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„Galileo“ Auf wenige Zentimeter genau

29.12.2005 ·  Der erste „Galileo“-Testsatellit ist nach jahrelanger Verzögerung endlich im All. Einsatzgebiete des europäischen Satellitennavigationssystems sollen vor allem der Auto-, Flug- und Schiffsverkehr sein. Bis 2020 rechnen die Experten mit 3,6 Milliarden Empfangsgeräten weltweit.

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Mit der erfolgreichen Plazierung des ersten Testsatelliten im Weltraum ist die Europäische Union am Mittwoch der Schaffung des europäischen Satellitennavigationssystems „Galileo“ einen Schritt näher gekommen.

Doch bis das größte industriepolitische Vorhaben der Gemeinschaft den erhofften Nutzen bringt, müssen die Wirtschaft und die Verbraucher wohl noch bis zum Ende dieses Jahrzehnts warten. Nach Einschätzung von Fachleuten besitzt Galileo die Technologieführerschaft bei Anwendungen zur Ortung: Es könne die Position eines Gegenstandes auf der Erde mit einer Abweichung von wenigen Zentimetern bestimmen. Einsatzgebiete seien vor allem der Auto-, Flug- und Schiffsverkehr. Bis 2020 sollen weltweit 3,6 Milliarden Empfangsgeräte bedient werden können. Durch Galileo könnten in Europa bis zum Jahr 2020 bis zu 140.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Jahrelange Verzögerung

Im Gegensatz zum amerikanischen Global Positioning System (GPS) sei Galileo nicht nur genauer, sondern gewähre seinen Kunden auch eine Garantie für seine Dienstleistung, heißt es. Nach den gegenwärtigen Vorstellungen der EU-Regierungen soll Galileo nur für zivile Zwecke genutzt werden und ständig einsatzbereit sein. Dagegen wird das bestehende und von vielen europäischen Nutzern zum Beispiel zur Ortung im Verkehr eingesetzte amerikanische Global Positioning System (GPS) vom Pentagon betrieben und in Krisenfällen abgeschaltet.

Jahrelang wurde der Start des aus öffentlichen und privaten Mitteln zu finanzierenden Gemeinschaftsvorhabens erschwert und verzögert: durch Finanzstreitigkeiten zwischen den EU-Ländern, Konkurrenzkämpfen zwischen Bieterkonsortien um Aufträge sowie den Streit zwischen europäischen Ländern um den Sitz von Galileo-Einrichtungen. Die in den nächsten Jahren anfallenden Kosten werden mit mindestens 3,6 Milliarden Euro veranschlagt. Die EU und die Europäische Weltraumagentur (ESA) finanzieren die Aufbauphase mit 1,2 Milliarden Euro. Der Großteil der Mittel soll von einem europäischen Firmenkonsortium aufgebracht werden, das sich von kommerziellen Galileo-Angeboten Gewinne verspricht.

Beteiligung der Privatwirtschaft

Erst im kommenden Jahr geben die öffentlichen EU-Stellen grünes Licht für die Beteiligung der Privatwirtschaft. Dann erhält ein großes Konsortium von Unternehmen die Konzession für die Errichtung und den Betrieb von Galileo. Diese erstmalige Bildung einer öffentlich-privaten Unternehmenspartnerschaft auf europäischer Ebene könnte nach Einschätzung von Branchenfachleuten noch für Unwägbarkeiten sorgen. Das liegt auch daran, daß sich viele der beteiligten Unternehmen - wie zum Beispiel der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, der französische Telekom-Konzern Alcatel und die italienische Finmeccanica - bislang eher in Konkurrenz um Galileo-Aufträge gegenüberstanden.

Hinzu kommt der wachsende Zeitdruck im Blick auf die Weltmarktkonkurrenz: „Die Zeit wird immer knapper. Wir haben mit Galileo derzeit nur noch einen technologischen Vorsprung von ein bis zwei Jahren gegenüber dem amerikanischen Global Positioning System (GPS)“, sagte der Europa-Abgeordnete Ulrich Stockmann (SPD) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Sitz in München

Gelöst scheint im Moment die Sitzfrage. Nach einer Anfang Dezember in Brüssel erzielten Einigung der EU-Länder soll das Kontrollzentrum der etwa 30 Navigationssatelliten in Oberpfaffenhofen bei München liegen. Der Sitz der Betreibergesellschaft kommt ins französische Toulouse. Aber auch in London, Rom und Spanien soll es Galileo-Standorte geben.

Neben Bayern versprechen sich auch das Europäische Raumfahrtkontrollzentrum in Darmstadt sowie die hessische Wirtschaft Nutzen von Galileo: „Daß es mit Galileo nun losgeht, ist ein weltweit positives Signal für die Leistungsfähigkeit der europäischen Raumfahrt und für die Chancen des Raumfahrtstandortes Hessen“, sagte am Mittwoch Hessens Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU).

Quelle: fri. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 303 / Seite 11
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Von Heike Göbel

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