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Frühkritik: Sandra Maischberger Klassenkampf auf dem Wohnungsmarkt

 ·  Nach einer Anmoderation auf RTL-II-Niveau diskutiert Sandra Maischberger über die „Mietpreis-Explosion“ in Deutschland. Die Runde spricht viel über die Folgen, viel zu wenig aber über die Ursachen der Wohnungsnot.

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© dpa Vergrößern Flucht vom Land in die Städte: Satellitensiedlungen für die Armen?

Sandra Maischberger lebt in einem aufgewühlten Deutschland. In einem Staat, in dem der Wind der Revolution die Couchpotatos aus ihren Sesseln treibt und Fernbedienungen durch Waffen ersetzt werden. „Es riecht nach Klassenkampf in den Straßen“, leitet die Moderatorin ihre Sendung zum Thema „Wohnen wird Luxus“ ein. Statt von Mietpreis-Steigerungen spricht sie von einer „regelrechten Mietpreis-Explosion“.

Zum Leidwesen der Zuschauer hält die triste Realität mit dieser Anmoderation nicht mit. Der Spannungsbogen fällt rapide ab, als eine ältere Dame zehn Minuten lang in monotonem Tonfall darüber klagen darf, dass der Vermieter ihr Bad- und das Küchenfenster luftdicht zugemauert hat, um sie zum Auszug zu bewegen. Offensichtlich wird, dass ihr Vermieter drastische Mittel anwendet. Unklar bleibt, ob er das Baurecht vielleicht sogar auf seiner Seite hatte, weil er eventuell ausreichende Fristen gesetzt und genug Alternativen vorgeschlagen hat. Die Mieterin jedenfalls fühlt sich im Recht. Weil sie sich die Wohnung nach einer Sanierung nicht mehr leisten könne, ist sie „völlig empört“. Der abschließende, geradezu groteske Rat der Moderatorin an die Verzweifelte: „Bleiben Sie heiter!“

Sei’s drum, nach dieser knappen Viertelstunde wird die Sendung erheblich besser. Ein Einspieler klärt darüber auf, dass die Mieten in den vergangenen fünf Jahren in einigen deutschen Ballungsräumen enorm stiegen – in München um fast ein Fünftel, in Hamburg um fast ein Viertel und in Berlin um fast ein Drittel. Zumindest der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP, Martin Lindner, will das jedoch nicht dem von Maischberger ausgemachten „Raubtierkapitalismus auf dem Wohnungsmarkt“ anlasten. Er verweist auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach die Kaltmieten in Deutschland seit der Jahrtausendwende lediglich um 14 Prozent gestiegen seien und somit „unterhalb der Inflationsrate“. Teuer sei Wohnen vor allem dadurch geworden, dass sich die Energiekosten in der gleichen Zeit verdoppelt und die sonstigen Nebenkosten immerhin um 19 Prozent erhöht hätten. Auf die Schnelle kann niemand die Zahlen prüfen, deshalb nimmt leider kein Teilnehmer der Runde den Faden auf.

Wie zu erwarten war, füllt ein jeder die Rolle aus, die ihm in der Sendung zugedacht war. FDP-Politiker Lindner und ein Makler formulieren die Grundsätze der Marktwirtschaft: „Steigt die Nachfrage nach Wohnungen, steigt der Preis.“ Statt von „Luxussanierungen“ sprechen sie von gestiegenen Ansprüchen der Mieter.

Minutenlanges Durcheinanderreden

Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) sieht das gegenteilig. Im Berliner Bezirk Pankow hat er dafür gesorgt, dass es so gut wie keine „Luxussanierungen“ mehr geben darf. Fußbodenheizungen, ein zweites Bad oder ein Kamin dürfen nachträglich nicht mehr eingebaut werden. So soll der Anstieg der Mieten begrenzt und das bisherige Milieu in Pankow erhalten bleiben. Unterstützung erhält er dabei vom Direktor des Deutschen Mieterbundes, der nicht zulassen will, „dass Arme an den Stadtrand gedrängt werden“.

Trotz minutenlangen Durcheinanderredens wird sich die Runde immerhin einig, dass es in Deutschland zu wenig Wohnungen gibt. Glaubt man dem Deutschen Mieterbund, fehlen rund 250.000 Einheiten. An diesem Punkt aber bleibt die Runde weitgehend stehen: Die Teilnehmer sprechen viel über die Folgen (gestiegene Mieten) und scharfe Gegenmaßnahmen (Preisdeckel). Viel zu wenig aber rücken die zentralen Ursachen der Wohnungsmisere ins Blickfeld.

Ein wesentlicher Grund für die Verknappung (und damit Verteuerung) vieler Wohnungen ist schlicht, dass die Zahl der Haushalte in Deutschland steigt, vor allem weil immer mehr Menschen alleine leben. Die Zahl der Einpersonenhaushalte an allen Privathaushalten erhöhte sich zwischen 1991 und 2010 von knapp 34 auf mehr als 40 Prozent. Das liegt daran, dass sich immer mehr Paare trennen und es aus demographischen Gründen mehr Witwen und Witwer gibt. Beide Trends dürften sich auch in Zukunft nicht umdrehen. Gleiches gilt für die Energiewende, die die Mietnebenkosten seit Jahren unerbittlich in die Höhe treibt.

Ein dritter Grund ist, dass es immer mehr Menschen vom Land in die Städte zieht, vielerorts ist die Belebung der Innenstädte politisch sogar ausdrücklich erwünscht. Nicht zuletzt werden in den kommenden fünf Jahren bis zu zwei Millionen Migranten erwartet, die vornehmlich in die Städte strömen werden. Zum einen stehen in den Ballungsräumen ihre Chancen wesentlich besser, einen Arbeitsplatz zu ergattern. Zum anderen haben Ausländer anders als viele Einheimische keine Familie oder Freunde, die sie sie zum Verbleib auf dem Land veranlassen.

Kaum noch freie Flächen in den Städten

Da der Wohnungsmarkt, wie es der Name bereits verrät, nun mal ein „Markt“ ist, werden Angebot und Nachfrage über den Preis zum Ausgleich gebracht. Im Gegensatz zu Maischbergers Runde sollte die Politik daher besser nicht auf rigide Preisdeckel fokussieren, sondern dafür sorgen, dass die Kommunen mehr Baugenehmigungen erteilen und das Angebot erhöht wird. Zumindest in den vergangenen Jahren war aber genau das Gegenteil der Fall: Die Zahl der Baugenehmigungen sank von 639.000 im Jahr 1995 auf 228.000 im Jahr 2011. Einige Großstädte sprechen davon, dass es kaum noch freie Flächen gebe. Andere Marktteilnehmer werfen den kommunalen Baubehörden schlicht Versagen vor.

Eine breite Diskussion hierüber hätte der Runde gut getan und das aufgewühlte Deutschland Maischbergers beruhigt. Baugenehmigungen riechen nämlich so gar nicht nach „Klassenkampf in den Straßen“.

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