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G7-Treffen Die Krise hat alle überrascht

06.02.2008 ·  Wenn an diesem Samstag die Finanzminister und Notenbankgouverneure der sieben großen Industriestaaten in Tokio zusammenkommen, wird die Finanzkrise auf der Tagesordnung stehen. Dabei darf nicht vergessen werden: Krisen sind einer Marktwirtschaft immanent. Sie haben eine reinigende Funktion.

Von Patrick Welter
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Wenn an diesem Samstag die Finanzminister und Notenbankgouverneure der sieben großen Industriestaaten in Tokio zusammenkommen, ist die Tagesordnung von außen vorgegeben: Die Finanzkrise und die Unsicherheit über die Weltwirtschaft werden die Diskussion bestimmen und Themen wie den Umbau des Internationalen Währungsfonds oder den Umgang mit Staatsfonds in den Hintergrund rücken. Diese Schwerpunktbildung ist wohl unvermeidlich – und unglücklich zugleich. Mitten in der Finanzkrise weckt das Spitzentreffen Erwartungen, international abgestimmtes Handeln könne die Märkte beruhigen, das Wachstum sichern und künftige Finanzkrisen verhindern.

Die G-7-Präsidentschaft Japans lädt dabei zu einem lehrreichen Blick in die Geschichte der international abgestimmten Wirtschaftspolitik ein. Ende der achtziger Jahre entwickelte sich in Japan eine Preisblase am Aktien- und am Immobilienmarkt, die kurz darauf platzte. Die folgende Rezession stürzte das Land in ein Jahrzehnt wirtschaftspolitischer Experimente. Übersehen wurde in der Analyse der japanischen Deflation im Regelfall, dass ein Auslöser der „Blasenwirtschaft“ die internationale Koordinierung der Wirtschaftspolitik war. Japan war Ende der achtziger Jahre dem Druck der Vereinigten Staaten gefolgt, die Binnenwirtschaft durch eine lockere Geldpolitik anzukurbeln, um Leistungsbilanz-Ungleichgewichte in der Welt zu korrigieren. Die Kosten dieses Experiments trug Japan alleine. Die Episode verdeutlicht, warum Zweifel an der höheren Weisheit einer international abgestimmten Wirtschaftspolitik angebracht sind.

Geldpolitisch besteht kein Spielraum

Diese Erkenntnis gilt auch heute. Aus den Vereinigten Staaten, die knapp vor einer Rezession stehen, werden verhaltene Wünsche nach einem stärkeren Wachstumsbeitrag der Partnerstaaten laut, die auf Europa und Japan zielen. Der geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, fordert sehr offen Konjunkturpakete. Japan und Deutschland blocken diese Forderungen ab, aus gutem Grund. Die beiden exportabhängigen Staaten würden eine Rezession in den Vereinigten Staaten zwar zu spüren bekommen; die Wachstumsaussichten in Japan und in Europa sind aber bei weitem nicht so schlecht, dass Anlass für Konjunkturprogramme besteht.

Ohnehin wäre der Erfolg von Versuchen einer finanzpolitischen Stimulierung in Europa und in Japan ungewiss. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten kennen beide Länder eine lange Geschichte stetig steigender Staatsschulden; jedes schuldenfinanzierte Konjunkturpaket würde deshalb in der Erwartung künftiger Steuererhöhungen verpuffen. Geldpolitisch besteht ohnedies kein Spielraum für eine drastische Aktion wie in den Vereinigten Staaten. In Japan liegt der Leitzins mit 0,5 Prozent so niedrig, dass eine Senkung kaum noch stimulierender wirken könnte. In Europa steht die Europäische Zentralbank vor Inflationsrisiken, die eine Leitzinssenkung nicht nahelegen. Diese Sachlage kann auch ein Spitzentreffen der Siebenergruppe nicht ändern. Der Weltwirtschaft ist am besten gedient, wenn jedes Land seine Hausaufgaben macht, anstatt sich auf Druck der Partner auf Experimente einzulassen.

Die Forderungen überschlagen sich

Riskante Schnellschüsse drohen auch mit Blick auf die Finanzkrise. Vor dem Treffen der Siebenergruppe überschlagen sich die Forderungen nach einer höheren Liquiditäts- und Eigenkapitalausstattung von Finanzinstituten, nach nichtamerikanischen Ratingagenturen oder einer scharfen Kontrolle von verbrieften Kreditrisiken. All dies vermittelt den Eindruck, als ob die mit größerer Weisheit ausgestattete Politik den gewinngierigen Finanzinstitutionen nur ihre Grenzen aufzeigen müsse, um Finanzkrisen zu vermeiden. Tatsächlich sind von den Auswirkungen der sehr lockeren Immobilienkreditvergabe in den Vereinigten Staaten aber alle überrascht worden: die Finanzinstitute, die Ratingagenturen, die Finanzaufseher, die Notenbanken und die Politiker. Eine höhere Weisheit hat vor der Krise niemand erkennen lassen.

Dennoch folgt die Debatte im Kreis der Siebenergruppe dem Bild des Wettlaufs zwischen Hase und Igel: Die Politik rennt den Finanzinstituten hinterher, um deren gefährliche Finanzinnovationen regulierend unter Kontrolle zu bekommen. Außen vor bleibt eine andere Interpretation der derzeitigen Vorgänge an den Finanzmärkten. Krisen sind einer Marktwirtschaft immanent. Sie haben eine reinigende Funktion, korrigieren die Übertreibungen, lassen alle Beteiligten lernen und tragen so zu mehr Transparenz bei – ohne wünschenswerte Innovationen wie die Risikostreuung durch Kreditverbriefung zu blockieren. Je mehr die Politik dem Spiel an den Finanzmärkten indes Grenzen setzt, desto mehr weichen die Finanzinstitute zur Gewinnerzielung in abenteuerlichere und noch kompliziertere Anlagekonstrukte aus, um der Regulierung zu entgehen – und vergrößern so die Intransparenz an den Märkten. Diese marktwirtschaftliche Sicht der Dinge gebietet, sich mit reflexhaften Forderungen nach mehr Regulierung zurückzuhalten. Dem Vertrauen an den Finanzmärkten und in der Bevölkerung, dass auch diese Krise kein Weltuntergang ist, wäre damit am meisten gedient.

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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