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Szenario einer Katastrophe : Warum sich Berlin auf den Ausbruch einer Seuche vorbereitet

Notfallmediziner müssen auf den Ernstfall einer Pandemie vorbereitet sein. Bild: dpa

Am Brandenburger Tor rufen die Gesundheitsminister der G-20-Staaten heute die Katastrophe aus – zumindest testweise. Das Szenario: Eine Seuche ist ausgebrochen und bedroht die ganze Welt. Wie realistisch ist das?

          Das Virus ist neu, aggressiv und schnell. Es greift die Atemwege an. Binnen weniger Wochen sterben Hunderte Menschen. Das Gesundheitssystem ist überfordert. Es fehlen Ärzte, Pfleger, Medikamente. Das Virus überschreitet erste Ländergrenzen. International macht die Epidemie Schlagzeilen, Nachrichtenseiten berichten, Fernsehsender zeigen Bilder von leidenden, geschwächten Kindern, Frauen, Männern. Auch in weit entfernten Ländern werden erste Erkrankungen registriert. Aktienkurse brechen ein, Flugverkehr wird eingestellt. Wann herrscht Ausnahmezustand nicht nur in „Anycountry“?

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das Script für die Notfallübung, die die Gesundheitsminister der G-20-Staaten Freitag und Samstag in Berlin abhalten, ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Der Ernstfall könnte nicht nur in „Anycountry“ eintreten, einem „fiktiven Land mit geringem Einkommensniveau“, heißt es. Erst wenige Jahre ist es her, dass der große Ebola-Ausbruch in Afrika die Welt erschüttert, mehr als 11.000 Menschen das Leben gekostet und die Wirtschaft ganzer Länder zerrüttet hat. Sars, die Vogelgrippe, Cholera – das sind nur einige der Krankheiten mit Pandemiepotential, die die Weltgesundheitsorganisation WHO auflistet. Die Millionen Toten wegen Pocken, „Spanischer Grippe“ vor hundert Jahren und „Hongkong-Grippe“ 1968 bis 1970 nicht zu vergessen.

          Notfallübung im Kellergeschoss

          Deshalb ist die Pandemiegefahr jetzt Thema der Gesundheitsminister der Gruppe der 20 einflussreichsten Staaten der Erde. Ihr Treffen in Berlin am Freitag und Samstag ist eine Premiere. Die Notfallübung im Kellergeschoss eines schicken Tagungsgebäudes am Brandenburger Tor auch. Zum „Lagezentrum“ haben nur die Chefs und je ein Vertreter Zutritt. Das soll den Stress erhöhen.

          Die Bundesregierung hat Gesundheitspolitik über die Jahre zu einem festen Bestandteil ihrer internationalen Politik gemacht. Kein Gipfel, auf dem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht die Bedeutung von Seuchenbekämpfung und Gesundheitsvorsorge betont hat. Während der deutschen G-7-Präsidentschaft vor zwei Jahren hat sie drei Themen auf die Tagesordnung gesetzt: Lehren aus der Ebola-Katastrophe, Bekämpfung armutsbedingter Tropenkrankheiten und den Kampf gegen die wachsenden Resistenzen gegen Antibiotika. Als einer von wenigen Regierungschefs ist Merkel zur WHO nach Genf geflogen und hat vor dem Plenum geredet. Das ist zu Hause nicht weiter aufgefallen, in der WHO schon.

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          Merkel hat Gesundheit bewusst zum Thema des diesjährigen G-20-Gipfeltreffens gemacht, den sie im Juli in Hamburg ausrichtet – und der viele Neben- und Untergipfel gezeugt hat. Allein in dieser Woche tagen die G-20-Arbeits- und Gesundheitsminister sowie die „Sherpas“, die persönlichen Beauftragten der Chefs. Die Finanzminister haben sich schon gesehen, ebenso die für Außen-, Agrar- sowie Informations- und Technologiepolitik.

          Die Kanzlerin muss nicht lange nach Begründungen suchen, warum ihr die Vorbereitung auf eine Pandemie auf dem Gipfel – neben Themen wie Syrien und Ukraine, der Handelspolitik, Afrika und dem Weltklima – wichtig ist. „Weil eine Epidemie, wenn sie sich von einem Ort der Welt aus schnell ausbreiten kann, auch die Wirtschaft der gesamten Welt in Mitleidenschaft ziehen kann.“ So hat sie das kürzlich vor Vertretern der Wirtschaft aus den G 20, der „B 20“, gesagt. Man brauche klare Reaktionspläne, Versicherungslösungen für gefährdete Länder, „damit diese Länder nicht sofort ins Chaos stürzen“. „Die nächste Gesundheitskrise wird kommen“, sagt Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). „Wir wissen nicht wann, wo und wie gefährlich das Virus sein wird. Deshalb müssen wir jetzt für solche Fälle üben.“ Gröhe verantwortet das Drehbuch.

          Welche Hilfe benötigt „Anycountry“?

          Das stellt viele Fragen: Welche Hilfe benötigt „Anycountry“? Wer aus dem Kreise der G20 stellt welche Kapazitäten? Wie kann die Hilfe koordiniert werden? Welche Rolle spielt die Weltgesundheitsorganisation? Müssen Reise- und Handelsbeschränkungen ausgerufen werden, oder sind sie kontraproduktiv? Wie können ungerechtfertigte Beschränkungen vermieden werden? Wie viel trägt die G20 zu einer angemessenen Finanzierung bei? Was tut die G20, um zukünftige Epidemien zu vermeiden?

          Die Angst vor der Pandemie ist nicht das einzige Thema, das die um Vertreter von Weltbank und WHO erweiterte Runde beschäftigen wird. Die Dauerbrenner Tropenkrankheiten und Antibiotika-Resistenzen stehen auch auf der Tagesordnung. Die Pharmaindustrie hatte bereits am Donnerstag zu einem Gesundheitsgipfel geladen. Aus der Bundesregierung schauten Gröhe und Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) vorbei. Gröhe plädierte für Anreize, damit die Industrie passende Antibiotika produziere. „B 20“- Präsident Jürgen Heraeus rief die G-20-Staaten dazu auf, mehr in Forschung und Entwicklung zu investieren.

          Das vernahm auch der argentinische Gesundheitsminister Jorge Lemus. Argentinien richtet den nächsten Gipfel aus. Vielleicht trägt er Merkels Engagement weiter, und internationale Gesundheitspolitik bleibt auf der G-20-Tagesordnung.

          Quelle: F.A.Z.

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