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Gastbeitrag : Trumps vermeintlicher Schutzpatron

  • -Aktualisiert am

„Make America great again“ und „America First“? Zumindest von seinem zweiten Wahlkampfversprechen redet Donald Trump nun kaum mehr. Bild: AP

Sobald es um Protektionismus geht, wird Friedrich List als Befürworter angeführt. Doch diese Vorstellung ist ein krasses Fehlurteil.

          In seinem Wahlkampf und bei seinem Amtsantritt als Präsident der Vereinigten Staaten hat Donald Trump mit seinem Slogan „America first“ den europäischen und asiatischen Staaten Angst eingejagt und viele das Fürchten gelehrt, indem er sich zum Protektionismus bekannte. Trump hat diesen zum zentralen Prinzip seiner Wirtschaftspolitik erklärt. Er drohte damit, dass zirka 20000 Importgüter mit Strafzöllen belegt werden, was deren Verteuerung um zirka 10 Prozent zur Folge haben würde. Für dieses wirtschaftspolitische Programm wurde Trumps damaliger Berater Stephen Bannon verantwortlich gemacht, der in manchen Kommentaren als „Trumps dunkler Einflüsterer“ bezeichnet wird.

          Stets dann, wenn das Unwort „Protektionismus“ in der wirtschaftspolitischen Diskussion herumgeistert, muss der geniale und viel verkannte deutsche Nationalökonom und Eisenbahnpionier Friedrich List (1789 bis 1846) als Kronzeuge herhalten. Ja, er wird sogar zum „Vater des Protektionismus“ hochstilisiert. Bei Umfragen unter Wirtschaftsexperten taucht das Wort Protektionismus immer wieder wie ein altes Gespenst auf und deutet auf die größte Gefahr der Weltwirtschaft hin. In einer Kolumne der „Neuen Zürcher Zeitung“ vor einiger Zeit mit der Überschrift „Trumps Schutzpatron“ stellte Thomas Fuster die Behauptung auf, dass List sozusagen der auserwählte Heilige des amerikanischen Präsidenten sei. Das ist eine abenteuerliche Behauptung, leider wird sie aber oft gehört. List war aber nicht für Zollschranken, sondern ganz im Gegenteil für deren Abschaffung.

          Lists Äußerungen bezogen sich auf den Welthandel

          Bereits in seiner berühmten Denkschrift zur Abschaffung der Binnenzölle in Deutschland vom April 1819 an die in Frankfurt tagende Bundesversammlung schrieb List: „38 Zoll- und Mautlinien lähmen den Verkehr und bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes überfließe.“ Weiter heißt es: „Nur alsdann werden die Völker der Erde den höchsten Grad des physischen Wohlstandes erreichen, wenn sie allgemeinen, freien, unbeschränkten Handelsverkehr unter sich festsetzen.“

          Damit meinte er ganz offenkundig nicht nur die deutschen Territorialstaaten (List war ein wichtiger Befürworter der deutschen Zollunion von 1834, die endlich freien Handel in Deutschland ermöglichte), sondern er meinte den gesamten Welthandel. Dies schließe jedoch nicht aus, dass zur wirtschaftlichen Entwicklung temporäre Schutzzölle im Sinne des Infant-Industry-Arguments zur Förderung von Schlüsseltechnologien (siehe zum Beispiel, was Japan, Korea und China tun) ratsam und sinnvoll sein können. Nicht verwunderlich ist, dass es auch in China seit einiger Zeit Interesse an Friedrich List gibt.

          Von Protektionismus ist kaum noch die Rede

          Dies ist jedoch ein völlig anderer Ansatz als die Absichtserklärung von Donald Trump. Während List die Zölle und Mauten als temporäre Steuerungsinstrumente zur „Erziehung“, das heißt zur Entwicklung rückständiger Länder verstanden wissen wollte, um deren Produkte für den internationalen Handel wettbewerbsfähig zu machen, möchte sie Trump als Strafmaßnahmen gegen ausländische Konkurrenten vor allem zum Schutz von alten, „rusty“ Industrien in den Vereinigten Staaten einsetzen.

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