25.08.2009 · Was die Deutschen bisher eher in Frankreichs oder Italiens Küche gesucht haben, finden sie jetzt auch immer häufiger in den Restaurants des eigenen Landes. Mit dem Erstarken der deutschen Küchenszene kommt auch der „Gastro-Tourismus“ im eigenen Land in Gang.
Von Johannes WinkelhageEs sind sicher ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, für die ein gutes Essen das ist, was für andere ein Besuch in der Oper, eines Konzerts oder im Theater. Für die ist das Essen selbst ein Event." Das sagt Johann Lafer, der Fernsehkoch mit eigenem Sternerestaurant auf der Stromburg am Rhein. Für ihn ist klar, dass es auch in Deutschland einen Gastro-Tourismus gibt, in dem sich die Leute während ihrer Urlaubsplanung von der Lage der (Spitzen-)Restaurants oder anderen kulinarischen Angeboten leiten lassen. Die Rede ist von Leuten, die bereit sind, für ein Menü zu zweit zwischen 300 und 600 Euro hinzulegen. Die knapp zwei Prozent der Bevölkerung, die sich dabei vornehmen, mindestens einmal in allen Dreisternerestaurants zu tafeln, sind für Lafer aber nur die Spitze einer deutlich größeren Gruppe.
"Es gibt durchaus Leute, die kommen direkt aus Aschau oder Baiersbronn zu uns und lassen sich dann mit dem Helikopter weiter zur nächsten Gourmetadresse fliegen", sagt der Fernsehkoch erfreut, der sich mit dem Heli-Gourmet etwas Besonderes für diese speise- und reiselustige Klientel ausgedacht hat. Er fliegt die Gäste der Stromburg einfach mit dem eigenen Hubschrauber entweder zum Rennen an den Nürburgring oder zum Dinner auf eine Wiese hoch über dem Rhein und holt sie natürlich auch wieder ab - zu entsprechenden Preisen, versteht sich.
Aschau mit der Residenz Heinz Winkler und Baiersbronn mit seinen Sternerestaurants stehen als Synonym für Zentren der gehobenen Küche und den Gastro-Tourismus in Deutschland, wenn Lafer sie als Beispiel zitiert. Und gerade in Baiersbronn scheint sich Lafers These zu bestätigen, dass es eine größere Gruppe ist, die die kulinarischen Angebote einer Region maßgeblich in die Urlaubsplanung einfließen lässt. So zieht es eine besondere Klientel in den Schwarzwaldort, in dem Patrick Schreib Tourismusdirektor ist. Er hat Koch im Hotel Traube Tonbach gelernt, in dessen Schwarzwaldstube Harald Wohlfahrt seine drei Sterne seit Jahren tapfer verteidigt.
Baiersbronn ist die Sternehochburg Deutschlands. Gleich zwei Restaurants mit drei Sternen finden sich am Ort. Neben Wohlfahrt in der Traube kocht im Hotel Bareiss Claus-Peter Lumpp mit drei Sternen. Damit aber nicht genug: Auf dem Schlossberg verteidigt Jörg Sackmann ebenfalls einen Michelin-Stern.
Wie Schreib kehren auch viele andere Köche, die in den Sternehäusern Baiersbronns das Handwerk gelernt haben, nach ihren Wanderjahren in den Ort zurück und führen dort die eingesessenen Familienbetriebe mit einer Küche auf ebenfalls hohem Niveau weiter - ohne gleich selbst nach den Sternen zu streben. Viele meiden bewusst den damit verbundenen Aufwand und setzen auf eine schmackhafte Regionalküche. "Es gibt in Baiersbronn eine sehr gewachsene Gastgeberstruktur. Alle Hotels befinden sich in Privatbesitz und werden von den Inhabern geführt." Und obwohl Baiersbronn die komplette Angebotspalette eines Ferienortes bietet, gibt Schreib durchaus zu: "Es kommen sehr viele Leute wegen der Restaurants, und der Ort hat seine Bekanntheit daher erlangt."
Baiersbronn: Hauptstadt der Feinschmecker
Die Anziehungskraft der Sternerestaurants hat also offenbar eine positive Wirkung auf die touristische Attraktivität einer Gegend. Sie trägt ihren Teil dazu bei, dass Baiersbronn mit rund 840.000 Übernachtungen im Jahr inzwischen zur touristenstärksten Gemeinde in Baden-Württemberg geworden ist. Rund 8000 Betten stehen zur Verfügung, und jährlich bleiben etwa 190 000 Besucher einige Tage in der Schwarzwaldgemeinde. Angesichts der bisher schon erfolgreichen Arbeit will Schreib die Themen "Essen", "Trinken" und "Genießen" auch in den kommenden Jahren weiter in den Vordergrund rücken, wenn es um die touristische Vermarktung des Städtchens geht. Damit jeder Geschmack bedient wird, gibt es nach Angaben von Schreib auch eine Pizzeria in Baiersbronn. Wem also der Sinn nach italienischer Hausmannskost steht, kommt ebenso auf seine Kosten.
Auf die Sterne setzt auch die Althoff-Hotelgruppe und hat mit ihren Spitzenköchen in den sieben Hotels gleich elf dieser begehrten Auszeichnungen erobert. "Die Bedeutung der Spitzenrestaurants für unsere Häuser ist extrem hoch. Die Kulinarik ist eine unserer Unternehmenssäulen. Die Restaurants erhöhen das Gesamtangebot der Hotels und machen eine Lage wie zum Beispiel Bergisch Gladbach erst zu einer Destination", sagt Michael Pütter, Vice President Sales & Marketing der Althoff Hotel Collection. Althoff betreibt in Bergisch Gladbach das Schlosshotel Lerbach, in dem Nils Henkel die drei Sterne der Kochlegende Dieter Müller erfolgreich verteidigt. Fast nebenan liegt zudem das Grandhotel Schloss Bensberg, in dem Joachim Wissler im Restaurant Vendôme ebenfalls drei Sterne erkocht.
"Das Konzept von Thomas Althoff setzt stark auf die Qualitätsgastronomie, die an den jeweiligen Standorten führend sein muss. Das ist kein Zufall", erklärt Pütter. So ist auch der Anteil von Arrangement-Buchungen, die die Übernachtung mit einem Sterneessen und vielleicht noch Wellness-Angeboten verbinden, sehr hoch. Aber für einen großen Teil der Gäste würden die Arrangements individuell konfektioniert, sagt Pütter. Dabei geht das Konzept nur in der Kombination aus Luxushotel und Sternegastronomie auf: "Wir würden solche Restaurants nicht entkoppelt von einem Hotel betreiben", erklärt Pütter und fügt hinzu: "Es ist Teil der gelebten Unternehmensphilosophie, die Köche zu halten, die bei uns angestellt sind. Dieter Müller war seit 1992 dabei. Christian Jürgens im Seehotel Überfahrt am Tegernsee haben wir ein passendes Konzept angeboten, und er hat aus dem Stand zwei Sterne geholt." Das Konzept scheint zu funktionieren, da sich die Gruppe auch in der Krise offenbar gut schlägt: "Das wirtschaftliche Umfeld lässt uns natürlich nicht unberührt. Aber der Individualtourismus ist nicht in dem Maße betroffen, und in einigen Hotels sehen wir schon wieder eine steigende Nachfrage. Einige Leute fahren in dieser Situation lieber einmal kurz zu uns als eine Woche an das Mittelmeer", sagt Pütter.
Von außen wird Deutschland noch nicht als kulinarisches Mekka wahrgenommen
Viele Häuser dieser Kategorie sind zudem Mitglied in der Vereinigung Relais & Châteaux, die auch einen der "Reiseführer" des Gourmet-Tourismus herausgibt. "Relais & Châteaux ist weltweit bekannt für ein ausgezeichnetes kulinarisches Angebot. Unsere Gäste können sich auf einen hohen gastronomischen Standard der Häuser verlassen", sagt Jaume Tápies, der internationale Präsident der Organisation, und fügt hinzu: "Der Relais & Châteaux Guide wird in einer Auflage von international 830.000 Exemplaren veröffentlicht."
Der Gastro-Tourismus in Deutschland orientiere sich aber nicht nur an den Sterneküchen oder den Luxusherbergen, sagt Ulrich Rosenbaum, der Pressebeauftragte der Slow-Food-Bewegung in Deutschland. "Es gibt hierzulande viele Angebote für Gastro-Tourismus, und die Verbindung zwischen organisierter Reise und Restaurantbesuch ist sogar eine deutsche Spezialität. Das gibt es in anderen Ländern weniger", sagt er. Auch Slow Food selbst betreibt ein Pilotprojekt, das unter dem Titel "Slow Tours" mehrtägige Reisen anbietet. Dabei stehen sowohl die regionale Küche und ihre Produkte als auch der Besuch bei Erzeugern im Vordergrund.
"Wir arbeiten auch mit den regionalen Tourismusverbänden zusammen. Allerdings gibt es dabei in vielen Bundesländern die Schwierigkeit, dass die Zuständigkeit für das Tourismus- und das Agrarmarketing in verschiedenen Landesministerien angesiedelt ist. So finden diese Dinge oft nicht zusammen. Das soll jetzt allerdings in Mecklenburg-Vorpommern geändert werden. Auch in der Kampagne ,Genießerland Baden-Württemberg' arbeiten die Bereiche jetzt zusammen", erklärt Rosenbaum. Allerdings wird Deutschland von außen noch nicht so sehr als kulinarisches Mekka wahrgenommen. "Wir gelten zwar inzwischen stärker als ein Land mit einer interessanten Küche. Zum Beispiel italienische Reisende interessieren sich aber meist noch mehr für andere Dinge als für die kulinarischen Besonderheiten", sagt er. Für die Reisen arbeitet Slow Tours unter anderem mit Thekla Twietmeyer aus Radebeul in der Nähe von Dresden zusammen. Aber auch deren Veranstaltungen sind nicht ganz billig. Mit drei Übernachtungen kostet die Fahrt nach Görlitz und in die Lausitz rund 750 Euro pro Person im Doppelzimmer. Darin sind allerdings sämtliche Essen und Transporte sowie Besichtigungen und Degustationen enthalten.
Thekla Twietmeyer organisiert mit ihrem Programm "Kulturwege" in der Region schon länger Reisen für ein anspruchsvolles Publikum. So gehört auch die jährliche Reise zum Bachfest in Leipzig zum Angebot. Neben der Musik gehört immer auch das Essen zu den zentralen Attraktionen. "Wir gehen nicht in die Touristenrestaurants im Zentrum, sondern kennen die Gegend und die etwas anderen Restaurants sehr gut. Die regionale Küche spielt eine große Rolle", sagt Twietmeyer und fügt hinzu: "Dann gibt es auch schon einmal vor dem Konzert die Amuse-Bouche und die Vorspeise, und nach dem Konzert wird das Menü fortgesetzt." Eigener Reiseführer und Kleinbus sowie ein gutes Hotel haben natürlich ihren Preis. Fast 3400 Euro hat jeder der acht Gäste in diesem Jahr für das Wochenende mit drei Übernachtungen, den Essen und vielen Konzerten gezahlt. "Das Bewusstsein für Qualität steigt", sieht Twietmeyer. "Die Leute wollen sehr intensiv reisen." Insgesamt sieht sie, dass neue Wege im Tourismus gesucht werden. Daher sind auch Institutionen wie zum Beispiel das Leipziger Gewandhausorchester offen für neue Ideen. Allerdings liegt bei ihr das Durchschnittsalter mit etwa 60 Jahren schon etwas höher. Auch dies ist ein Beleg dafür, dass eine gewisse Kaufkraft der Kunden mit dem Gastro-Tourismus oft Hand in Hand geht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.781,00 | +0,48% |
| FAZ-INDEX | 1.513,37 | +0,48% |
| TecDAX | 774,03 | +0,05% |
| MDAX | 10.347,10 | +0,30% |
| SDAX | 4.976,43 | +0,22% |
| REX | 421,06 | −0,60% |
| Eurostoxx 50 | 2.518,29 | +0,21% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,16 | +0,23% |
| Dow Jones | 12.884,00 | +0,04% |
| Nasdaq 100 | 2.545,72 | +0,54% |
| S&P500 | 1.349,96 | +0,22% |
| Nikkei225 | 9.002,24 | −0,15% |
| EUR/USD | 1,3280 | +0,23% |
| Rohöl Brent Crude | 117,89 $ | +0,03% |
| Gold | 1.746,00 $ | +1,28% |
| Bund Future | 137,82 € | +0,06% |