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Fall Heinz Müller : Verträge im Profisport auf der Kippe

Einst Torwart, nun Kläger: An diesem Dienstag verhandelt das Bundesarbeitsgericht in Erfurt die Revision im Fall Heinz Müller. Bild: dpa

Nur noch selten binden sich Profivereine und ihre Spieler für mehrere Jahre aneinander. Der frühere Mainz-Torwart Heinz Müller will das System befristeter Arbeitsverträge aus seinen Angeln heben. Und da kommt das Bundesarbeitsgericht ins Spiel.

          Die Vereine und Sportverbände blicken heute gebannt nach Erfurt. Vor dem Bundesarbeitsgericht wird heute über die Frage verhandelt, ob befristete Arbeitsverträge im Profisport rechtmäßig sind. Den Fall hat der frühere Bundesliga-Torwart Heinz Müller vor das höchste deutsche Arbeitsgericht gebracht. Der ehemalige Spieler des Bundesligisten FSV Mainz 05 streitet sich seit Jahren mit dem Verein über ausstehende Prämien und die Befristung seiner Arbeitspapiere. Hat der 39 Jahre alte Müller mit seiner Revision Erfolg, stehen die Arbeitsverträge in den meisten deutschen Profiligen auf dem rechtlichen Prüfstand (Az.: 7 AZR 312/16).

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Kern geht es um die Frage, in welchen gesetzlichen Grenzen eine Befristung von Arbeitsverträgen im Profisport möglich ist. Die hier einschlägigen gesetzlichen Vorschriften im Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) verlangen hierfür das Vorliegen eines sachlichen Grundes. Der liegt nach Paragraph 14 Absatz I Satz 2 Nr. 4 TzBfG vor, wenn zum Beispiel die Eigenart der Arbeitsleistung die Befristung rechtfertigt. Über die „Eigenart der Arbeitsleistung“ wurde schon ausgiebig vor deutschen Arbeitsgerichten gestritten.

          Wie lange spielt ein konkreter Spieler eine tragende Rolle?

          Zuletzt prominent im Sommer 2017, als zwei Schauspieler – die rund zwei Jahrzehnte Hauptrollen im Ensemble der TV-Krimiserie „Der Alte“ spielten – mit ihrer Kontrolle der Befristung vor dem Bundesarbeitsgericht scheiterten. Die langjährige Beschäftigung des TV-Kommissars überwiege nicht das Interesse an einer kurzfristig möglichen Fortentwicklung des Formats durch die Streichung seiner Rolle, hieß es in der damaligen Entscheidung.

          Übertragen auf den Profisport und den Fall „Heinz gegen Mainz“ bedeutet dies: Wie lange spielt ein konkreter Spieler in der Kaderplanung eine tragende Rolle? Und welche Aspekte sind für die Befristung des Anstellungsvertrags entscheidend? Üblicherweise werden im Profisport Verträge über eine Laufzeit zwischen einem bis drei Jahren geschlossen. Längere Arbeitspapiere, bis zu fünf Jahren, erhalten vor allem jüngere Spieler, die Vereine aufgrund ihrer Entwicklungskurve und damit auch Wertsteigerung langfristig an sich binden wollen. Schon andere Gerichte haben in Klagen von Fußballspielern entschieden, dass die „Eigenart“ der Leistung im Profisport besteht – aber eben quasi immer auch eine Wette gegen die Zeit und die körperliche Fitness eines Spielers ist.

          Der ehemalige Torwart Heinz Müller Anfang 2016 vor dem Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
          Der ehemalige Torwart Heinz Müller Anfang 2016 vor dem Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz : Bild: dpa

          Müllers letzter Vertrag war im Jahr 2012 für zwei Jahre verlängert worden, da war er schon 34 Jahre alt. Das Papier enthielt eine Klausel, wonach sich der Kontrakt ab einer bestimmten Anzahl von Einsätzen automatisch um ein weiteres Jahr verlängert. Doch Müller verlor seinen Stammplatz an Loris Karius (heute Liverpool), und der damalige Trainer Thomas Tuchel setzte nicht mehr auf ihn. Der kaltgestellte Torwart wehrte sich zunächst rechtlich gegen die Verlängerungsklausel, später dann griff er den Vertrag als solchen an. In Erfurt geht Müller aber nicht nur gegen die Befristung vor, sondern verlangt über 261.000 Euro an Prämien von Mainz 05 – die ihm nach seiner Ansicht zustehen.

          Vor dem Prozess halten sich die Streitparteien bedeckt. In der Deutschen Fußball Liga (DFL), der Dachorganisation der Fußballvereine der Erst- und Zweitligavereine, hofft man auf den Fortbestand des jetzigen Systems. Die Befristung von Arbeitsverträgen diene zum einen der Wettbewerbsfähigkeit eines Clubs und zum anderen dem Schutz der Integrität und Stabilität des Gesamtwettbewerbs einer Liga insgesamt, sagte Jürgen Paepke, DFL-Direktor Recht, der Nachrichtenagentur dpa. Sollten die Erfurter Richter zu einem anderen Schluss kommen, könnte dies ein Ende für aneinandergereihte, befristete Verträge im Profisport bedeuten – die mehr als 1000 Lizenzspieler könnten dann auf einmal Arbeitnehmer mit unbefristeten Arbeitsverträgen sein. Und das wäre in der schnelllebigen Welt des Fußballs eine echte Revolution.

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