14.05.2005 · Führungsqualitäten sind nicht angeboren: Die ersten Absolventen des Studiengangs Unternehmensnachfolge verlassen die FH Pforzheim. Der Masterstudiengang bereitet die jungen Unternehmer auf die freundliche Übernahme vor.
Von Alexia AngelopoulouKai Höpfinger schwitzt unter dem knöchellangen schwarzen Talar. Die Quaste seines Baretts baumelt frech hin und her. Seinen acht Kommilitonen ergeht es nicht besser, und doch strahlen alle voller Stolz, denn in den vergangenen 18 Monaten mußten sie einiges mehr auf sich nehmen als nur ein bißchen zu schwitzen.
Sie sind die ersten Absolventen des neuen Studiengangs MBA Unternehmensnachfolge der Fachhochschule Pforzheim. 18 Monate lang haben sie von Montag bis Mittwoch gearbeitet und von Donnerstag bis Samstag die Schulbank gedrückt, um besser für die Übernahme des elterlichen Unternehmens gewappnet zu sein. Nun gilt es nur noch einen zweistündigen Festakt zu überstehen, dann kann es losgehen.
Technik, Informatik, Steuer- und Wirtschaftsrecht
In den nächsten fünf Jahren stehen in Deutschland Schätzungen zufolge 350.000 Firmenübergaben an. Davon sind 900.000 Arbeitsplätze betroffen, mangels Nachfolger machen jährlich rund 5.000 Unternehmen dicht. Gleichzeitig kümmern sich bis zu 60 Prozent der Unternehmer nicht darum, wie die Nachfolgeregelung eigentlich aussehen soll. Dabei kommt jede siebte Übernahme überraschend - durch Krankheit oder Tod des Firmeninhabers.
Selbst wenn der Unternehmer das Glück hat, daß seine Kinder ernsthaftes Interesse daran haben, die Firma weiterzuführen, ist ein Wechsel noch längst nicht perfekt. Die jungen Leute haben zwar studiert, doch Kenntnisse von Technik, Informatik, Steuer- und Wirtschaftsrecht sind ebensowenig angeboren wie Führungsqualitäten. All diese Probleme und potentiellen Schwierigkeiten will man in Pforzheim mit dem neuen Masterstudiengang aus dem Weg räumen.
Die Übernahme ist sehr emotional
„Es war eine harte Zeit, aber es hat sich voll gelohnt“, sagt der 35 Jahre alte Kai Höpfinger. Alle mußten mitziehen: seine drei Jahre alte Tochter und seine Frau, die ihn während der vergangenen eineinhalb Jahre kaum zu Gesicht bekamen. Und seine Eltern, die in ihrem Zulieferbetrieb für Umformtechnik und Werkzeugbau die Hälfte der Zeit auf die Hilfe des Sohnes verzichteten. Verantwortung übergibt Höpfinger senior seinem Sohn im Alltag des Pforzheimer Unternehmens schon längst. "Der Junior hat Prokura in den drei Gesellschaften und alle nötigen Vollmachten", sagt Arnold Höpfinger. Trotzdem hat der Senior die Zusatzausbildung des Sohnes voll unterstützt.
Wie Kai Höpfinger selbst zugibt, hat ihn sein Maschinenbaustudium längst nicht ausreichend in Sachen Steuer, Bilanzierung und Finanzierung ausgebildet. „Das Hintergrundwissen, das ich hier erworben habe, ist enorm“, sagt er und fühlt sich nun „um einiges sicherer“, was die Firmenübernahme angeht. Auch wenn diese Übernahme eine sehr emotionale Sache ist, die man nicht nach dem Lehrbuch gestalten kann, wie Kai Höpfinger weiß. „Keiner darf gezwungen werden, beide müssen bereit sein“, sagt er. Deshalb werden die Eltern bei der Verleihung des Mastertitels elegant mit eingebunden. Studiengangleiter Professor Rolf Güdemann überreicht den Seniorchefs einen Staffelstab, den sie weiterreichen sollen, wenn es soweit ist. „Wenn Sie den Betrieb übergeben, tun Sie es richtig und ganz“, appelliert er an die Eltern. „Ihr Nachfolger wird vieles anders machen - ob besser oder schlechter, das kann nur die Zukunft zeigen.“
Studiengang Management Buy-In geplant
Derweil sitzen die neun Absolventen unter einem Bild von Auto-Pionier und Unternehmer-Vorbild Gottlieb Daimler und freuen sich um die Wette. Sie sind zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, haben sich aber auch aneinander gerieben. Man habe viel voneinander gelernt, sagt Absolvent Stephan Mertins, der in Michelstadt die Paul Mertins KG mit 20 Mitarbeitern leiten wird. Und man habe sich gegenseitig motiviert. Vor allem im vergangenen November, als ein Teil der Gruppe kurz davor war, die Sache hinzuschmeißen. Nicht etwa, weil das Studium nutzlos sei, sondern weil die jungen Leute der Ansicht waren, genug gelernt zu haben. Nun hätten sie nur noch ihre Abschlußarbeit verfassen müssen. Manch einer sah darin keinen Sinn, erinnert sich Kai Höpfinger. „Wir sind doch alle Praktiker, die meisten haben bereits Führungspositionen inne. Was braucht man da noch einen Titel?“, faßt er die Diskussionen zusammen.
Am Ende aber blieben alle bei der Stange, zur Freude von Studiengangleiter Güdemann. „Man sollte abgeben, wenn man nicht weiter steigern kann“, sagt er mit Blick auf die Firmeninhaber und macht vor, wie das geht. Nachdem er den Studiengang ins Leben gerufen und den ersten Schwung Studenten zum Abschluß gebracht hat, wird er die Leitung abgeben und sich einem neuen Projekt widmen: dem MBI, dem Management Buy-In. Er will einen Masterstudiengang entwickeln, der potentielle Firmenchefs auf die externe Übernahme von Unternehmen vorbereiten und sie dabei begleiten soll.
Absolventen profitieren von Praxisnähe
Schließlich hat längst nicht jeder Unternehmer das Glück, nachfolgewillige Kinder zu haben. Das hat man auch an der Fachhochschule Aachen erkannt, wo bereits im Januar die ersten Absolventen des Master-Aufbaustudiengangs Entrepreneurship gefeiert wurden. Der Gründer des Studienangebots, Professor Johannes Gartzen, nennt die Unterstützung des regionalen Mittelstandes als Ziel der Ausbildung: „Wir wollen die kleinen und mittleren Unternehmen der Region wirtschaftlich fördern, indem wir die Weiterbildung ihrer Führungskräfte in die Hand nehmen.“ Die Nachfolgelösung ist dabei eines der drängendsten Probleme, aber auch schlicht die fachliche Kompetenz.
Für die Absolventen selbst lohnt sich die Ausbildung genau deshalb: In Aachen hat man festgestellt, daß die ersten Jahrgänge noch vor Ende des Studiums ihre Aufstiegschancen im Unternehmen verbessert hatten oder bereits aufgestiegen waren, sofern sie das Unternehmen nicht ohnehin übernehmen würden. Die Themen ihrer Abschlußarbeiten verbanden viele direkt mit dem Unternehmen, in dem sie während des Studiums arbeiteten. Offenbar sind es vor allem die Praxisnähe und die neuen Kenntnisse in Sachen Unternehmensführung und Betriebswirtschaft, von denen die Absolventen profitieren.
Aber auch auf das Netzwerk legt man in Aachen großen Wert. „Die Studierenden und Absolventen, die gemeinsam diesen Studiengang durchlaufen haben, bilden zusammen mit den Dozenten ein Netzwerk, das sich von Jahr zu Jahr vergrößert und Synergien herstellt“, sagt Professor Gartzen. Das gilt auch für Pforzheim. Die Absolventen werden sich so schnell nicht aus den Augen verlieren.
FH Pforzheim
FH Aachen
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
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| Dow Jones | 12.589,30 | +1,08% |
| EUR/USD | 1,2505 | −0,29% |
| Rohöl Brent Crude | 106,70 $ | −0,52% |
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