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G-20-Gipfel Risiko und Realität

24.09.2009 ·  In Pittsburgh wird um eine neue Weltfinanzordnung gerungen. Vor allem wird es um ein Thema gehen, das Laien fremd, Bankmanagern ein Begriff sein dürfte: die Einführung einer Obergrenze für den Schuldenhebel der Banken, im Fachjargon Leverage Ratio genannt.

Von Stefan Ruhkamp
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Wer die Regeln bestimmt, übt Macht aus. An diesen Grundsatz halten sich die Politiker auch beim großen Regierungstreffen in Pittsburgh. Öffentlich und als Vorgeplänkel profilieren sie sich gern mit politischen Kürthemen wie der Regulierung von Bonuszahlungen. Das befriedigt die Anhängerschaft in der Heimat und ist leicht zu transportieren. Wer ärgerte sich nicht über maßlose Zahlungen an unfähige Banker?

Doch hinter den Kulissen wird mit harten Bandagen um eine neue Weltfinanzordnung gerungen. Den Zentralbankern, Aufsehern und Politikern geht es sicher auch um ein stabileres System. Sie wollen das Gute für alle, sie wollen aber eben auch das Beste für ihre eigene Wirtschaft.

In Pittsburgh wird es in diesem Machtspiel vor allem um ein Thema gehen, das Laien fremd, Bankmanagern ein Begriff sein dürfte: die Einführung einer Obergrenze für den Schuldenhebel der Banken, im Fachjargon Leverage Ratio genannt. Was auf den ersten Blick wie eine längst überfällige Schranke für leichtfertige Banken wirkt, könnte für Europa zu einem ernsten Wettbewerbsnachteil werden, mindestens aber zu einem handfesten Streit mit den Amerikanern führen. Obendrein könnte die insbesondere von angelsächsischen Experten geforderte zusätzliche Regel das seit Jahren unter dem Namen Basel II im Aufbau befindliche neue internationale Aufsichtssystem für die Banken entwerten.

Der Reihe nach: Um die Gläubiger vor unseriösen Banken zu schützen, zwingt der Staat die Banken dazu, Eigenkapital zu besitzen. Je mehr Geld sie leihen und verleihen und je größer die Risiken sind, desto mehr Kapital brauchen sie. Mit dem System von Basel II werden die Regeln, die für die Bemessung des geforderten Kapitals gelten, reformiert. Basis für die Berechnung sind nun die mit dem Risiko gewichteten Aktiva. Je geringer die Qualität der Kredite und anderer Forderungen der Bank ist, desto mehr Kapital braucht die Bank.

Mit Basel II werden die Regeln reformiert

In der Finanzkrise hat sich eine Schwäche dieses Systems gezeigt. Manche Arten von Forderungen galten aufgrund falscher Annahmen als unbedenklich und harmlos; für sie musste kaum oder kein Eigenkapital gezeigt werden. Das gilt heute noch für Staatsanleihen guter Qualität, obwohl seit der Krise bekannt ist, dass auch solche vermeintlich sicheren Wertpapiere ihre Inhaber in den Ruin treiben können.

Wegen der geringen Risikogewichtung bestimmter Wertpapierarten können Banken mit relativ wenig Eigenkapital riesige Bilanzsummen anhäufen. Im Krisenfall kann die Bank zur Gefahr für das Finanzsystem werden. Und hier setzt der insbesondere von Amerika unterstützte Vorschlag an: Die Banken sollen nicht mehr nur die Kapitalregeln nach Basel II erfüllen. Sie sollen außerdem noch eine Kontrollgröße beachten: Ihre Bilanzsumme dürfte dann – unabhängig vom Risiko der Kredite – das Kapital nicht mehr um ein bestimmtes Maß übersteigen. Als zulässiger Faktor ist 25 im Gespräch. Das bedeutete eine Kapitalquote von 4 Prozent der Bilanzsumme. Nach extrem ausgestalteten Vorschlägen soll sogar nur der Faktor 16 erlaubt sein.

Die verzerrende Wikrung der Bilanzierungsregeln

Insbesondere für einige große europäische Banken könnte das sehr schädlich sein. Sie haben große Bilanzsummen und können ihre Geschäftsmodelle nicht ohne weiteres umstellen. In Amerika sind die Bilanzsummen dagegen traditionell geringer, weil ein viel größerer Teil des Kreditbedarfs der Wirtschaft über die Kapitalmärkte finanziert wird.

Hinzu kommt die verzerrende Wirkung der Bilanzierungsregeln. Für die Deutsche Bank zum Beispiel entspricht das harte Kernkapital etwa 1,2 Prozent der Bilanzsumme, so rechnet es die Citigroup in einer Studie vor. Würde die Deutsche Bank aber nach amerikanischen und nicht nach hiesigen Regeln bilanzieren, betrüge die Kapitalquote immerhin 3 Prozent.

Ein ebenes Spielfeld sieht anders aus

Die unterschiedlichen Bilanzierungsregeln könnte man natürlich angleichen oder zumindest bei den Kapitalanforderungen berücksichtigen. Doch auch dafür brauchte man wieder neue Regeln, und es ergäbe sich eine weitere Einladung für politische Einflussnahme und taktische Spielchen. Über Änderungen in den Bilanzierungsregeln ließen sich jederzeit regionale Vorteile erzielen, auf die Zentralbanken und Aufseher immer erst reagieren müssten. Ein ebenes Spielfeld, wie es auch von amerikanischer Seite immer wieder gefordert wird, sieht anders aus.

Das berechtigte Anliegen bei der Forderung nach einer Obergrenze für den Schuldenhebel ist, dass Banken in der übermäßigen Anhäufung von vermeintlich sicheren Anlagen gebremst werden müssen. Die Anhäufung von Summen, die allein wegen ihrer Größe zum Risiko für das Finanzsystem werden können, ist aber nur möglich, wenn die Risikogewichte im Basel-II-System falsch gewählt sind. Dort muss der Hebel angesetzt werden. Nach den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre ist es unverständlich, dass zum Beispiel vermeintlich erstklassige Staatsanleihen mit dem Risikogewicht null gehalten werden können. Eine Angleichung an die Realität ist notwendig und würde eine Regel für den Schuldenhebel überflüssig machen.

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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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