpocket)
- 08.09.2012, 14:32 Uhr
Nostalgie
Norbert Stöbe (nor45)
- 08.09.2012, 13:08 Uhr
Klavierauswahl
Christian Wolff (ChristianW53)
- 08.09.2012, 12:33 Uhr
möget ihr ruhen in frieden.
maximilian währinger (rhizom123)
- 08.09.2012, 12:01 Uhr