08.02.2012 · Italien lässt das Notstandsprogramm für die Gasversorgung anlaufen. Weil die Kälte den Verbrauch drastisch ansteigen ließ, Russland jedoch weniger liefert als vereinbart, werden nun große Industrieunternehmen zwangsabgeschaltet.
Von Tobias Piller, RomWegen der außergewöhnlichen Kälte, des derzeit hohen Gasverbrauchs und reduzierter Lieferungen aus Russland hat Italiens Industrieminister Corrado Passera für sein Land den Notstandsplan für die Gasversorgung in Kraft gesetzt. Das bedeutet zum einen, alte Stromkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen, die noch mit Öl betrieben werden. Damit können modernere Gaskraftwerke entlastet werden. Zum anderen gibt es in Italiens Unternehmenswelt große Energieverbraucher, die in ihrem Liefervertrag die Klausel haben, dass im Notfall die Lieferungen unterbrochen werden können. Betroffen ist davon etwa die Keramikindustrie, Metallerzeuger oder Glas- und Papierhersteller.
Italien hat am Montag einen neuen Verbrauchsrekord für Erdgas erlebt. Der Tagesbedarf stieg auf mehr als 450 Millionen Kubikmeter, mehr als 40 Prozent über dem normalen Gaskonsum in dieser Jahreszeit. Weil zugleich die Lieferungen von Gasprom aus Russland zuletzt bis zu 30 Prozent hinter den Anforderungen zurückblieben, ergibt sich für Italien eine Versorgungslücke von mehr als einem Drittel des Tagesbedarfs.
Italien hat nach der Statistik des Netzbetreibers am Montag insgesamt 269 Millionen Kubikmeter importiert, 23 Millionen Kubikmeter aus nationaler Förderung verwendet und zudem 169 Millionen aus den Reserven genommen. Davon gingen wiederum 46 Millionen Kubikmeter an die Industrie, 104 Millionen Kubikmeter an Stromerzeuger und schließlich 294 Millionen Kubikmeter in das nationale Gasversorgungsnetz.
Nun sollen die Notstandsmaßnahmen für eine Verbrauchsminderung von täglich rund 25 Millionen Kubikmetern sorgen. Doch die Wirtschaft protestiert nun trotz der Vertragsklausel mit der möglichen Lieferunterbrechung gegen die Entscheidung des Ministers. Nach dem Streik der Lastwagenfahrer und den Folgen des Wintereinbruchs wäre eine weitere Behinderung der Produktion eine zu große Belastung, sagte Emma Marcegaglia, Präsidentin des Unternehmerverbands Confindustria, die selbst einer Familie von Stahlunternehmern entstammt. Die Wirtschaft wünscht sich nun vom Industrieminister, dass anstelle der Lieferunterbrechungen die Reserven angetastet werden. In Italien werden mehr als 14 Milliarden Kubikmeter Gas gespeichert, von denen 5 Milliarden Kubikmeter als strategische Reserve bezeichnet werden.
Verglichen mit Deutschland sind die Italiener aber dennoch nicht so sehr von einem einzigen Lieferland abhängig: Aus Russland kamen nach den letzten Statistiken von 2010 nur rund 30 Prozent des Gasimports, Algerien liefert über eine Pipeline durch das Mittelmeer 35 Prozent, Libyen 12 Prozent und Norwegen rund 11 Prozent. Die Lücke in der täglichen Gasversorgung wird nun von Fachleuten dennoch zum Anlass genommen, einen schnelleren Ausbau der Infrastruktur zu fordern. Seit Jahren wird in Italien unter anderem über Gasverflüssigungsterminals gestritten, an denen Gas auch per Schiff ins Netz eingespeist werden kann.
Eine Anlage dieser Art in der Adria ist zwar fertiggestellt worden, doch wurde sie aus Gründen des Landschafts- und Umweltschutzes weit aufs offene Meer verbannt. Dort kann derzeit wegen hohen Wellengangs nicht angelegt werden. Zugleich gibt es weitere elf Projekte für Gasterminals, die aber alle nicht vorankommen. Für Entlastung könnte nach Meinung von Paolo Scaroni, dem Chef des Öl- und Gaskonzerns Eni, auch ein Ausbau des europäischen Gasnetzes sorgen. Auf diese Weise könnten sich etwa Spanien und Italien gegenseitig aushelfen.
Und ich dachte, die EU, dieses heilige Kalb, sei die Lösung aller Probleme?
Horst Müller (KonzeptionistzuVerlassen)
- 09.02.2012, 07:54 Uhr
Bella Italia
Herbert Sax (H.Sax)
- 08.02.2012, 19:06 Uhr
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